Tanz

"Etwas wird passieren": Es gärt beim Staatsballett

Die Staatsoper feiert ihr Eröffnungsfest im Schillertheater. Doch beim Staatsballett brodelt es. Für Sonntag ist ein Protest geplant.

Im Schillertheater lässt das Staatsballett die Besucher bei einer öffentlichen Probe zuschauen

Im Schillertheater lässt das Staatsballett die Besucher bei einer öffentlichen Probe zuschauen

Foto: Jörg Krauthöfer

Der Himmel strahlt blau über dem Schillertheater. Wimpel und Luftballons tupfen eine Extraportion Farbe vor die blasse Fassade, sommerlich gekleidete Menschen strömen durch die Gänge des Hauses. Im Hof legt eine DJane spätbarocke Musik von Carl Heinrich Graun. In der Werkstatt erklärt unterdessen eine Lichtdesignerin Kindern, wie man mit Farben Stimmungen auf die Bühne zaubern kann.

Auf den ersten Blick scheint die Stimmung ausgelassen beim Eröffnungsfest"Hello & Goodbye", mit dem die Staatsoper die aktuelle Saison beginnt. Der Titel bezieht sich auf die letzte Spielzeit im Umbau-Interim an der Bismarckstraße – ein Abschied mit lachenden Augen. Das Motto ließe sich allerdings auch auf eine Personalie beziehen, die erst am Mittwoch bekannt wurde: Ab 2019 soll Sasha Waltz zusammen mit Johannes Öhman das Staatsballett übernehmen.

Waltz steht als Choreografin klar für zeitgenössisches Tanztheater. Zwar hat sie in ihren jüngsten großen Arbeiten an den Berliner Opernhäusern, "Roméo et Juliette" an der Deutschen und "Sacre" an der Staatsoper, einen deutlichen Schwenk hin zum Neoklassizismus vollzogen, für den auch der jetzige Intendant Nacho Duato steht. Allerdings überwiegend mit Tänzern ihrer eigenen Compagnie, die mit Spitzentanz wenig am Hut haben.

"Wenn es richtig laut wird, wird man uns hören"

Natürlich geht da die Angst um. Bleibt für die bisherigen Tänzer, immerhin Deutschlands größte und Berlins einzige klassische Compagnie, noch Platz? Mindestens ebenso schwer wie die Personalien wiegen die Umstände ihrer Verkündigung. Am Mittwoch wurden die 88 Tänzer nur informiert, dass der Vertrag mit Duato nicht verlängert wird. Wer ihm nachfolgt, haben sie erst aus der Zeitung erfahren.

"Wir sind immer die letzten, die etwas erfahren", sagt die Compagniesprecherin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Dass kein Tim Renner, kein Michael Müller, keine Sasha Waltz bei ihnen aufgetaucht ist, macht sie wütend. Ihr Kollege, der ebenfalls anonym bleiben will, ergänzt: "Die Philharmoniker dürfen sich ihren Chef selbst wählen. Warum wir nicht auch?"

Verwundert sind beide darüber, dass die Nachfolgeregelung so früh veröffentlicht wurde. Das macht das Staatsballett für drei Jahre zur lahmen Ente. "Es ist schwer, mit diesem Wissen im Hinterkopf zu tanzen", sagt die Sprecherin. "Niemand bewirbt sich doch für ein Ensemble, das sich in absehbarer Zeit grundlegend verändern wird."

Der Unmut an der Waltz-Berufung entzündet sich aber nicht nur an Job-Ängsten. "Vladimir Malakhov hatte mit uns gearbeitet, bevor er Intendant wurde, auch Nacho Duato. Was interessiert Sasha Waltz an uns? Was weiß sie über uns?", fragt der Sprecher.

Und nun? "Wir glauben, dass man uns hört, wenn wir richtig laut sind", sagt er. Beim öffentlichen Training des Staatsballetts auf der Großen Bühne wenig später ist von Protest noch nichts zu spüren. Es ist der erste Auftritt der Compagnie seit der Waltz-Kür. Das Parkett ist voll, voller noch als beim Opern-Glücksrad zuvor. Euphorisch begrüßt das Publikum seine Stars, etwa Dinu Tamazlacaru, erster Solotänzer, der seine Sprünge besonders beeindruckend abzirkelt.

Das Ensemble hat nichts zu verlieren

Während Marita Mirsalimova am Flügel Polkas, Mazurkas und Walzer spielt, drehen die Tänzer in gemischten Gruppen und lässigen Probenoutfits unter zwei Kristalllüstern ihre Pirouetten, als wäre nichts geschehen.

Doch der Schein trügt. Die Mitglieder des Staatsballetts sind eine eingeschworene Gemeinschaft, seit sie vor einem Jahr gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen streikten – und einen Haustarifvertrag durchsetzten, der ihre prekäre Situation wesentlich verbesserte. Das verleiht den Tänzern jetzt Selbstbewusstsein. Dass sie immer noch Jahr für Jahr neu verlängert werden, gibt ihnen zusätzliche Unabhängigkeit. "Wir haben nichts zu verlieren", sagt die Ensemblesprecherin. "Und wir glauben, dass es nur besser werden kann, wenn wir uns wehren. Wir haben das Gefühl, dass die Berufung von Sasha Waltz eine Blitzentscheidung war. Und Blitzentscheidungen kann man auch immer rückgängig machen."

Sie wissen noch nicht was, aber etwas wird passieren

Vielleicht ist es diese Hoffnung, die bewirkt, dass es beim öffentlichen "Training zum Schauen und Staunen" zunehmend ausgelassen zugeht. Moderator und Ballettmeister Tomas Karlborg macht Witze, wirft der Pianistin Komplimente zu, tanzt mit oder ruft einem besonders motiviert springenden Tänzer ein "Schleimer!" hinterher.

Vielleicht ist die Laune aber auch deshalb so gut, weil sie wissen, dass sich etwas bewegt. Heute ist ein erster Protest geplant, wenn abends die Tanzsaison offiziell mit der Wiederaufnahme von "Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere" in der Komischen Oper beginnt. "Wir wissen noch nicht, was es ist", sagt die Compagniesprecherin. "Aber etwas wird passieren."

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