Edin Hasanovic

Vom Flüchtlingskind zum deutschen Nachwuchsstar

Edin Hasanovic beim Spaziergang durch den Mauerpark

Foto: Reto Klar

Edin Hasanovic beim Spaziergang durch den Mauerpark

Edin Hasanovic, Schauspieler und Goldene-Kamera-Gewinner, zeigt unserem Reporter bei einem Spaziergang seine Berliner Lieblingsplätze.

Es ist ein wenig kälter geworden an diesem Mittag in Prenzlauer Berg. Edin Hasanovic braucht vor unserem Spaziergang durch die Straßen seiner Jugendtage noch einen Stopp am blitzblanken, mitternachtsblauen 1er BMW, um aus dem Junggesellendurcheinander des Kofferraums noch etwas warme Kleidung zu bergen.

Und unter der Heckklappe liegt sie dann ganz überraschend da. Seine Goldene Kamera. Neben dem offenen Kulturbeutel ragt der Sockel aus einer schwarzen Sporttasche. "Ja, das isse", sagt er und wirft uns einen Blick zu, der so viel sagt wie: "Fragen Sie nicht – ich kann's selbst kaum glauben."

Mit wem man auch in der vergangenen Woche über die Hamburger Verleihung der Goldenen Kamera sprach: An den Auftritt des 23-Jährigen konnte sich jeder erinnern. Edin Hasanovic war hin- ab zur Bühne gezischt wie ein Luntenbrand in Richtung Dynamit.

TV-Journalistin Dunja Hayali im Publikum mit Tränen in den Augen

Tausend Dankeschöns an seine Mutter, an PR-Manager Peter Schulze, an die Familie und seine beste Freundin Jasmin Shakeri. Keine Sekunde lang Stillstand, Finger, die miteinander Mikado zu spielen schienen, und ganz plötzlich wunderbar weise Worte des einstigen Kriegsflüchtlings aus Bosnien: "Ich frage mich, wie viele von denen, die jetzt in unser Land kommen, das Potenzial haben, hier zu stehen und unsere Schauspielerkollegen und Regisseure zu sein."

TV-Journalistin Dunja Hayali im Publikum hatte Tränen in den Augen und selbst der sonst wenig sentimentale Medienjournalist Stefan Niggemeier postete später: "Wer danach nicht wenigstens zwei Minuten mit einem breiten Glücksgrinsen durch den Tag geht, dem ist nicht zu helfen."

Drehtermine wurden gefälligst der Schulzeit angepasst

"Das war hier früher mein Beritt", sagt Hasanovic und weist die Dunckerstraße hinunter. "Dort ist das Heinrich-Schliemann-Gymnasium." Zwischen seiner jung begonnenen Schauspielkarriere und der Lehranstalt hatte er früh eine Art Nichtangriffspakt vermittelt.

Jedes der beiden Lager würde Ansprüche und Forderungen des anderen respektieren. Die strenge Überwachung des dauerhaften Friedens zwischen Bildung und "Ich-muss-das-einfach-machen, Mama" garantierte Edins Mutter.

"Das klappte sehr gut", sagt er rückblickend. Die Filmemacher waren peinlich genau darauf bedacht, ihre Termine den Schulzeiten anzupassen. "Zudem hatte ich Superlehrer, die meine Abiturklausuren in Deutsch und Politische Weltkunde rund um meine Dreharbeiten legten.

Manche hatten mich allerdings auf dem Kieker. Wenn ich im Unterricht gequatscht habe, hieß es schnell: Edin, wir sind hier nicht beim Film."

Ein andermal, nachdem er am Abend zuvor im "Tatort" zu sehen gewesen war, kam er mit Lederjacke in die Schule. "Ein Lehrer musterte mich und sagte: ,So, so, das kann man sich also davon leisten.'"

Hatte ihn denn die Nachfrage der Sender und Besetzungsagenturen verändert? "Das Selbstbewusstsein wächst durch den Job", sagt Hasanovic nach einigem Überlegen. "Das hat manchen Lehrern vielleicht nicht gefallen."

2011 hatte er den Schulabschluss in der Tasche und seinen wichtigsten Film "Schuld sind immer die Anderen" abgedreht. Lebenshöhepunkt und gerade mal Teenager. Am Bahnsteig in Lichtenberg, wo er 19 Jahre zuvor als provisorisch zusammengeschnürtes Bündel Mensch auf dem Arm seiner Mutter in Berlin angekommen war, hätten ihm wenige eine Zukunft zugetraut, in der beinahe alle Wünsche in Erfüllung gehen würden.

"Mein Vater arbeitete in Slowenien als Heizungsinstallateur."

Als Edin Hasanovic im April 1992 per Kaiserschnitt auf die Welt kam, gingen über dem Hospital in Zvornik, heute in Bosnien und Herzegowina, die Bomben nieder.

