Dahlem

Alliiertenmuseum zeigt Objekte aus dem Kalten Krieg

Das Alliiertenmuseum zeigt eine Sonderausstellung „100 Objekte. Berlin im Kalten Krieg“ mit verschiedenen Dingen aus dieser Epoche.

Das Spiel „Die Mauer“ kam 1987 auf den Markt, beworben als „spannendes Agentenspiel“

Das Spiel „Die Mauer“ kam 1987 auf den Markt, beworben als „spannendes Agentenspiel“

Foto: Alliiertenmuseum / BM

Der Verkehrskegel steht prominent in seiner eigenen Vitrine. Erhöht auf einem Sockel, mit einem einzelnen Strahler von oben ausgeleuchtet. Kostbar präsentiert wie ein Schmuckstück. Dabei ist es doch nur ein banaler Verkehrskegel. Oder nicht?

Wer sich den Kegel in der Ausstellung "100 Objekte. Berlin im Kalten Krieg" genauer anschaut – und das kann man dank der Glasvitrine von allen Seiten tun – der entdeckt verschiedene Unterschriften darauf, wohl mit Kugelschreiber geschrieben. Namen amerikanischer und englischer Soldaten sind dort verewigt, aber auch Namen sowjetischer Soldaten in kyrillischer Schrift. "Völkerfrieden" steht dort in Russisch (ein Kunstwort, das es wohl so im russischen Sprachgebrauch nicht gibt) und auf Englisch: "From Georgia with love". Ein Datum haben die Militärs freundlicherweise auch für die Nachwelt auf dem Kegel hinterlassen: 29. September 1990. Wenige Tage vor der Wiedervereinigung.

Wer nun die Geschichte des Kegels erfahren will, der wird keine Beschriftung an der Vitrine finden. Es steht lediglich eine Zahl auf dem Sockel: "43". Daraufhin nimmt man den Textfächer zur Hand, der am Eingang der Sonderausstellung ausliegt, und geht dort zu Objekt 43. Ahhh! "Lichtkegel von der Glienicker Brücke." Und dann kann man nachlesen, dass an besagtem Septembertag 1990 zehn Soldaten der alliierten Streitkräfte – Amerikaner, Engländer und Russen – gemeinsam die berühmte Brücke betraten, deren Grenzanlagen längst abgebaut waren, und sich auf diesem banalen Kegel verewigten. Wissend, dass sie Handelnde in einem historischen Moment waren: dem Ende des Kalten Krieges. Der Ort, der über Jahrzehnte ein geheimnisumwobener Austauschplatz für Ost-West-Spione gewesen war, wurde wieder zu einer ganz normalen Brücke, über die heute täglich Zehntausende von Berlin nach Potsdam fahren.

Im Depot geschlummert

Lange lagerte der Kegel im Depot des Alliiertenmuseums in Dahlem. Wie auch andere Objekte in dieser besonderen Ausstellung – beispielsweise die Rot-Kreuz-Armbinde, die ein US-Sanitäter an dem Tag trug, als sich am Checkpoint Charlie amerikanische und sowjetische Panzer im Oktober 1961 drohend gegenüberstanden. Oder die Schirmmütze des angelsächsischen "Berlin Golf Club" mit den vier Sektoren als Logo vorne auf dem Schirm, die Kinokartenrolle des Grenzkinos am Potsdamer Platz, der Geheimhaltungsstempel aus der Alliierten Kommandantur – for your eyes only. Jedes dieser Objekte kam aus den Tiefen des Depots und hat nun plötzlich seine eigene Vi­trine erhalten. Samt Geschichte, die daran hängt.

