Kultur

Urlaub am Meer in Mitte

Die Ausstellung „Secret Surface“ feiert das vermeintliche Gegenteil von Tiefe

Eine riesige Projektion im Dunkeln. Feuerball in langsamer Rotation. Am Rand Eruptionen. Eine ausfransende, pulsierende, brennende Kugel. So empfängt einen die große Halle der im ganzen Haus angelegten Gruppenausstellung "Secret Surface – Wo Sinn entsteht" in den Kunst-Werken in der Auguststraße. Was man sieht, ist die Sonne von Katharina Sieverding aus Nasa-Bildern zur Videoinstallation zusammengefügt. So nah rangezoomt, so aufgebläht in der digitalen Projektion unterscheidet sie sich stark vom Standard-Sunset über dem Meer im Urlaub. Man starrt ihr gleichsam auf die Haut. Ihre Oberfläche wird porös, beweglich. Kuratorin Ellen Blumenstein versammelt in dieser Schau Werke von 30 internationalen Künstlern, die, wie sie sagt, die "metaphysischen Welterklärungsmodelle dekonstruieren, ohne deshalb auf die Sinnfrage zu verzichten". Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ist dabei die Oberfläche als Ort der "Bedeutungsproduktion". Mit dieser Schau verabschiedet sie sich aus dem Ausstellungshaus.

Nicht zuletzt nach den Debatten der letzten Jahre zur Performativität der Kunst – ausgehend von Theater und Tanz – ist das ein hehres Projekt: Was genau passiert, einerseits, wenn Kunst Welten entwirft, indem sie geschieht? In dieselbe Richtung weist, andererseits, das Thema Oberfläche: Wie kann in der Wahrnehmung von Gegenständen und Vorgängen Bedeutung entstehen, wenn wir nicht davon ausgehen wollen, dass wahlweise Gott, "die Wahrheit" oder das "Ding an sich" dafür Sorge tragen?

Eine Menge Überbau fährt diese Ausstellung auf. Viele kluge, aber auch sehr vollmundige Introtexte zu jedem Raum. Es geht unter anderem ums Wissen um den Tod als zentrale Herausforderung menschlicher Existenz; um Warenfetischismus, Körperwahn und Celebrity-Kult, um die Logik des Heilsversprechens durch Technik und darum, sich dem kapitalistischen Imperativ eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung zu entziehen. Wenn schon, denn schon. Einmal Oberfläche mit allem, bitte.

Nicht jedes der Objekte, Installationen, Fotos und Videos hält diesem Anspruch auch stand. Ying Miaos "Tech Abstractionism" etwa zeigt stark vergrößerte Ausschnitte von Apple-Gerätehüllen – sieht aber nicht viel anders aus als jeder malerische Abstraktionismus auch. Zeigt aber, wie Wertigkeiten sich verschieben. Auch Viktoria Binschtok zeigt Fotos einer Designervase mit Blumenarrangement, gut ausgeleuchtet. Ist das noch Feier der Oberfläche als Rätsel oder doch einfach oberflächlich: eine Hübschigkeit, wie sie aus jedem Hochglanzprospekt eines Innenausstatters stammen könnte? Hier zeigt sich das Grundproblem der Ausstellung: Wenn man die Oberfläche zum Ort von Bedeutungskonstruktion via Kunst machen möchte, wie vermeidet man, auf zu glatte Reize zu setzen und am Ende doch bloß dekorativ zu arbeiten? Wie kann man subversiv mit Oberflächen arbeiten, ohne immerzu alles auf Teufel komm raus verfremden zu müssen? "Secret Surface" liefert in seiner schieren Masse an Exponaten aber auch unterschiedliche, ästhetisch überzeugende Formen dafür. Sie stellen Oberflächen aus und bewahren genau in diesem Ausstellen ihre Geheimnisse. Frances Stark etwa projiziert Sex-Chat-Konversationen auf Wände, die Worte der Partner links/rechts verteilt, spielt Klassik dazu. Es geht um sowas wie Liebe, um Verstehen – schlicht auch um den Vokabelabgleich zwischen schrägem Englisch und Italienisch. Ein Opernduett ohne Figuren und sehr witzig.

Philipp Lachenmann steuert strenge Graustudien bei: großformatige Fotos vom Meer, auf dem Surfer ihre Bretter ins neblige Licht schieben. Schattenrisse vor einem aufgelösten Horizont, mal kräftiger, mal fast verschwunden. Wie die Geister der Bedeutung kommen sie einem vor, gleiten über die tiefe Oberfläche des Wassers – präsent, ikonisch mit Popkultur aufgeladen, zugleich aber entsättigt, als Individuen nicht mehr erkennbar. Und Spiros Hadjidjanos' Installation "Network" lässt aus Drahtlosroutern und Lichtwellenleitern eine begehbare Kathedrale entstehen, in der scheinbar Laser verschiedene Codes zur Decke blinken. Er verdoppelt das Spiel der Wahrnehmung: Erst meint man, in einem Klub zu sein, dann in einem leuchtenden Gefängnis.

Derweil stellen sich Besucher vor Katharina Sieverdings Sonne, machen Selfies in diesem brodelnden Gebilde. Es wird zur Einladung, zieht das Publikum in sich hinein. Mit jedem später auf Facebook geposteten Bild entsteht – intendiert oder nicht – eine neu aufgedehnte, user-generierte Version des Werks. Oberfläche galore.

Kunst-Werke, Auguststr.69. Di–Mi 12–19 Uhr, Do 12–21 Uhr. Bis 1. Mai

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