Kultur

Berlinale erleben in der eigenen Nachbarschaft

Seit Jahren geht das Filmfestival auch in die Kieze. Am Montag war das Odeon-Kino an der Reihe

Das Wort "Kiez" meint in Berlin etwas komplett anderes als etwa in Hamburg. Während es im Norden vor allem für das Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn verwendet wird, steht es hier für einen überschaubaren Wohnbereich, in dem es so etwas wie nachbarschaftliche Gefühle gibt. Wer sich an der Dominicusstraße in Schöneberg umschaut, wird das Wort aber eher im Hamburger Sinn gebrauchen wollen: Zum Kiez gehören hier das "6666 Sexfilmcenter", die "Lustgarten"-Tabledance-Bar ("Erstgetränk: 10 Euro") und das "Erotik Kino 26". Gegenüber ist ein Geburtshaus. Was für eine lebensbejahende Gegend, könnte man jetzt denken, aber es ist doch alles sehr verschrammt, vergangen und traurig.

Das ist aber natürlich nicht der ganze Kiez, um den es hier geht. Nur ein paar Hundert Meter entfernt steht das Wahrzeichen, der Schöneberger Gasometer. Wer dort vorbeigeht, kann noch ein bisschen weiter Richtung Kolonnen- zur Gotenstraße spazieren, wo es in der schönen Jansen-Bar sehr gute Cocktails gibt. Oder man biegt von der Dominicus- in die Hauptstraße ab und geht ins Odeon, das im Grunde auch so ein Wahrzeichen dieser Gegend ist.

Der schöne Neonschriftzugist leider gerade defekt

Derzeit ist der Neonschriftzug, der sonst so wunderbar giftgrün in die Gegend leuchtet, leider kaputt. Aber dafür liegt am Montagabend der mobile Rote Teppich der Sektion "Berlinale goes Kiez" vor dem schlichten, etwas nach hinten versetzten Flachbau. Für die Vorstellung um 18.30 Uhr hat bereits das Team des Films "Der junge Karl Marx" darauf posiert, am späteren Abend steht noch der Wettbewerbsfilm "Una mujer fantástica" von Sebastián Lelio an. Aber noch ist etwas Zeit.

Das Odeon, kann man im Kino erfahren, wurde 1950 auf einem Ruinengrundstück als "Filmbühne Sylvia" erbaut. 1982 wurde es von der Yorck­-Kinogruppe übernommen und 1985 umbenannt. Mit Vorliebe wurden (und werden) hier Filme in ihrer Originalsprache gezeigt, was viele Jahre lang viel ungewöhnlicher war, als es heute klingt. Wer in den 90er-Jahren in Berlin gelebt und eine Abneigung gegen deutschsprachige Synchronisationen gehegt hat, der traf sich oft und gern im Odeon.

Seit 2010 sorgt die Sektion "Berlinale goes Kiez" dafür, dass auch die liebevoll gepflegten Programmkinos der Stadt auf den Filmfestspielen eine Rolle spielen dürfen – und die sind allemal sehenswerter als die riesigen Vorführfabriken rund um den Potsdamer Platz. Hier im Odeon ist das Foyer schon eine Dreiviertelstunde vor dem Beginn des Films überfüllt – und wenn man sich die Menschen so ansieht, stellt man schon einige Unterschiede zu dem Zuschauern am Potsdamer Platz fest.

Die um den Hals gehängten Journalisten-Badges sind hier klar in der Minderheit, die meisten zeigen die ausgedruckten Tickets der Online-Buchung vor. An zufällig mitgehörten Gesprächen hört man heraus: Das Kiez-Kino zieht tatsächlich vor allem die Menschen aus der Nachbarschaft an. Sowie die nicht eben kleine spanischsprachige Community der Stadt, die sich ihre Filme in Berlin sonst leider nur selten im Original ansehen kann.

Regisseur Lelio, die große Nachwuchshoffnung des chilenischen Kinos, kann heute leider nicht dabei sein – er ist gleich nach der Weltpremiere am Vorabend zurück nach New York geflogen, um dort mit Rachel Weisz und Rachel McAdams seine erste Hollywoodproduktion zu drehen. Aber seine beiden Hauptdarsteller sind hier. Daniela Vega, die wir gleich in der Rolle der fantastischen Frau, der "mujer fantástica" Marina sehen werden, und Francisco Reyes, der ihren gereiften Liebhaber Orlando spielt.

Man begreift sehr schnell, dass dies ein ungewöhnlich dicht erzählter Film mit einem großen Thema ist. Marina ist eine Transgender-Frau, für die Orlando seine Familie verlassen hat. Die beiden verbringen einen romantischen Abend zusammen und schmieden Pläne für die Zukunft. Aber in der Nacht wird Orlando plötzlich schwindlig. Marina bringt ihn ins Krankenhaus, wo der 20 Jahre ältere Geliebte an einem Hirnaneurysma verstirbt.

Wir begleiten Marina dabei, wie sie diesen Schock verarbeitet – und wie sie aufgrund ihrer Identität als Transgender-Mensch immer wieder daran gehindert wird, einem zutiefst verständlichen Wunsch nachzugehen: um ihren Geliebten zu trauern. Orlandos Familie drängt sie, die gemeinsam bezogene Wohnung schnellstmöglich zu verlassen. Weil Orlando auf dem Weg ins Krankenhaus eine Treppe hinuntergefallen ist und der Leichnam deshalb Verletzungen aufweist, wird sie von der Polizei auch noch wie eine Verdächtige behandelt. Die Trans-Schauspielerin Daniela Vega spielt das derart über­zeugend, dass man sie zum engeren ­Favoritenkreis für den Darstellerpreis der Berlinale zählen muss. Je mehr Ablehnung ihr entgegenschlägt, umso liebevoller und aufmerksamer wendet sich die Kamera ihrem Gesicht zu, das auf jede Demütigung mit einer Mischung aus Verletzung und trotziger Stärke reagiert.

"Wenn ich in Chile sterbe, darf mein Vorname nicht auf meinen Grabstein geschrieben werden", erzählt Daniela Vega, als die beiden Hauptdarsteller nach der Vorstellung im Odeon noch Fragen aus dem Publikum beantworten. Dem angeregten Gespräch merkt man an: Die Kraft des Films liegt darin, dass er Fragen an eine Gesellschaft stellt, die Menschen anhand geschlechtlicher Zuschreibungen sortiert – und klarmacht, wie inhuman diese Sortierung sein kann. Ein Thema, so spannend, dass es die Menschen fast bis Mitternacht im Odeon hält.

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