Durch die Wirren des Bosnienkrieges brachte die Mutter danach den Sohn ins Haus der Familie ihres muslimischen Mannes im Dorf Klisa. "Mein Vater arbeitete in Slowenien als Heizungsinstallateur. Als er uns besuchte, um mich zu sehen, kamen die Serben."

750 Männer im Ort wurden von Frauen und Kindern getrennt und davongefahren. "Darunter mein Vater und zwei seiner Brüder", sagt Hasanovic im Telegrammstil.

Es ist weniger eine Erzählung als eine Aufzählung, er redet nicht mit der wogenden farbenreichen Schauspielerstimme, sondern liefert einen monoton vorgetragenen Bericht, bei dem er, der sonst jungenhaft-draufgängerische Raconteur, nicht mehr den Blick seines Gegenübers sucht. "Meine Mutter erzählt mir das jährlich ein Mal und immer kommt ein Detail dazu", sagt er.

Nach dem Abtransport verliert sich die Spur des Vaters. Nur ein Mann kehrte zurück. "Es gibt inzwischen eine Sterbeurkunde für meinen Vater, aber kein Grab", sagt Hasanovic. "Die Überreste sind noch nicht gefunden."

Ein Kind hatte seine Mutter bei einer Fehlgeburt verloren. Ihr Mann war vermutlich ermordet worden. Ihren einzigen Sohn wollte sie jetzt mit aller Kraft in Sicherheit bringen. Ihre große Schwester und deren zwei Töchter zur Seite, flüchtete sie.

"Mit dem Deutschen Roten Kreuz kamen wir im Juli 1992 in Lichtenberg an", sagt Hasanovic. Warum Deutschland? "Das war meiner Mutter völlig egal, es hieß einfach: Bloß weg hier. Wie bei den Menschen, die jetzt kommen. Sie hatte einfach Angst vor Krieg, vor Vergewaltigung und Tod."

Bis zur vierten Klasse lebte er in Weißenseer und Hellersdorfer Flüchtlingsheimen. "Man wohnte mit Menschen zusammen, die im ehemaligen Jugoslawien gerade gegeneinander Krieg führten: Kroaten Serben, Bosnier." Es sei eine sehr prägende Zeit gewesen, sagt er. "Immer war da die Frage: Was ist mit meinem Vater passiert, kommt er irgendwann zurück? Aber – die Hoffnung musste man langsam aufgeben."

Die Schule entpuppte sich bald als Reservoir von Anerkennungen

Im Hellersdorfer Heim beginnen Hasanovics Erinnerungen. "Es war eine Mega-Zeit. Das Areal war angelegt wie ein kleines Dorf. Alles wirkte sehr weit. Spaß und Aktivitäten. Freiheit pur."

Auch die Schule entpuppte sich bald als Reservoir von Anerkennungen, die man sich jeden Tag einfach abholen konnte. "Irgendwann hat die Lehrerin auf den Tisch gehauen und zu den deutschen Mitschülern gesagt: Wie kann es bitteschön sein, dass die Flüchtlingskinder besser Deutsch reden als Ihr?"

Unser Spaziergang hat den Mauerpark erreicht. "Hier bringe ich im Sommer alle meine Berlingäste hin", sagt Hasanovic. "Das Sonntags-Karaoke muss man erlebt haben." Auch ein Auftrittsort für ihn? "Auf keinen Fall. Ich hätte nie den Mut, mich da hinzustellen."

Dabei fühlt er sich schon seit der Kindheit in der Entertainerrolle recht wohl. "Es hieß immer: Der wird mal Schauspieler. Ich habe ständig Leute nachgemacht. Ich erinnere mich an einen Betrunkenen auf der Straße – ich sah den und war sofort wie er.

Meine Familie und alle Menschen in meiner Umgebung mussten leiden, weil ich sie studierte und später imitierte." Mit sieben Jahren hielt er vor der versammelten Familie seine erste Oscar-Rede.

Bei der Preisverleihung am vergangenen Wochenende, als Hasanovic mit weit ausladender Geste die edelmetallene Kamera schwang, dass man froh war, am Fernseher und nicht in der ersten Reihe zu sitzen, hatte er gerufen: "Ich freue mich so sehr, weil ich so unfassbar brenne für diesen Beruf. Ich verglühe manchmal." Früh hatte die Schauspielerei diese ganz neue Energie ins Leben des Flüchtlingsjungen gebracht.

"Wir waren 2005 auf der Jugendmesse ,You' am Funkturm, ein Freund – ein großer Typ, sehr auffällig mit Irokesenhaarschnitt – und ich. Jemand von einer Schauspielagentur lud ihn ein, sich vorzustellen. Mein Freund sagte: "Danke nein, aber der Edin hier, der ist genau der Richtige für Euch." Den Moment habe er nie vergessen, sagt Hasanovic.

"Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Das war doch genau, was ich immer machen wollte." In der Agentur an der Auguststraße in Mitte spürte man sein Feuer und binnen einer Woche hatte Hasanovic zwei Castings.

Am Berliner Ensemble sprach er für Thomas Langhoffs Inszenierung der "Schändung" vor. "Da saßen wir 15 Kinder im Parkett der Probebühne. Hinter uns Langhoff und die Assistenten." Einer nach dem anderen sprach seine Sätze und immer riefen die Theaterleute: "Lauter, lauter!"

Dann stieg Hasanovic auf die Bühne: "Ich sagte mir, ach, was soll's, du hast nichts zu verlieren, und redete richtig laut. Da hielt im Raum scheinbar alles kurz die Luft an. Das war wie: Hoppla. Da traut sich einer was." Mit ihm wurden zwei weitere Kinder genommen. "Aber die Premiere habe ich gespielt", sagt Hasanovic.

Drei Staffeln lang lernen beim "Kriminaldauerdienst"

Zwei Jahre währte sein Engagement. Wenn er abends vom Theater heimgefahren wurde, verdunkelte seine Mutter die Wohnung und schaute aus dem Fenster. "Wenn ich dann eintraf, hat sie sich heimlich schnell in ihr Schlafzimmer zurück gezogen.

Ich sollte nicht merken, dass sie meinetwegen wach geblieben war, weil ich ihr das verboten hatte", sagt Hasanovic. "Bis heute macht sie sich ganz viele Sorgen um mich: Kommst du auch heil wieder? fragt sie. Vorhin hat sie gesagt, ich soll in der ganzen Aufregung nach der Kamera-Verleihung nicht vergessen, etwas zu essen. Eine Suppe oder so."

Die Stammrolle in "KDD – Kriminaldauerdienst", die er ebenfalls mit 13 Jahren antrat "war ein Glücksfall. Das öffnete mir alle Türen", sagt Hasanovic. Die Macher der Serie über Protagonisten und Fälle einer Polizeistation in Kreuzberg gaben seiner Filmfigur Enes etwas aus Hasanovics Biografie. Auch Enes sollte ein Flüchtling sein.

Es wurden wichtige Lehrjahre. Hasanovic spielte drei Staffeln lang "mit vielen tollen Kollegen". Fast jeder, der etwas war oder wurde in Deutschlands TV- und Filmwelt machte im Durchlauferhitzer KDD Halt: von Jürgen Vogel und Elyas M'Barek bis Tom Schilling und Jördis Triebel.

Letztere ist eine der wenigen Kollegen, die Hasanovic nennt, als wir nach Vorbildern fragen. Neben Corinna Harfouch und Birgit Minichmayr bringt er noch Armin Rohde ins Gespräch: "Der ist mega-uneitel, einer, der sich nicht verstellt."

Seitdem folgten mehrere Duzend Film- und TV-Engagements, in denen er auffiel und in Erinnerung blieb. Etwa sein junger Entführer Murat (mit einer Note Kanak-Sprak-Slang), der sein Opfer, die "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) am liebsten laufen lassen würde. Oder sein Gewaltstraftäter Ben, der in Erfolgsfilm "Schuld sind immer die Anderen" auf eines seiner Opfer trifft und schmerzhaft lernt, mit der Schuld zu leben.

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"Ich wünsche mir, dass ich für Qualität stehe."

Es sind Figuren, die für die Außenwelt unsichtbar brennen. Wie Hasanovic. "Diese innere Spannung beginnt bei der ersten Probe. Da entsteht die Rolle, ich suche im Text, steigere mich langsam hinein. Und wenn mich da jemand beobachtet oder unterbricht, reagiere ich sehr sensibel", sagt Hasanovic.

Als es zuletzt entlang der Hochbahn an den Cafés und Bars der Schönhauser Allee vorbei geht und der Wind wieder schärfer bläst, schlingt er seine bemerkenswerte Kutte um sich: Ein Geschenk und Design-Stück, das halb Winter- halb Bademantel ist.

Es brachte ihm schon viel Spott ein. Trendige Outfits seien seine Sache aber nicht, sagt er. "Ich bin auch kein Partytyp. Lieber besorge ich etwas aus dem ,Kochhaus' oder rede zuhause die ganze Nacht mit Freunden."

Mal weit nach vorn geschaut: Wenn er nicht mehr Nachwuchsschauspieler ist, wenn ein, zwei Jahrzehnte vergangen sind, hofft er, dann seinen frühen Entwurf der Oscar-Rede überarbeiten zu können?

Hasanovic schüttelt den Kopf, und aus seinen Augen leuchtet wieder das Feuer für den Job. "Aber ich wünsche mir, dass ich für Qualität stehe", sagt er. "Kollegen und Publikum sollen sagen: Wenn der in diesem Film mitspielt, will ich auch zur Cast gehören, oder mir das als Zuschauer ansehen."