Staatsoper "Das sind Szenen einer Ehe"

Oper mit Abschiedsschmerzen: Jürgen Flimm inszeniert Glucks „Orfeo ed Euridice“ an der Staatsoper. Am Freitag werden die Festtage eröffnet

Mit Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" wird am Freitag die Festtage der Staatsoper im Schiller Theater eröffnet. In der Regie von Jürgen Flimm und unter Leitung von Daniel Barenboim singen Bejun Mehta und Anna Prohaska die Titelpartien. Seit nunmehr 20 Jahren versuchen die Festtage ein exklusiver Höhepunkt im Berliner Opernjahr zu sein. Ein Gespräch mit Intendant Jürgen Flimm zwischen den Proben.

Berliner Morgenpost: Herr Flimm, Glucks "Orfeo" gehört weniger zu den Opern, mit denen normalerweise Festivals glanzvoll eröffnet werden?

Jürgen Flimm: Wahrscheinlich ist es Daniel Barenboim wichtig, einmal den Übergang zu Mozart zu zeigen. Gluck saß ja noch zwischen allen Stühlen. Ich würde mich als Dirigent auch um den Gluck kümmern. Diese letzte Szene ist von einer fast erschreckenden Modernität, weil es zwischen den beiden Liebenden heftig zur Sache geht. Das ist wie in einem Film von Ingmar Bergman. Das sind Szenen einer Ehe, wie es sie in der Oper bis dahin noch nicht gab. Eigentlich ist die Oper ziemlich spätbarockig und plötzlich kommt ein harter Schnitt.

Die Fabel ist altbekannt. Orpheus steigt seiner verstorbenen Frau hinterher ins Totenreich, um sie zurück zu holen. Er darf sich auf dem Weg nicht umdrehen.

Moment, er darf sie nicht anschauen. Es ist das Gebot, eine gewisse Keuschheit zu behalten. Das ist eine ähnliche Beschreibung wie in der Bibel, wenn es heißt, er erkannte sie. Ich behaupte immer, das Paar darf keine sexuellen Praktiken vollziehen. Was doch furchtbar ist. Endlich hat er sie gefunden, und dann darf er sie nicht anschauen. Er muss schnell sehen, dass er aus dem Hades-Bezirk wieder rauskommt. Ich kann mir das mit dem Happyend nicht richtig vorstellen. Musikalisch hört man, dass auch Gluck nicht glücklich ist mit dem Finale.

Ist denn Liebe im Spiel?

Wenn nicht, dann könnte Orpheus einfach ein paar Blümchen ans Grab legen. Ich erinnere mich, wie die Frau eines Bekannten an Krebs verstarb. Der Mann hat in der Kirche ganz laut geweint, das ging bis ins Schreien hinein. Das Herzzerreißende steckt auch in Orpheus. Ansonsten wäre die Oper zynisch. Das wäre so unsinnig, als wenn die Frauen in "Cosi fan tutte" von vornherein wüssten, dass die Männer mit ihnen ein Spiel machen. Dann würde die Inszenierung nicht mehr funktionieren.

Orpheus, der thrakische Sänger, ist genau genommen das Urbild des Künstlertypus.

Zum Künstlerbild gehört, dass jemand bereit ist, sich an der Kante zu bewegen. Immer bereit, auch abzustürzen.

Es gibt die Wiener Fassung von 1762 und die Pariser Fassung von 1774.

Wir nehmen die Wiener Fassung, die etwas knapper ist. Einige Ballette lassen wir weg. Wenn man den französischen Rossini macht, ist es ähnlich, man hat die ganzen Ballette am Hals. Für mich sind die oft einfach hinten drauf gepappt.

Was die Festtage betrifft, sind Sie in einer merkwürdigen Position. Sie sind der Regisseur, irgendwo der Intendant...

Was heißt irgendwo: Ich bin der Intendant. Auch wenn ich bereits den heißen Atem meines Nachfolgers im Nacken spüre.

Sie meinen, weil Matthias Schulz als designierter Staatsopern-Intendant seit Beginn des Monats mit im Haus sitzt?

Er sitzt eine Etage über uns. Wir sind sehr gut miteinander.

Er ist schon ziemlich zeitig da.

Aber nein, er übernimmt schon in zwei Jahren. Er hat bis dahin genug zu tun. Ich bin noch Intendant, stehe aber schon mit einem Viertelbein im Türrahmen.

Es liegt an Berliner Theatern derzeit nicht im Trend, eine friedliche Übergabe hinzubekommen?

Dabei sollte das normal sein. Ich habe das auch schon im Hamburger Thalia Theater mit Uli Khuon so gemacht. Ich habe auch vorher weniger produziert, damit er mehr Geld für seinen Beginn hatte. Ich bin jetzt 74, da werde ich doch nicht mehr weinen und grantig werden. Matthias ist ein guter Nachfolger.

Gibt es Geheimnisse, die Sie ihm in Bezug auf die Staatsoper mitgeben?

Eigentlich nur eines. Wenn irgendetwas mit der Baustelle ist, dann muss er sich unbedingt mit unserem Geschäftsführer Ronny Unganz bewaffnen. Der kennt alle Zusammenhänge in diesem Berliner Laden.

Wie geht es denn mit Ihrer Ämteraufteilung weiter?

Im August 2017 wird Matthias Co-Intendant, im April 2018 übernimmt er. Da sitzen wir beide bereits im sanierten Opernhaus Unter den Linden. Dann werde ich sicherlich traurig sein. In Hamburg war es so, dass ich einige Zeit nicht mal ums Thalia Theater herum gehen konnte. Dann war ich einmal drin, und kannte niemanden mehr. Das war hart. Für mich war die Staatsoper noch einmal ein großes Glück. Mit dem Schiller Theater musste ich die Ausweichspielstätte beleben. Das war wunderbar anstrengend.

Wenn die Staatsoper im Oktober 2017 wieder eröffnet wird, waren Sie der Intendant, der die wenigste Zeit in seinem eigenen Stammhaus residiert hat.

Das kann man so sagen. Es waren insgesamt dann so anderthalb Jahre Unter den Linden. Aber ich habe dem Stuck nie nachgejammert.

Die Frage zu den Festspielen möchte ich noch zu Ende stellen. Sie sind Regisseur, natürlich Intendant, aber beim Festival eigentlich ein gastierender Neuling.

Stimmt, es ist Daniels Festival. Ich bin als Freund eingeladen, bei seinem Festival zu arbeiten. Darüber freue ich mich auch auf den letzten Metern. Vorher hatte er auch Opern in seinem Programm, die mich als Regisseur weniger interessieren. Opern wie Wagners "Parsifal" sind einfach nicht mein Ding. Da kam der Gluck genau richtig.

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