Bolivar Symphony Orchestra Philharmonie: Gustavo Dudamel auf dem Weg zum Pultmagier

Gustavo Dudamel zeigte sich in Berlin etwas zurückhaltender am Pult (Archivbild)

Gustavo Dudamel zeigte sich in Berlin etwas zurückhaltender am Pult (Archivbild)

Gustvao Dudamel und das Simon Bolivar Symphony Orchestra bringen buntes, quirliges Jahrmarkttreiben in die Berliner Philharmonie.

Das schwärmerische Publikum ist hin und weg. Gustavo Dudamel zeigt zwei Stunden lang seine Muskeln. Womit natürlich nicht gemeint ist, dass er am Dirigentenpult kraftstrotzend posiert, sondern dass sein Orchester die ganze Power zeigt, die in ihm steckt. Und die führt Dudamel in seinem Strawinsky-Programm gern vor.

Das Simon Bolivar Symphony Orchestra of Venezuela hat sich dazu großflächig über die Bühne ausgebreitet, unter zehn Kontrabässen läuft nichts, die Bläserriege ist in voller Breitseite zu erleben. Sie sind ein Pfund, mit dem das venezolanische Orchester wuchern kann. Dudamel hat bemerkenswert viele Bratschen im Einsatz, überhaupt mag er einen dunkel-satten Orchesterklang.

Sein Herz hängt nach wie vor an Venezuela

Es ist überraschend voll für einen Dienstag in der Philharmonie. Der Name Gustavo Dudamel zieht, zumal in Berlin. Der inzwischen 34-jährige Venezolaner hat eine Bilderbuch-Karriere hingelegt, sogar als ein Kandidat für die Simon-Rattle-Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern wurde er gehandelt.

Dudamel kennt sich in der Philharmonie bestens aus, sie gehört zu seinem Werdegang. Heute ist er Chefdirigent der Los Angeles Philharmonic, wo sein Vertrag bereits bis 2022 verlängert wurde. Aber sein Herz hängt nach wie vor an Venezuela und dessen einzigartigem Musiksozialprojekt "El Sistema". Darin hat auch er seine Kindheit und Jugend verbracht. 25 Wochen pro Jahr arbeitet Dudamel, der längst ein Klassikstar geworden ist, mit den Kindern und Orchestern des Musiksystems in Caracas und im Lande zusammen.

Landesweit bekommen gerade auch sozial schwache Kinder Instrumente und eine musikalische Ausbildung. Bereits jung spielen sie in Orchestern zusammen. Das große Bolivar-Orchester, das Dudamel bereits als 18-Jähriger als Chef übernahm, ist das staatliche Vorzeigeorchester.

Längst kein reines Jugendorchester mehr

Ein reines Jugendorchester ist es längst nicht mehr. Das ist in der Philharmonie kaum zu übersehen. Die Musiker arbeiten generationsübergreifend zusammen, wenngleich noch kein grauer Haarschopf an den Pulten zu entdecken ist.

Die für ein Jugendorchester typische Leidenschaft, ja die Unbedarftheit, sind in eine hohe Professionalität gemündet. Vom Charakter her liegt das venezolanische Orchester zwischen den Nordamerikanern, die perfektere, schneidigere Bläser vorzuführen haben, und den klangfühligeren Europäern. Aber Europa liegt ihnen insgesamt doch ferner.

Dudamel ist wie ein Dompteur

Strawinsky "Petruschka" und "Le Sacre du Printemps" haben sich Dudamel und sein Orchester ausgesucht. Es sind beides Ballettkompositionen, und sie leben vom gestisch Bewegten. Das Bildhafte liegt dem Orchester. Das Jahrmarktstreiben ist bunt und quirlig ausgedeutet, trotz der an sich schwerfälligen Besetzung.

Dudamel ist wie ein Dompteur, der es immer wieder in Schwung bringen kann - was dem Orchester mit Leichtigkeit und manchmal unter explosivem Hochdruck gelingt.

Ein Akkord treibt den anderen vor sich her

Dudamel mag das Rhythmische an Strawinsky, und das wird ausgekostet an diesem Abend. Das rhythmisch Stampfende kommt übermächtig herüber. Und macht beiläufig deutlich, warum sich Strawinsky-Musiker statt einer Gage besser einen Akkordlohn verdient haben. Ein Akkord treibt den anderen vor sich her, das Melodienselige gehört anderen russischen Großkomponisten. Das Rituelle, das Farbenreiche in Strawinskys "Frühlingsopfer" legt dem Orchester weniger im Blut. Das Piano zählt kaum zu ihren Lieblingslautstärken, alles mündet schnellstmöglich ins elementar kraftvolle Miteinander.

Man glaubt, viel von Abbado zu entdecken

Umso mehr werden sich im Publikum viele über den zurückhaltenden Dudamel am Pult gewundert haben. Der einst feurige Lockenkopf kommt nachdenklicher daher. Die Bewegungen sind deutlich kontrollierter.

Es ist schwer zu sagen, zu wem von den drei berühmten Mentoren Claudio Abbado, Simon Rattle und Daniel Barenboim sich Dudamel vom Dirigierstil her hingezogen fühlt. Man glaubt, viel von Abbado zu entdecken. In den nächsten Jahren muss sich das Ganze bei Dudamel mit tief empfundener Musik füllen. Er ist gerade auf dem Weg vom ungestümen Jungstar zum Pultmagier. Das Publikum dankt ihm an diesem Abend mit Jubel und stehenden Ovationen.

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