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23.02.12

Steve McQueen

In New York kann man nur sexsüchtig werden

Steve McQueens Film "Shame" zeigt Michael Fassbender als erotomanen New Yorker: im Bett mit zwei Prostituierten und beim Masturbieren auf der Toilette im Büro.

AFP

"Er ist kein Schauspieler ... er ist ein Künstler", schwärmte sein Regisseur Steve McQueen von ihm, als sein Star Michael Fassbender in Venedig 2011 für seine Rolle in "Shame" als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

9 Bilder

New York wirkt in diesem Film so kalt und gernegroß wie der Potsdamer Platz an einem tristen Februartag. Hier kann man tagsüber eigentlich nur arbeiten, nachts noch schnell eine Runde joggen oder gleich 24 Stunden lang nonstop am Laptop versanden.

Vor dieser Kulisse ist es schon fast logisch, dass Brandon ( Michael Fassbender ) trotz seines Erfolgs und Wohlstands am liebsten in eine weniger aseptische Zeit flüchten würde, als "Rockmusiker in die Sechziger" zum Beispiel, wie er es der einzigen Frau im Film anvertraut, mit der er nicht sofort ins Bett steigt.

Der Körper wird zum Geschehen

Brandon leidet, wenn er auf der Herrentoilette im Büro oder zuhause unter der Dusche masturbiert, schämt sich, wenn auf seinem Rechner Cybersex-Dateien entdeckt werden, und verkrampft sein Gesicht wie ein Gefolterter, wenn er sich mit zwei Prostituierten um Kopf und Kragen vögelt.

Eine Frauenstimme fleht in den ersten Minuten ständig auf seinem Anrufbeantworter, er möge doch bitte abheben. Es stellt sich heraus, dass es seine labile Schwester Sissy ( Carey Mulligan ) ist. Die steht eines Tages nicht etwa vor seiner Tür, sondern bereits unter der Dusche, als er seine Wohnung betritt. Eine großartige Szene, wie da diese beiden personalisierten Verletzlichkeiten aufeinanderprallen.

Erlösung und Selbstzerstörung, und inwieweit man andere dafür braucht: Das sind die Pole, zwischen denen Fassbender einen Getriebenen zeichnet. Wie bereits in "Hunger" (2008), der ersten aufsehenerregenden Zusammenarbeit zwischen dem britischen Regisseur und Turner-Preisträger Steve McQueen und dem Deutsch-Iren Fassbender, wird dabei der gemarterte Körper selbst zum Geschehen.

"'Shame’ folgt einem Menschen, der alle Freiheiten des Lebens im Westen genießt und sich durch seine vermeintliche sexuelle Freiheit sein eigenes Gefängnis erschafft", sagt der Regisseur. So modern sich "Shame" gibt, so altbacken ist doch seine Kernaussage: Es gibt keine wirkliche sexuelle Freiheit in dieser Welt, weil darin ja nur Oberflächen miteinander interagieren.

Je länger McQueen Fassbender dabei beobachtet, wie er sich immer tiefer in die Unverbindlichkeiten käuflicher Körper hineingräbt, ohne je an irgendeinen erlösenden Punkt zu gelangen, desto mehr wirkt "Shame" wie die Fortsetzung der im New York der Sechziger spielenden TV-Serie "Mad Men" um den melancholischen Werbemenschen Don Draper.

Kino müsse "essenziell sein, wie HBO", sagt McQueen denn auch über "Shame". Draper konnte immerhin noch für Sekunden Freude oder Genuss empfinden. In den sechziger Jahren war das, die Brandon am liebsten zurückholen würde. Weshalb es dem Zuschauer überlassen bleibt, ob er "Shame" nun für besonders cool oder bloß für besonders reaktionär halten soll.

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