Hofer Filmtage

Chris Kraus eröffnet Hofer Filmtage und wird dabei wehmütig

Vor zehn Jahren erlebte der Regisseur in Hof mit „Vier Minuten“ seinen Durchbruch. Jetzt eröffnet sein neuer Film das 50. Filmfest.

Hof wird ihn nostalgisch machen, vor allem nach dem Tod von Heinz Badewitz: Der Berliner Filmregisseur Chris Kraus

Hof wird ihn nostalgisch machen, vor allem nach dem Tod von Heinz Badewitz: Der Berliner Filmregisseur Chris Kraus

Foto: Reto Klar

Es ist genau zehn Jahre her, da wurde Chris Kraus mit seinem Film "Vier Minuten" auf den Hofer Filmtagen international entdeckt – nachdem zuvor erst mal keiner den Film haben wollte. In diesem Jahr feiert das Filmfest nun sein 50-jähriges Bestehen. Und wird am Mittwoch eröffnet mit Chris Kraus' neuem Film "Die Blumen von gestern" mit Lars Eidinger, Adèle Haenel und Hannah Herzsprung. Ganz schön mutig, denn es ist eine Komödie über die Holocaustforschung, die polarisieren wird. Seinen neuen Film hat Kraus Heinz Badewitz gewidmet, dem Gründer und langjährigen Leiter des Festivals, der im März gestorben ist. Die Widmung hat Kraus schon zu dessen Lebzeiten gegeben, jetzt will er sie als "stillen Gruß" verstanden wissen. Wir haben den Berliner Filmregisseur kurz vor seiner Abreise nach Hof getroffen.

Herr Kraus, mit Ihrem neuen Film hätten Sie wahrscheinlich auf ganz andere, größere Festivals gehen können. Stattdessen eröffnet er das Filmfest Hof. Ist das eine Hommage, ein Dankeschön an Heinz Badewitz?

Chris Kraus: Ich habe dem Festival viel zu verdanken und hatte ein sehr enges Verhältnis zu Heinz Badewitz. Und ich war sehr erschüttert, als ich von seinem Tod erfuhr. Das hat alle ganz unvorbereitet getroffen, damit hat ja niemand gerechnet. Ich kann es auch noch gar nicht richtig fassen, dass er nicht mehr sein soll. Und er wird jetzt in Hof sicher noch mal sehr lebendig werden. Tatsächlich hat er mich aber schon seit drei Jahren nach den Fortschritten des Films gefragt und ihn dann nach einem Gespräch während der letzten Berlinale auch blind ins Programm aufgenommen.

Wie wichtig war Heinz Badewitz für Sie?

Ich verdanke ihm beruflich alles. Ich hatte mit "Vier Minuten" damals ja erst mal traumatische Erfahrungen. Weder die großen noch die kleinen, nicht mal die klitzekleinen Festivals wollten ihn zeigen. Das war Heinz aber wurscht. Er hat ihn gesehen und wollte ihn sofort groß platzieren. Heinz war jemand, der einen ganz eigenen Blick hatte, eine eigene Haltung, und unter diesem Verschlumpften, was er ausstrahlte, steckte ein ganz kämpferisches Herz. Diese Verbundenheit, die er überall auslöste, hatte damit zu tun. Es ist unglaublich, wen er alles entdeckt hat, auch bei den ganz Jungen, bis zuletzt. Er hat es geschafft, von von Donnersmarck bis zu von Praunheim alle zu protegieren und zu verbinden. Und dabei nur auf seinen Glauben setzte und sich nie davon abhängig machte, welche Stars kommen oder welche Öffentlichkeit das bringt. Heinz hatte etwas Behütendes, ja, er war eigentlich die Caritas des deutschen Films.

Es ist genau zehn Jahre her, dass "Vier Minuten" in Hof zu sehen war. Wird man da nostalgisch?

Ja, total. Schon der Ort ist ja eigentlich dafür geschaffen, um nostalgisch zu sein. Du isst da immer deine nostalgische Bratwurst, du sitzt da in nostalgischen Kinos, nie hat sich dort was geändert, nicht mal die Frisur von Heinz. Der Ort ist ja perfekt für dieses Festival. Ohne Glamour, nicht schön, aber erdverbunden.

Kann man sich ein Filmfest Hof ohne Heinz Badewitz überhaupt vorstellen? Oder muss man Angst haben, dass es ohne ihn gar nicht mehr lange existieren wird?

Hof ist umzingelt von anderen, nachgeborenen Festivals, die mit viel mehr Kohle aufploppten. Aber Heinz hat es trotzdem geschafft, dass Hof immer das wichtigste Festival des deutschen Films war nach der Berlinale. Man kann sich das ohne ihn nicht so recht vorstellen. Aber ich wünsche mir sehr, dass es weitergeht. Ich glaube auch, dass all die Filmemacher, die Heinz miterschaffen hat, versuchen werden, dem Festival zu helfen. Indem sie ihre Filme weiter dort zeigen. Und so dem Nachwuchs die Chance geben, sich dort weiterhin präsentieren zu können.

