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Der verflixte achte Film: Tarantino mit Ladehemmung

Weiß gegen Schwarz: Die Kopfgeldjäger Kurt Russell (l.) und Samuel L. Jackson

Foto: © Andrew Cooper,SMPSP/2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved

Weiß gegen Schwarz: Die Kopfgeldjäger Kurt Russell (l.) und Samuel L. Jackson

"The Hateful 8", der neue Film von Quentin Tarantino, feiert in Berlin Premiere. Ein blutiger Western - ohne Christoph Waltz.

Vielleicht ist der neue Tarantino – just zu einem Zeitpunkt, da zum Oscar-Boykott aufgerufen wird, weil schwarze Talente nicht genug berücksichtigt werden – ja genau der Film zur Stunde. Denn in "The Hateful Eight", der heute in Berlin Europa-Premiere feiert, spielt mit Samuel L. Jackson nicht nur ein Schauspieler die Hauptrolle, der eine der längsten Filmographien aufweisen kann, aber nur ein einziges Mal für einen Oscar nominiert war – und leer ausging.

In Tarantinos Film ist er auch der einzige Schwarze unter lauter Weißen, die sich alle gegenseitig misstrauen, aber einig sind in der Ablehnung ihm gegenüber. Das spiegelt vielleicht ganz gut das derzeitige Stimmungsbild in Hollywood wider.

Es geht um die Werte der Nation

Tarantinos Filme sind ja nie bloße Rachefilme, es schwingen da immer auch Kompensations- und Überwindungsfantasien mit, wenn Adolf Hitler in "Inglourious Basterds" massakriert wird oder ein Sklave in "Django Unchained" die Sklavenhalter des Südens abschlachtet.

In "Django" war der Schlimmste unter den Rassisten allerdings die Figur, die Samuel L. Jackson verkörperte: der Butler einer Südstaatenfarm, der die Unterdrückung durch die Weißen so verinnerlicht hat, dass er sie am vehementesten verteidigt.

In "The Hateful Eight" spielt er jetzt den Gegenentwurf, eine Art zweiter Django: ein schwarzer Kopfgeldjäger, der kurz nach dem Bürgerkrieg Jagd auf staatlich gesuchte Weiße macht und damit sein Geld verdient. Er hat aber, wie als Pfandbrief, ein Schreiben von Abraham Lincoln in der Brusttasche. Und damit ist es schriftlich: Es geht hier ganz grundsätzlich um die Werte der Nation, die Seele von Amerika

Anfangs hockt dieser Kopfgeldjäger er mitten im Schnee auf drei (weißen) Leichen, weil sein Pferd verendet ist. Da biegt just eine Postkutsche um die Ecke, in der ein anderer Kopfgeldjäger (Kurt Russell) sitzt. Der tötet seine Opfer nicht, sondern übergibt sie lebend, um dann zuzusehen, wie andere sie aufknöpfen.

Prompt entspinnt sich eine philosophische Diskussion um die Ehrenhaftigkeit der Kopfgeldjägerei. Bis ein Schneesturm aufkommt und die Kutschinsassen in eine entlegene Hütte namens Minnies Miederwarengeschäft zwingt. Wo sie auf weitere finstere Gestalten treffen.

Tarantinos Filme zeichnen sich von jeher durch eine ganz eigene Mixtur von großartigen Dialogen und blutiger Trash-Action aus. Man könnte sagen: Er imitiert B-Movies und veredelt sie durch 1-A-Dialoge. Das geht zuweilen wunderbar auf, wie in "Pulp Fiction" oder den "Basterds". Manchmal kippt es auch eindeutig in den Trash, wie in "Death Proof".

Neu aber ist der Fall, dass es zu viel Dialog gibt. In der ersten Hälfte des nicht eben kurzen Films wird geredet und geredet, und es stellt sich zuweilen ein Gefühl ein, dass man bei Tarantino wahrlich nicht gewohnt ist: Langeweile. Als nach 100 Minuten ein erster Schuss fällt, ist Pause. Wegen der Überlänge. Tarantino mit Ladehemmung. Der Trash und die typisch tarantinesken Gewalteskapaden setzen dann umso entfesselter in der zweiten Hälfte ein.

