Konzert für Flüchtlinge Stehende Ovationen für das Gipfeltreffen der Stardirigenten

Die Dirigenten Daniel Barenboim, Iván Fischer  und Sir Simon Rattle (v.l.) bei dem Konzert "Willkommen in unserer Mitte"

Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus / BM

Die Dirigenten Daniel Barenboim, Iván Fischer und Sir Simon Rattle (v.l.) bei dem Konzert "Willkommen in unserer Mitte"

Konzertereignis in Berlin: Staatskapelle, Konzerthausorchester und Philharmoniker spielen gemeinsam für Flüchtlinge und Helfer.

Eigentlich geht es in der Eingangshalle der Philharmonie zu wie immer, Menschen treffen sich, manchen stürmen hindurch, kleine und größere Gruppen treffen ein und stehen planlos herum.

"Mohammed" ruft plötzlich laut eine Frauenstimme, ein junger Mann dreht sich um, winkt. Plötzlich ist klar, dass es doch kein ganz normales Konzert sein wird. Mohammed komme aus Syrien, sagt die Frau im Vorbeigehen auf meine Frage hin, und er wohne bei ihnen.

"Willkommen in unserer Mitte" ist das Sonderkonzert für Flüchtlinge und Helfende überschrieben. Überall in der Philharmonie ist arabische Beschriftung zu entdecken. Gleich drei Berliner Chefdirigenten und ihre Spitzenorchester haben zu dem Konzert eingeladen.

Drei Stardirigenten treten nacheinander ans Pult

Der große Saal füllt sich aber nur langsam. Es ist bekanntlich nicht leicht, in der Philharmonie seinen Platz zu finden. Gerade wenn man ein Neuling im Scharoun-Bau ist. Einer der Ränge wird erst nach der Eröffnung voll. Zweifellos gibt es an diesem frühen Abend gleich zwei Ereignisse zu bestaunen. Einerseits haben überraschend viele Flüchtlinge das Angebot angenommen, geschätzt waren es 70 Prozent der gut 2200 Besucher, und sich auf die kleine Flucht ins Klassik-Konzert eingelassen.

Und andererseits, wie oft sind schon drei Stardirigenten mit ihren Orchestern nacheinander in einem Konzert zu erleben? Das ist im Normalbetrieb unüblich, und wohl nur bei weltverändernden Umbrüchen möglich. In Berlin ist es jetzt das zweite Mal. Nach dem Terror-Anschlag in New York gab es am 16. September 2001 ein Konzert als "Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls". Simon Rattle dirigierte damals schon die Berliner Philharmoniker, die Staatskapelle leitete Michael Gielen, das Orchester der Deutschen Oper Christian Thielemann.

Ein klassisches Best of

Das Konzert am Dienstag ist reine Chefsache. Und ein klassisches Best of. Daniel Barenboim und seine Staatskapelle beginnen das Programm mit Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466. Barenboim spricht vorab einige Sätze Arabisch zum Publikum. Er wirkt diesmal sogar ein wenig aufgeregt. Vermutlich weil es sein Traum-Zielpublikum ist. Barenboim ist Gründer des West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen. Und damit demonstrieren, dass ein friedvolles Miteinander möglich ist.

Das Nahost-Jugendorchester ist weltweit erfolgreich, nur im Nahen Osten sind ihm aus politischen und religiösen Gründen Auftritte verwehrt. In Berlin finden sich die Menschen zusammen. Barenboim präsentiert sich bei Mozart gleichsam als Virtuose wie als Vaterfigur, der alle seine Musiker in künstlerischer Klarheit zusammen bringt. Die Musik strebt nach höchster Harmonie. Anschließend gibt es die ersten stehenden Ovationen im Publikum, dass ein Programm lang hoch konzentriert wirkt.

149 Musiker wechseln sich auf der Bühne ab

Von künstlerischer Konkurrenz möchte man an diesem Abend nicht reden, das Gehörte ist zu unterschiedlich wie die drei Dirigententypen es sind. Iván Fischer lässt sein Konzerthausorchester die Symphonie classique von Prokofjew vorführen. Der Ungar hat vorm Konzert gesagt, dass sich "vor unseren Augen das neue, tolerante Europa entwickelt". Er betritt voller Zuversicht. In der Symphonie lässt er das Spielerische und das Humorvolle betonen. Fischer ist als Musikvermittler in Berlin hoch geschätzt, er kann sogar den normalerweise verpönten Applaus zwischen zwei Sätzen elegant begleiten, dass sich wirklich jeder im Saal gut aufgehoben fühlt. Fischer hat es als Chefdirigent tatsächlich geschafft, das Konzerthausorchester in die Spitzenliga zu heben.

Insgesamt wechseln sich 149 Musiker an diesem Abend auf der Bühne ab. Die Umbauten gehen zügig, die Musiker tragen eh nur schwarze Hose und Hemd, damit die ganze Frackanzieherei nicht unnötig aufhält. Die Berliner Philharmoniker kommen konzentriert herein. Beethoven steckt in ihrer Orchester-DNA. In nur wenigen Takten des Trauermarsches aus der siebten Sinfonie lassen die Musiker einen Kosmos voller Verzweiflung aufleben. Mit sparsamen Gesten mimt Simon Rattle am Pult fast einen Schmerzenmann. Es ist atemberaubend, ebenso wie der alle Zweifel hinwegwischende Schlusssatz.

Der arabische Jubel am Ende ist leidenschaftlich, von Pfiffen durchsetzt. Stehende Ovationen gibt es für die drei Chefdirigenten, die sich gemeinsam vom Publikum verabschieden. Und auch die beteiligten Orchestermusiker kommen noch einmal auf die Bühne.

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