24.02.12

Neues Album "Wrecking Ball"

Bruce Springsteens Kampf geht weiter

Bruce Springsteens neue Platte "Wrecking Ball" (übersetzt Abrissbirne) ist der wütende Kommentar eines Musikers zur Lage seines Landes USA.

Von Arne Willander
Foto: Danny Clinch/sonymusic
Bruce Springsteen
Der Boss ist wieder zurück

In seinem Lied "Magic" wurde Bruce Springsteen gegen seine Gewohnheit sarkastisch: Er verhöhnte den amtierenden Präsidenten George W. Bush als einen Zauberkünstler und Rosstäuscher vom Jahrmarkt, der mit billigen Tricks das Publikum verschaukelt. "Magic" war vor fünf Jahren ein erstaunliches, ein bitteres Stück. Danach sprach Springsteen sich für Barack Obama aus, der sich mit den berühmten Worten bedankte: "Ich bin der Präsident, aber er ist der Boss."

Doch die Dinge stehen nicht gut für die Präsidentschaft Obamas, und Springsteen eröffnet eine Bilanz, die noch finsterer ist als seine Bestandsaufnahme in der Reagan-Ära: Die USA, befindet er, seien von Ölbaronen, Viehdieben und gierigen Bankiers in den Abgrund getrieben, der Mann auf der Straße sei verraten und verkauft worden. Amerika, der Mythos Amerika mehr als das reale Land, sei zuschanden gegangen. Und Mythenhüter Springsteen beklagt den Niedergang: "Where's the promise from sea to shining sea?" fragt er in "We Take Care Of Our Own", einem Aufruf zur Selbstermächtigung.

Das neue Album heißt "Wrecking Ball", was "Abrissbirne" bedeutet – in Deutschland würde allenfalls eine traurige Punk-Band ihre Platte so betiteln. Den gleichnamigen Song hatte der Künstler schon vor drei Jahren geschrieben, als das Meadowlands-Stadion in New Jersey abgerissen wurde, in dem Springsteen oft aufgetreten war. Nun wird die Betonschüssel zur Metapher fürs Plattmachen alles Guten, Wahren und Schönen: "Wrecking Ball" ist ein Abgesang und eine Anklage, der grimmigste und wütendste Kommentar eines Musikers zur Lage des Landes.

Gitarre in der schwieligen Pranke

Aber was heißt Musiker? Längst ist Springsteen ein eifriger Leser der Bücher von Richard Ford und Philip Roth und ein Kenner der amerikanischen Historie. Zunächst nur Chronist des heimatlichen New Jersey und der Ostküste, dann Erzähler der banalen Freunden der Samstagnacht und der Dunkelheit am Stadtrand, wurde er mit "Born In The U.S.A." 1984 zum Volkstribun und Arbeitervertreter mit der Gitarre in der schwieligen Pranke, dem Gang eines Revolverhelden und Texten, die wie ein Amalgam aus Unabhängigkeitserklärung, Bibel und Raymond Carver wirken. Nach dem 11. September 2001 schwiegen die Dichter lange – Springsteen nahm mit "The Rising" ein komplettes Album auf, das von Verlust, Einsamkeit und Trauer handelt. Zum zweiten Irak-Krieg verfassten Songschreiber wie Tom Waits, Steve Earle und Paul Simon je ein elegisches Lied – Springsteen reagierte 2006 mit "The Seeger Sessions", einer Sammlung von alten amerikanischen Folk-Songs: In Liedern wie "How Can A Poor Man Stand Such Times And Live?" und "Pay Me My Money Down" fand er seine eigene Stimme.

Zu den zwei "Bonus Tracks" der Platte gehört der Song "American Land" von jenem Album, der bei Konzerten oft den Abschluss bildete. So kraftvoll, düster und unabweisbar sind die meisten Songs dieses radikalen, urwüchsigen Albums, das Ron Aniello produzierte, der Brendan O'Brien ersetzte. In den vergangenen Jahren starben Danny Federici und Clarence Clemons, der Organist und der Keyboarder der E Street Band; so organisierte Springsteen seine Musik neu: Die Fiddle und das Schlagzeug dominieren die meisten Songs, ein Gospel-Chor singt, die Bläser tönen wie eine Mardi-Gras-Band. "Easy Money" und "Shackled And Drawn" sind Irish-Folk-Schunkler mit schweren Stiefeln; "Jack Of All Trades" ist eine typische Springsteen-Ballade mit Bläsern, die an einen Friedhofsmarsch erinnern.

Integer und allürenfrei

Mit Flöten und Pauken paradiert der Spielmannszug von "Death To My Hometown"; die Band ist losgelassen wie auf "The Seeger Sessions": "Send the robber barons straight to hell", rät der Erzähler seinem Sohn, auf dem Schlachtfeld stehend, das die Heuschrecken abgegrast haben. Es ist beinahe eine Kapitulation, wenn Springsteen in der Ballade "This Depression" zu düsteren Gitarren und ahnungsvollen Chören schwerfällig barmt: "This is my confession/ I need your heart in this depression." Ein Liebeslied über die Rezession. Bei "Wrecking Ball" dominieren wiederum Bläser und Schlagwerk; die Fiddle und die Bläser schwelgen. Es ist natürlich mehr als der Schwanengesang für einen Spielplatz, wenn Springsteen singt: "All our little victories and glories/ Have turned into parking lots."

Die Verklärung der "Glory Days" hatte er einst ironisch besungen; nun blickt Springsteen verdrossen auf die Nation mit dem Glücksversprechen. Die Gefolgschaft steht in Treue fest zu ihm: Jedem Album gehen sorgsam dosierte Gerüchte voraus, denen einzeln vorgestellte Songs und sehr wenige Interviews für ausgesuchte Fernsehsender und Zeitschriften folgen. Es gibt kein Überangebot, kaum Redundanzen. Springsteens Gemeinde, angeführt von dem professionell arbeitenden Fanzine "Backstreets" samt Website, mehrt den Ruhm; glühende Bewunderer ziehen den Rock-Normalverbraucher mit. Springsteen gilt als integer, glaubwürdig und allürenfrei, noch immer sind seine Platten relevant.

Am Ende der Platte singt Springsteen "Land Of Hope And Dreams", den Song, den er 1999 zur Reunion der E Street Band schrieb und der später viele Konzerte als Hymnus beendete. Das Lied ist jetzt kürzer, aber es verströmt den guten Willen einer Schrift von Ralph Waldo Emerson. Noch einmal dampft hier die Eisenbahn ins Gelobte Land, und immer wieder ruft der Schaffner: "Just get on board ..." Es ist allerdings keine Freifahrt: Man wird Wälder abholzen, Felder roden und Berge überwinden müssen – aber auf der anderen Seite ist das Meer. Am Schluss erklingt das letzte Saxofon-Solo von Clarence Clemons – ein tearjerker, so sicher wie das Amen in der Kirche. Im munter hoppelnden, "Ring Of Fire" entlehnten "We Are Alive" schließlich sprechen sogar die Toten: Aus den Gräbern erzählen sie ihre eigenen Geschichten. "Wrecking Ball" ist eine Ein-Mann-Tea-Party, eine Protestplatte, eine Grundsatzerklärung.

Stoisch wie John Wayne in "Alamo" und mit dem Zukunftsmut von Henry Fonda in "Früchte des Zorns" verteidigt Bruce Springsteen das Amerika, das er in den Filmen gesehen hat. Wenn du durch die Hölle gehst, sagte Winston Churchill, geh weiter. Kein Album für Ungläubige.

Der Autor ist Redakteur der Zeitschrift "Rolling Stone"

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