Kultur

Die Erinnerungen sitzen mit im Boot

Zwischen Heimat, Flucht und neuem Zuhause: Flüchtlinge gestalten eine Ausstellung im Museum für Europäische Kulturen

Haushohe Wellen schlagen über winzigen Booten zusammen. Türmen sich blutrot auf, reißen Menschen mit sich. Die schwimmen um ihr Leben. Wie tausend kleine Ameisen treiben sie auf den Wellenkämmen. Hier gibt es kein Weiterkommen nach Europa, nur den Tod. Szenen wie diese ziehen sich über die Wände des Museums für Europäische Kulturen in Dahlem. Flüchtlinge haben die Ausstellungsräume im Untergeschoss des Museums übernommen, um hier Einblicke in ihr Leben zu geben. Sie wollen zeigen, was sie bewegt, woher sie kommen und wie sie nun hier in Deutschland leben. Die Wände sprechen von etwas anderem. Tod, Verzweiflung, Angst. Die kann man so schnell nicht abschütteln. Die ist mitgekommen in die neue Heimat.

Aktuell, unkonventionell und politisch konzipiert

In vier Monaten haben die Asylsuchenden das Museum in einen fast 600 Quadratmeter großen Zeugen ihrer Flucht verwandelt. Die Ausstellung, so unkonventionell, so aktuell und politisch konzipiert, könnte schon einen ersten Vorgeschmack auf die Zusammenarbeit mit Paul Spies' Berlin-Etage im Humboldt-Forum geben. Denn man will ja zukünftig mit dem Dahlemer Museum kooperieren, es etwas mehr ins Stadtzentrum holen. Jedenfalls kündigte der Museumschef das in der vergangenen Woche bei der ersten Präsentation seines Konzepts für die Berlin-Ausstellung an. Auch die soll ja möglichst modern und aktuell sein und das Berliner Stadtleben authentisch repräsentieren. Spies, Chefkurator von "Welt.Stadt.Berlin", betont immer wieder, dass er die Besucher zum Mitmachen animieren will. Genau das ist nun schon in Dahlem geschehen.

Die Asylsuchenden, die die Räume gestalteten, stammen aus Afghanistan, Bosnien, Irak, Kosovo, Pakistan und Syrien. Die meisten von ihnen wohnen jetzt, nach ihrer Ankunft in Deutschland, in einem Heim in Spandau an der Grenze zum Industriegebiet. Zum Wohnen war das ehemalige Gesundheitsamt aber nicht geplant. Weil es keinen Raum zum Zusammensein gab, keine Möglichkeit über die kleinen Zimmer hinweg miteinander Zeit zu verbringen, hat sich im vergangenen Jahr die Initiative "Kunstasyl" eingeschaltet.

Die wollten die Geflüchteten herausholen aus der Abgeschiedenheit der Notunterkunft und der Tristesse aus Stockbett, Stuhl, Tisch, Schrank und Mülleimer. Stattdessen: mehr Austausch, mehr Kreativität, mehr Sichtbarkeit. So ist auch die Idee zur Ausstellung entstanden. Mit der Künstlerin Barbara Caveng haben die Geflohenen "daHEIM: Einsichten in flüchtiges Leben" auf die Beine gestellt. Sie machen ihre Kunst zum Vermittler – um über Sprachgrenzen hinweg das nachvollziehbar werden zu lassen, was sonst so schwer zu verstehen ist. Jeder bringt seine eigene Geschichte ins Museum.

Musaab beispielsweise erzählt mit roter Wandfarbe von den Bomben, die sein Leben in Damaskus zerstörten, von den Zeltlagern auf seiner Flucht, dem faustdicken Stacheldraht an den Grenzen, den Stunden auf dem Mittelmeer ohne Aussicht auf Überleben. Serdar zeichnet mit Graphit menschenfressende Wellen über die Wände, Serxhio malt die Schlangen vor dem Lageso, Diwali und Bereket lassen Metallbetten aus den Wänden ragen. Die sind hier ohnehin omnipräsent: Bettgestelle türmen sich mal wie aschgraue Skelette auf, mal dringen sie aus den Ecken in den Kunstraum ein, mal fließen sie wie riesige Wellen von der Decke herab. Dann werden sie zu Zäunen und zu Booten, als wären sie ein stetiger Begleiter der Flucht. Dabei sind sie häufig eher trauriger Lebensmittelpunkt der Asylunterkunft. Hier verschmilzt alles, Vergangenheit und Gegenwart, Flucht und Ankunft. Yasir hat sein Stockbett aufgebaut, mit einer durchgelegenen Matratze und einem Smartphone darauf. Auf dem läuft in Endlosschleife die Explosion eines Hauses, dunkle Rauchschwaden ziehen über den Bildschirm. Genau das ist, was diese Schau kann: Zeigen, wie es ist, wenn man endlich in der neuen Heimat angekommen ist, aber die alte nicht zurücklassen kann.

"'Zuhause', wenn ich dieses Wort sage oder höre, dann tut mir mein Herz weh. Ich werde nie wieder dieselbe Person sein, die ich einmal war", pinnt Ina Sado an die Wand. Die Balkanroute hat die Irakerin hier nachgemalt. Stacheldraht, fliegende Raketen, Fußabdrücke laufen über die Wand. Ihre Schuhe hat sie mit dazu geklebt, aus denen rinnt das Blut ihrer elfmonatigen Flucht. Überall zeichnen Karten hier Fluchtwege wie Ina Sados nach. Man kann sie mit dem Finger abfahren, diese endlosen Routen von Land zu Land, die immer weiter von der Heimat fortführten. Für die 20-jährige Selma ist die Flucht nach Deutschland bereits die zweite. Mit drei Jahren flieht sie an der Hand ihrer Mutter aus dem Kosovo-Krieg ins englische Leeds, vor drei Jahren dann, als die Familie nach Albanien ausgewiesen wird, nach Deutschland. Ihre Zerrissenheit zwischen Ländern und Grenzen, ihre vielen Heimaten hat sie auf den Museumswänden konserviert.

Museum für Europäische Kulturen,
Arnimallee 25. Di–Fr 10–17 Uhr, Sa–So 11–18 Uhr. Bis 2. Juli. 2017

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