Neun statt acht: Der Regisseur hat sich verzählt

Eigentlich ist "The Hateful Eight" ein Theaterstück, das irgendwann sicher auch in der Berliner Volksbühne aufgeführt wird. Eine Handvoll Menschen, die – nach kurzem Prolog in der herrlichen Winterlandschaft – alle in ein "Huis Clos", eine geschlossene Gesellschaft gepfercht werden.

Wobei die Stimmung drinnen so eisig ist wie draußen. Dabei hat sich Tarantino aber offensichtlich verzählt, denn es gibt hier nicht acht "Hassenswerte", sondern neun. Den Kutscher hat er wohl als reinen Dienstleister abgezogen. Und wo nur ist Channing Tatum, der im Vorspann genannt wird?

Nein, der Titel bezieht sich wohl auf anderes. Er signalisiert nicht nur den Gegenentwurf zum Westernklassiker "Die glorreichen Sieben", er rekapituliert vor allem die eigene schmerzvolle Entstehung: der verflixte achte Film. Man entsinne sich, dass das Drehbuch, das Tarantino nur wenigen Schauspielern anvertraute, plötzlich im Internet kursierte.

Tarantino wollte das Projekt daraufhin enttäuscht fallen lassen. Hat es aber im April 2014 von einigen seiner Stars als Lesung vortragen lassen. Das war ein solcher Erfolg, dass man Tarantino überzeugen konnte, es doch zu verfilmen.

Tarantino erfüllt sich alte Träume

Tarantino hat sich mit seinem Opus Nr. 8 nun gleich mehrere Träume erfüllt: nach seinem ersten Western "Django" legt er nun einen Schneewestern nach. Nachdem er früher öfter Musik von Ennio Morricone geklaut hat, was der ihm ziemlich übel nahm, konnte er den Italiener überreden, ihm einen eigenen Score zu komponieren.

Und dann hat Tarantino auch noch einen Monumentalfilm gemacht. So richtig mit Ouvertüre vor dem Film und Musik in der Pause. Und im 70mm-Format. Tarantino ist von jeher ein Feind des digitalen Kinos. Noch aus Zeiten, da er in einem Videoladen arbeitete, stammt seine Liebe fürs alte Zelluloid. Mit all seinen vergessenen B-Movies. Jetzt hat er mit Ultra Panavision 70 auch noch ein Filmformat entstaubt, das seit 60 Jahren nicht mehr verwendet wird.

Eine Waltz-Figur ohne Waltz

Ein Breitwandformat, das sich zwar bestens für weite Landschaften (und klaustrophobische Enge) eignet. Für das die Kinos jetzt aber gucken müssen, wo sie die Projektoren hernehmen.

Tarantino ist damit in seiner spätbarocken Phase angelangt. Er hat alles erreicht, er kann sich jetzt alles leisten. Und er plündert nicht nur wie immer die Filmgeschichte, er zitiert sich auch leidlich selbst. Nur einer fehlt, und das ist Christoph Waltz. Es gibt zwar einen echten Waltz-Charakter, und Tim Roth spielt ihn auch als sichtliche Waltz-Parodie. Aber das Original fehlt eben doch.

In seinen besten Momenten reflektiert "The Hateful Eight" den schwelenden Rassismus in den USA. Wenn Samuel L. Jackson etwa Kurt Russell belehrt, dass der keine Ahnung hat, wie man sich als Schwarzer in Amerika fühlt: "Du bist nur sicher, wenn der Weiße entwaffnet ist."

Das klingt wie eine Replik auf jüngste Rassenunruhen in Los Angeles und Ferguson. Damit gibt sich Tarantino trotz historischem Gewand hochpolitisch und beklemmend aktuell. Und doch verlieren sich diese Reflexionen immer wieder in seinen stilistischen Fingerübungen.

Keine Nominierung fürs Drehbuch

Ach ja, die Oscars. Nur drei Mal wurde "The Hateful Eight" nominiert. Das ist schon okay, es ist wirklich nicht Tarantinos Bester. Aber dass mit Jennifer Jason Leigh ausgerechnet die einzige Frau in diesem reinen Männerfilm zur Wahl steht, nicht aber Samuel L. Jackson, das passt zu dem Generalverdacht, dem sich die Oscar-Academy derzeit ausgesetzt sieht.

Tarantino selbst dürfte viel mehr verunsichern, dass er nicht mal für sein ureigenes Terrain nominiert ist: das Drehbuch.