Ihr Film zeigt das verrückteste Kinopaar des Jahres: einen Täter-Enkel und eine Opfer-Enkelin. Das Ganze ist dann auch noch eine Komödie über Holocaust-Forschung. Gab es da je Bedenken, ob man so etwas überhaupt machen darf?

Na, bei der Finanzierung schon. (lacht) Nein, ich finde sogar, dass man das machen, dass man sich das trauen muss. Aber das ist ein weites Feld, ich muss da etwas länger ausholen.

Bitte schön.

Ich habe meine eigene Familiengeschichte recherchiert, über zehn Jahre hinweg, und habe darüber erst ein Sachbuch geschrieben, später ist ein thematisch verwandter Roman entstanden, der im März 2017 erscheint, "Das kalte Blut". Das war eine sehr fordernde Auseinandersetzung. Da brauchte ich etwas Leichtes als Gegengewicht. Und bei den Recherchen in Archiven habe ich oft erlebt, wie Nachfahren von NS-Tätern und Nachfahren von NS-Opfern nebeneinander sitzen, sehr unbelastet mit der Situation umgehen und darüber auch Witze machen. Das hat mich selbst überrascht. Und zu dieser Liebesgeschichte inspiriert, zumal ich eine Anekdote über ein echtes Paar gehört hatte.Mir war aber klar, dass das nur als Komödie funktionieren kann. Nicht eine, die krachledern von Menschheitsverbrechen erzählt, sondern eine, die eher subtil den aktuellen Umgang mit dem Holocaust beleuchtet.

Sie ironisieren die Erinnerungskultur, wie sie derzeit praktiziert wird.

Die Institutionalisierung des Holocaust hat schon bei meinen Kindern dazu geführt, dass sie für das Thema kaum noch offen sind. Gerade bei Jugendlichen ist eine breite Ablehnung des Themas zu erkennen. Das halte ich schon aufgrund dessen, was ich über meine Familiengeschichte herausbekommen musste, für furchtbar. Schon bald wird ja sowieso ein anderer Umgang mit dem Holocaust nötig sein, fast alle Zeitzeugen sind inzwischen gestorben, bald wird keiner mehr in Schulen gehen und erzählen können, wie es wirklich war. Also muss man anders damit umgehen, muss die Folgen dessen, was geschehen ist, in der Gegenwart zeigen, und der Film ist mein Statement dazu. Ich bin sehr aufgeregt und gespannt, wie er jetzt aufgenommen wird.

Wie sind Sie auf Ihre Hauptdarstellern Adèle Haenel gekommen?

Das war ein großer Zufall. Es ist ja kein Geheimnis, dass der Film ursprünglich anders besetzt war. In fast allen Hauptrollen. Die Hauptdarstellerin ist abgesprungen. Als ich dann Adèle traf, hatte sie gerade ihren ersten César bekommen, jetzt nach dem zweiten ist sie der große Star in Frankreich. Und es ist verrückt, dass man sie hier noch gar nicht kennt. Sie konnte eigentlich kaum Deutsch, aber sie versprach, in sechs Monaten würde sie das flüssig sprechen. Der Film war für sie dann wirklich der Anlass, sich mit der Sprache ihres Vaters, eines Österreichers, auseinanderzusetzen. Auch Lars Eidinger ist erst später dazu gekommen. Am Ende war diese Besetzung von ihm und Adèle das große Glück für den Film. Weil die beiden auf extreme Weise ein extremes Paar spielen und das als Schauspieler auch aushalten mussten. Manchmal hilft das Schicksal bei Besetzungen: Auch in "Vier Minuten" sollte die Rolle von Monica Bleibtreu ja erst Jeanne Moreau spielen, was Gott sei Dank nicht geschah.

Auch Hannah Herzsprung spielt wieder mit. Eine Art Talisman?

Wir wollten immer noch mal zusammenarbeiten. In "Poll" sollte sie schon eine kleine Rolle spielen, die musste ich am Ende aber streichen. In "Die Blumen von gestern" gab es eigentlich keine Rolle für sie. Aber dann hat die Schauspielerin, die die Frau von Lars Eidinger spielen sollte, abgesagt. Hannah war ja viel zu jung für die Figur, aber sie mochte diese Herausforderung, und ich dachte, vielleicht ist das ja ein Zeichen. Und dann hat sie sich auch ohne Eitelkeit um zehn Jahre älter und dicker machen lassen und sich sogar Pfunde angegessen.

Sie sind ja auch ein bisschen ein Starmacher. Sind Sie stolz darauf, dass Hannah Herzsprung seit "Vier Minuten" und Paula Beer seit "Poll" so groß geworden sind?

Ja, schon. Weil ich sie beide menschlich sehr schätze. Und zu beiden besteht auch nach wie vor enger Kontakt. Sie verbindet, dass sie beide sehr bescheiden geblieben sind. Sehr hart arbeiten. Sie waren ja noch sehr jung, als das Theater losging. Das durchzuhalten, ohne abzuheben, und ihr Talent so zu perfektionieren, das ist ihnen großartig gelungen.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.