J. J. Voskuil

Epos aus Holland: 5200 Seiten über das Angestellten-Leben

Melancholie und Alltag: J. J. Voskuil hat sieben Bände über Minidramen, Leerlauf und sinnlos verrinnender Lebenszeit im Büro verfasst,

J. J. Voskuil hat 1957 mit seiner Arbeit in Amsterdam angefangen. Das Bild hätte ihm gefallen. Er mochte keine Autos

J. J. Voskuil hat 1957 mit seiner Arbeit in Amsterdam angefangen. Das Bild hätte ihm gefallen. Er mochte keine Autos

Foto: Folio Images RF / mauritius images

Seit über drei Jahrzehnten arbeitet Maarten Koning am Institut zur Erforschung niederländischer Volkskultur in Amsterdam. Seine Skepsis gegenüber seinen Fähigkeiten ist dieselbe wie im Jahre 1957, als er dort anfing. "Je älter ich werde, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass ich für diese Arbeit vollkommen ungeeignet bin." Womit er nicht gesagt haben möchte, dass er seine Kollegen für fähiger hält.

Maarten Koning ist Abteilungsleiter und hat mehr mit Menschen zu tun, als er sich je gewünscht hatte. Forschen möchte er, ansonsten möge man ihn in Ruhe lassen. Er weiß aber auch, warum er in der Hierarchie nach oben gerutscht ist: Er kann "niemanden über sich und neben sich duldete. Er wollte allein verantwortlich sein, aber nicht aus Machtgier, sondern weil er sich bedroht fühlte".

Eine beunruhigende wie auch eine tröstliche Botschaft

Erschaffen hat Maarten Koning der Kulturwissenschaftler J. J. Voskuil, 1926 in Den Haag geboren, 2008 in Amsterdam gestorben. Fiktiv ist hier wenig, J. J. Voskuil hat nach seiner Pensionierung auch über seine Arbeit am Institut geschrieben. Herausgekommen ist ein größenwahnsinniges Epos. 5200 Seiten zählt "Das Büro". In den Niederlanden erschien "Het Bureau" in sieben Bänden, die zwischen 1996 und 2000 auf den Markt kamen und sich über 400.000-mal verkauften.

In Deutschland, durch seine höhere Bevölkerungszahl, käme es einer verkauften Auflage von zwei Millionen Stück gleich. Vor ein paar Jahren nahm der Beck Verlag einen Anlauf auf dem deutschen Markt, verabschiedete sich aber nach enttäuschenden Verkaufszahlen des ersten Bandes von dem Projekt. Bessere Kondition zeigt der Verbrecher Verlag aus Berlin, der in diesem Herbst Band 5 "Und auch Wehmütigkeit" sowie Band 1 "Direktor Beerta" herausgebracht hat. Enden wird die Serie mit Band 7 im Herbst des kommenden Jahres.

Problemlos kann der Leser auch mit dem fünften Band einsteigen, das Personalarsenal ist nur am Anfang etwas unübersichtlich. Aber schnell kommt es einem vertraut vor: Es gibt die störrische Kollegin, die bei jedem Vorschlag automatisch in die Opposition geht, es gibt den undurchsichtigen Kollegen, der keine Arbeit zu Ende bringt, es gibt den fröhlichen Kollegen, der zuweilen unerklärlich gedankenlos ist. Alle Typen von Angestellten sind in dem Institut zu finden, und jeder, der eine längere Zeit in einer größeren Organisation oder Firma gearbeitet hat, wird bei der Voskuil-Lektüre irgendwann, so wie Thomas Glavinic einen (seinen besten) Roman nannte, rufen: "Das bin doch ich".

Es die beunruhigende wie auch irgendwie tröstliche Botschaft dieser Lektüre: Das Leben eines Angestellten mit seinen Minidramen, dem Leerlauf, dem Gefühl der Überforderung, den Momenten der Privatheit, der sinnlos verrinnenden Lebenszeit, der Sorge vor Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen, den Momenten der Vertrautheit mit dem liebsten Kollegen, all das verläuft in Westeuropa seit Jahrzehnten in sehr ähnlichen Bahnen. So gesehen findet die "zunehmende Individualisierung" in Westeuropa, die Soziologen ja gern und immer wieder zu beobachten glauben, nicht statt.

Ein Haus ohne Fundament

Wir sind im Jahr 1979, die Sommerferien sind vorbei, Maarten hat sie wie jedes Jahr mit seiner Frau in Frankreich verbracht. Als er zurückkommt, ärgert er sich, dass Dinge, die er glaubt, delegiert zu haben, wieder bei ihm landen. Eines Tages werde er ein Buch über einen Chef schreiben, "der nichts lieber tut, als seine Verantwortung zu teilen, um sie los zu sein, aber es wird ihm nicht gelingen". Maarten ist zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt und die kommunikativen Anforderungen seines Beruf befremden ihn noch immer. Er fühlt sich unsicher und von den Kollegen geschnitten. Wenn er im Büro ins Plaudern kommt, schämt er sich anschließend für sich selbst. Er hilft den Kollegen und gibt ihn ungern Anweisungen. Mit ihnen fühlt er sich gleichermaßen solidarisch wie fremd. Nichts macht ihn unglücklicher und unsicherer als die Treffen mit anderen Abteilungsleitern und Ministerialbeamten. "Dieses Gerede über Dinge, die ihn nicht im Entferntesten interessierten, die vorgetäuschte Begeisterung, die Standpunkte, die eingenommen werden mussten – er fühlte sich wie jemand, der ein Haus gebaut hatte und als Einziger wusste, dass es ohne Fundament war."

Maarten hat, das weiß er selber, eine ausgewachsene Depression. Nur einmal bricht sie im fünften Band aus ihm heraus, nach einem Streit mit Nicolien ruft er: "Keiner! Keiner mag mich!" und wirft sich auf das Bett. "Ich habe so ein Scheißleben", sagt er noch. Am nächsten Tag geht er wieder ins Büro.

Sein Leben kreist um die Arbeit, zum Entsetzen seiner Frau. Sie war von Anfang an – seit 1957 – dagegen, dass er als Angestellter arbeitet und aus ihrer Sicht Teil des Systems wird. Sie hätte gern, dass ihr Mann frohgemuter, vor allem gesprächiger wäre. "Du hast den ganzen Morgen noch kein Wort gesagt", wirft sie ihm vor, "du sitzt beim Frühstück, ohne einen Ton herauszubringen, als ob du dir über irgendetwas furchtbare Sorgen machst". Nicolien ahnt natürlich, dass Maarten an die Arbeit gedacht hat, aber der wird sich hüten, ihr das zu sagen. Das würde sie nur noch wütender machen. Schachspiele einer Ehe, wo jeder Zug und jede mögliche Gegenbewegung, bedacht wird. Die loriothaften Dialoge, in denen sie ihm permanent unterstellt, doch eigentlich etwas anderes als das Gesagte zu meinen, müssten auf die Theaterbühne. Einen Spannungsbogen hat das Buch nicht. Der ist nicht nötig, das haben andere Epen der vergangenen Jahre gezeigt. Gerhard Henschels dicke Romane über Martin Schlosser, der eine denkbar langweilige Jugend in Meppen verbringt, waren genauso schwer zur Seite zu legen wie Karl Ove Knausgårds autobiografische Buchreihe. Das Leben schreibt die besten Geschichten, heißt es. Mit J. J. Voskuil hat es einer seiner besten Erzähler gefunden.

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