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23.02.12

Late Night "Anne Will"

"Herzlich willkommen einer, der sich was traut!"

Ist Joachim Gauck der Heilsbringer als elfter Bundespräsident? Was erwarten die Deutschen von diesem Amtsträger? Bei "Anne Will" gab es vernünftige Antworten.

Joachim Gauck - "Winter im Sommer – Frühling im Herbst"

Ostern 1943: Mutter, Schwester Marianne und Joachim Gauck zu Besuch beim Vater in Adlershorst bei Gdingen im besetzten Polen.

16 Bilder

Die erste Gauck-Woche ist in vollem Gange, nicht nur in den Nachrichten und in der Internetgemeinde, sondern auch in den Talkshows. Er hat noch keine einzige Amtshandlung als Bundespräsident vollführt, er ist noch nicht einmal hundertprozentig gewählt, und doch wird schon alles zerredet. Bei "Anne Will" kam jedoch eine vernünftige Runde zusammen, die sich über den am 19. Februar 2012 als Kandidaten vorgestellten Joachim Gauck unterhielt.

Die Moderatorin wählte eine Frage als Thema, die sich so allerdings noch nicht vollständig beantworten ließ: "Gauck, der Unbequeme - wie lange wird das Volk ihn dafür lieben?"

Es sei schon eine "tolle Sache, wie man in Deutschland Bundespräsident" werde, so Anne Will einführend. "Da sitzt jemand nichts ahnend und ungewaschen im Taxi, plötzlich klingelt das Handy und die Bundeskanzlerin ist dran. Alles ist eigentlich wie im Film." Ob er der Heilsbringer sei, der die überbordenden Erwartungen übertreffen wird, wollte sie von ihren Gästen wissen.

"Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo freue sich "auf diesen Bundespräsidenten, aber ich habe überhaupt nicht die Erwartung, dass er meinen politischen Ansichten in allen Punkten entsprechen muss." Dem stimmte der emeritierte Professor für Geschichte, Heinrich August Winkler, zu. Der Historiker freue sich außerdem, "dass ein Mann mit dieser Biografie das höchste Amt bekleiden wird, das die Bundesrepublik Deutschland zu vergeben hat".

Di Lorenzo sagte weiter: "Es gibt wenige, mit denen sich so gut streiten lässt. Er guckt nicht erst, wo die Mehrheit ist, er leistet sich eine Meinung.

Und ich sage: Herzlich willkommen einer, der sich wieder was traut! Denn wir leben in einer Konsensgesellschaft, die mir manchmal schon Angst macht."

"Die Qualifikation zum Bundespräsidenten absolut erfüllt"

Für den Philosophen und Bestseller-Autoren Richard David Precht bringe Joachim Gauck "vier Voraussetzungen mit, die sein Vorgänger im Amt nicht hatte und die hervorragende Voraussetzungen sind, ein starker Bundespräsident zu werden: Er ist eine sehr starke und gefestigte Persönlichkeit. Er ist einer von relativ wenigen sehr guten Rednern in Deutschland, dem es gelingt, sein Publikum für sich einzunehmen. Er ist ein Vertreter der Zivilgesellschaft und kein Berufspolitiker.

Und er ist ein Mensch, mit dem viele Leute ein hohes Maß an Authentizität und Glaubwürdigkeit verbinden. Damit ist die Qualifikation zum Bundespräsidenten absolut erfüllt." Hier war sich die Runde relativ einig, bis auf einen Gast.

Die Rolle des schwarzen Schafs gehörte der ehemaligen SED-Sekretärin und Gründerin der Dresdner Tafel Edith Franke. Sobald sie sprach, schüttelten die anderen Gäste mit den Köpfen oder stöhnten auf. Gaucks Begriffe bezeichnete Franke als "inhaltsleer". Außerdem würde sie "einen Menschen lieber nach seinen Taten als nach seinen Reden beurteilen." Und Gauck habe sich nirgends engagiert.

Di Lorenzo öffnet Diskussionsraum souverän

Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld konnte bei Franke kein einziges Mal an sich halten und bezeichnete deren Einstellung als "anmaßend". Sie warf Franke außerdem "Obrigkeitsdenken" vor. Gauck versuche ihrer Meinung nach, "die Leute zu ermutigen im Hinblick darauf, dass ihm die Demokratie ein Wert ist, die Freiheit ein Wert ist, für die er eintritt, egal in welcher Position." Er hätte sich bereits vielfach engagiert.

Di Lorenzo öffnete immer wieder souverän den Diskussionsraum, zum Beispiel als Antwort auf Lengsfeld: "Wenn wir einen Kandidaten haben, der von fünf Parteien gestützt wird, dann finde ich es völlig okay, wenn es eine Partei gibt oder einzelne Politiker von anderen Parteien, die sagen: 'Mein Kandidat ist es nicht.'"

Precht: "Er soll ja nicht Papst werden"

Der Berliner Jusos-Vorsitzende Christian Berg fand, dass Gauck zu konservativ sei und war genervt, dass man ihn nicht kritisieren dürfe. Gauck würde ein "bürgerlicher Präsident, aber kein Präsident aller Bürger" werden. Berg habe sich außerdem dessen Buch ("Freiheit") "angetan" und meinte, er habe "mit seinem Freiheitsbegriff nicht Recht".

Auch Precht erweiterte öfter den Blickwinkel des Themas: "Wir können nicht jeden Satz, den Joachim Gauck gesagt hat, auf die Waagschale legen. Er soll ja nicht Papst werden. Er soll nur Bundespräsident werden, das heißt, er soll eine respektable Persönlichkeit sein, die als eine gewisse moralische Autorität in diesem Land betrachtet wird. Eine Absolute wollen wir sowieso nicht."

Winkler: "Kein Anlass für übertriebenen Pessimismus"

Dies, nachdem die kritischen Punkte, die in den vergangenen Tagen über den designierten Bundespräsidenten durch sämtliche Medien kursiert waren, noch einmal aufgelistet wurden, darunter Gaucks aus dem Kontext gerissene Ansichten zu Thilo Sarrazin und der Occupy-Bewegung. Letztendlich "gibt es keinen Anlass für übertriebenen Pessimismus", so der Historiker Heinrich August Winkler.

Erst am 18. März 2012 herrscht Klarheit darüber, ob der ehemalige Pfarrer, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde und Bürgerrechtler Joachim Gauck elfter Bundespräsident von Deutschland wird. Und bis dahin bleibt ohnehin alles ... Talk.

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