Das Ausstellungskonzept von "100 Objekte" ist sehr mutig, fast möchte man sagen radikal. Das Haus ist auf der Suche nach einer neuen musealen Erzählsprache. "Auch im Hinblick auf eine kommende neue Dauerausstellung", erläutert Bernd von Kostka, der kommissarische Direktor des Alliiertenmuseums. Denn in wenigen Jahren wird man umziehen. Vom ehemaligen Kino der US-Kaserne in Dahlem, dem "Outpost", in die Hangars des stillgelegten Flughafen Tempelhof. Dann hat man die große Chance, neue Schwerpunkte zu setzen. Die Geschichte des Kalten Krieges größer und allgemeiner zu erzählen, aus verschiedenen Perspektiven. Und für eine nachwachsende Generation, die keinerlei eigene Erinnerung an den Kalten Krieg mitbringt. Schüler von heute können kaum glauben, dass die Mauer in dieser Stadt überhaupt gestanden haben soll. "Hä?! Und warum ist man da nicht einfach rübergesprungen?", lautet ein typischer Satz.

Indem man nun auf den ersten Blick alltägliche Gegenstände in einzelnen Vitrinen ausstellt, sie geschickt beleuchtet und so fast reliquienhaft erhöht, schafft man eine Aura. Aura, das ist ein Schlüsselwort im Ausstellungswesen: Wir blicken andächtig auf Treibgut einer vergangenen Epoche, stumme Zeitzeugen des Gestern. Das schwarze Telefon aus dem Alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Spandau, in dem Nazi-Größen wie Albert Speer, Baldur von Schirach und zuletzt noch Rudolf Heß saßen. Nach dessen Selbstmord 1987 wurde es abgerissen. Was blieb, war unter anderem das Telefon aus Bakelit. Rufnummer: 3612156.

Neugier wecken

Die inszenierten Objekte sollen Neugier wecken. Welches Geheimnis steckt wohl hinter dem Hohlblockstein? Ein grobes, eher unansehnliches Gemisch aus Zement, Steinen und Sand. Textfächer aufgeklappt, Nr. 29: "Hohlblockstein aus der ersten Bauphase der Berliner Mauer". Sieht man frühe Bilder der Mauer, die damals provisorisch und schnell hochgezogen worden war, erkennt man solche grauen Einzelblöcke. Klar, dieser schlichte Stein, so ausgestellt, entwickelt eine Aura. Er löst Gefühle aus.

Die Ausstellung "100 Objekte" wäre ideal für einen Audioguide gewesen. Der ganze Ansatz ist erzählerisch – ganz verschiedene Facetten aus fast fünf Jahrzehnten werden hier durchmischt. Mal politisch, mal alltäglich. Mal hat die Sache mit Kultur zu tun, dann mit Spionage. Das macht Lust auf eine Epoche, die im wahrsten Sinne abgeschlossen ist, zumindest in Berlin. Die Mauer ist weg, die Alliierten sind abgezogen. Doch für einen Audioguide fehlten dem Alliiertenmuseum die Mittel. Der Etat des Museums, das auf Schenkungen und Leihgaben angewiesen ist, ist überschaubar.

Das Konzept kehrt also zu den Ursprüngen der Ausstellungskultur zurück: Der Besucher betrachtet ein Objekt – und liest sich den Rest dazu an. Gerade für jüngere Besucher, die Wisch-wisch-Bewegung auf dem Smartphone gewohnt sind, eine Herausforderung. Kein Multi-Media, keine Filmchen. Objekt und Text. Ganz schlicht. Und doch ungeheuer effektiv.

Denn im besten Fall beginnt Kopfkino. In manchen Vitrinen finden sich wahre Filmgeschichten. Objekt 5: "Kofferradio Stern Elite de Luxe R 150". Mit diesem Gerät empfing Michael Schlosser aus Dresden 1980 auf dem Campingplatz in der CSSR einen Wettbewerbsaufruf des Springer-Verlages. Wer es schaffe, mit einem selbstgebauten Hubschrauber auf dem Dach des goldenen Springer-Hochhauses zu landen, gewinne sofort 1 Million DM. Zurück in Dresden machte sich Schlosser sofort daran, seinen Hubschrauber zu bauen. Wie die Geschichte ausging? Einfach nach Dahlem fahren und rausfinden.

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