Kultur

Endlich kommt er nach Berlin

Zunächst bleibt Ai Weiwei in München, dann geht es in die Hauptstadt, wo sein Sohn lebt

Da stand er schon, der kleine Ai Lao, ganz sehnsüchtig, und wartete am Flughafen München auf seinen Papa. Der hievte den Kleinen fix auf seinen Rollkoffer, die Freude war groß. Gestern Nachmittag landete Ai Weiwei in München. Noch mittags gab es Gerüchte, wonach Chinas bekanntester Künstler und Regimekritiker nach Berlin fliegen werde. In der Universität der Künste (UdK) gab es telefonische Anfragen, ob man ihn nicht vom Flughafen Tegel abholen wolle. Doch an der Universität wusste man bereits vorher, dass Ai Weiwei zuerst nach München fliegt, aber "in den nächsten Tagen nach Berlin kommt", so Sprecher Björn Wilck. Auch in seiner Berliner Galerie neugerriemschneider ist man auf seine Ankunft eingestimmt. Wann genau, wisse man nicht. "Wir freuen uns!" Eine Ausstellung ist in der Galerie in Mitte nicht geplant. In den letzten Tagen sei man mit Ai Weiwei in Kontakt gewesen, hätte geskypt.

Unberechenbares Regime

In München will sich Ai Weiwei zunächst erst einmal in medizinische Behandlung begeben. 2009 musste er sich in München am Kopf notoperieren lassen, die Verletzungen resultierten aus einem Übergriff der chinesischen Geheimpolizei. Von den Untersuchungen wird wohl abhängen, wann genau er nach Berlin kommt. Der 57-jährige Künstler, der seine Fans über Instagram auf dem Laufenden hält, ist der Stadt Berlin sehr verbunden, die Bundesregierung hat sich im vergangenen Jahr für seine Belange eingesetzt, lange her, dass ein Gegenwartskünstler so hohe politische Wellen schlug. Aber nicht nur das, sein sechsjähriger Sohn lebt hier mit seiner Mutter und geht hier auch zur Schule. Weil der Junge in Peking keine Schulerlaubnis hat und wahrscheinlich fürchtet Ai Weiwei auch Schikanen, denen sein Sohn ausgesetzt sein könnte. Das Regime ist unberechenbar, wie er am eigenen Leib die letzten Jahre zu spüren bekam. Am Pfefferberg besitzt der Chinese zudem ein Atelier, eine Wohnung gibt es auch, die Infrastruktur ist also da.

In der UdK kann Ai Weiwei eine durch die Einstein-Stiftung finanzierte, dreijährige Gastprofessur antreten. "Wir sind auf sein Kommen vorbereitet, haben aber Verständnis, wenn Ai Weiwei erst einmal seine privaten Angelegenheiten regelt", so Björn Wilck. Die Stelle könne zum kommenden Wintersemester ab Mitte Oktober anlaufen.

Erst vor wenigen Tagen hatte Ai Weiwei in Peking seinen Pass zurückbekommen. Seither war man in Berlin auf seine Ankunft eingestellt. Vier Jahre war der international vernetzte Künstler ohne Reisedokument. Die Frage war nur, inwieweit Ai mit seinem Pass wirklich frei reisen kann. Einige chinesische Dissidenten wurden allein beim Versuch, das Land zu verlassen, am Flughafen festgenommen. Anderen wurde nach der Ausreise die Rückkehr verweigert.

"Die Nagelprobe hat die chinesische Regierung mit der Ausreise bestanden", findet Geron Sievernich, studierter Sinologe und Chef des Martin-Gropius-Baus, wo Ai Weiwei im vergangenen Jahr mit einem Rekord von 240.000 Besuchern ausstellte. Entscheidend werde sein, ob der chinesische Künstler auch wieder in sein Heimatland einreisen dürfe. Ai Weiwei hat immer gesagt, dass er in China bleiben will. Jahrelang haben die chinesischen Bonzen den regierungskritischen Künstler unter Arrest gesetzt, sein Pass einbehalten. 2011 saß er für 81 Tage im Gefängnis, niemand wusste zuerst, wo er war. Den Psychoterror, den er erlebte, hat er in vielen Werken thematisiert. Die Vorwürfe der Staatsmacht: Steuerhinterziehung, Bigamie, Pornografie. "Alles offensive Propaganda der Partei", sagt Sievernich, der den Fall Ai Weiwei genaustens verfolgt. Staatschefs und Außenminister schickten damals Solidaritäts- und Empörungsbriefe an Chinas Regierungsmacht.

Ausstellung in Peking

Trotz der Schikanen und Beobachtung rund um die Uhr ließ sich der umtriebige Chinese den Mund nicht verbieten, das Internet nutzte er furios als sein Forum, von Peking aus entwickelte er große Werkschauen in den großen Museen der Welt. China verlassen durfte er nicht, reisen ausschließlich im eigenen Land, und immer stand er unter Beobachtung, ausstellen konnte er dort nicht, die Medien schwiegen ihn tot. Als er im Juni im Kunstareal "798" tatsächlich in Peking eine Einzelausstellung eröffnen konnte, war das eine Sensation. Politische Beobachter deuten diesen Kurswechsel damit, dass chinesische Regierungsbesuche in Europa anstehen, da möchte man das Image etwas polieren: Kunst ist längst zum diplomatischen Kitt geworden.

Kurz vor der Abreise Ai Weiweis aus Peking kam es dann doch noch zu Irritationen, verursacht durch die britische Regierung. Ausgerechnet ihm, dem regimekritischen Künstler, verweigerten sie – mit Hinweis auf seine "kriminelle Vergangenheit" im Gefängnis – ein langfristiges Visum für sechs Monate. Ai Weiwei hat die Dokumente bei Instagram veröffentlicht. Er hat versucht, den Sachverhalt in Telefonaten mit der britischen Botschaft und den Einreisebehörden zu klären. "Aber die Vertreter bestanden darauf, dass ihre Quellen korrekt seien, und lehnten es ab, eine Fehlentscheidung einzuräumen", schreibt er. Eigentlich wollte Ai Weiwei im September zur Eröffnung seiner Ausstellung in der Royal Academy of Arts nach London fliegen. Genehmigt wurden ihm letztlich drei Wochen. Britische Diplomatie? Im Oktober hat sich Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in London angesagt.

Zur Startseite