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22.02.12

Monika Gruber

Aus Tittenkofen in die Welt der Blitzlicht-Junkies

In "Leute, Leute" dreht das ZDF die Boulevardmagazine durch den Fleischwolf. Die Sendung ist frech, mutig und hat Potenzial – dank der Lara Croft des Kabaretts.

© picture alliance //picture alliance
Society-Expertin
Sibylle Weischenberg

Man kann gegen Christian Wulff sagen, was man will. Dass er mit dem geschenkten Bobby-Car zu lange die Flure auf Schloss Bellevue rauf- und runtergefahren ist und sich auch sonst zu wenig darum geschert hat, was die Journaille über ihn schrieb. Aber das Timing für seinen Rücktritt, das war perfekt. Fragen Sie Monika Gruber.

Monika, wer? Das ist die große Blonde aus dem bayrischen Tittenkofen, die aussieht, als träume sie davon, beim Krippenspiel für die Rolle als Engel gecastet zu werden. Sobald sie dann aber die Bühne betritt, reißt sie die Kulissen herunter und versohlt den Heiligen Drei Königen verbal den Hintern. Herrschaftszeiten.

Seit Dienstag moderiert der Shooting Star der bayrischen Kabarett-Szene " Leute, Leute", eine neue Satire-Sendung im ZDF , die die Boulevard-Magazine durch den Reißwolf dreht, von "Exclusiv" (RTL) bis "Leute heute" (ZDF). Und ausgerechnet der "Pattex-Präsi" verhinderte, dass dieser Mix aus kritischer Rückschau auf die Berlinale-Berichterstattung, Lifestyle ("Der neue Promi-Trend: Trennungen") und Diät-Tipps wie ein aufgewärmter Eintopf Buntes daherkam.

Die Steher-Qualität des Christian Wulff

"Leute, Leute" holt hervor, was die Produzenten der Hochglanz-Magazinen sonst gerne unter den Teppich kehren. Geschichten über Celebrities, die Schritt für Schritt dem Vergessen entgegentaumeln (Rudi Assauer? Nein, Thomas Gottschalk). Geschichten über Menschen im Blitzlichtgewitter, die sich wahlweise von ihrem Partner oder ihrem Resthirn getrennt haben. Siehe Heidi Klum oder Lothar Matthäus.

Die Wahrheit im Fall Wulff darf da natürlich nicht fehlen. Der Mann habe Steher-Qualitäten bewiesen, von denen Porno-Produzenten nicht einmal zu träumen wagten, sagte Gruber.

Noch einmal nachzutreten, dieser Versuchung widerstand sie. Das überließ sie ihrem Kollegen Sebastian Pufpaff. Der prophezeite dem zur Witzfigur gewordenen "Wu(l)ffie" eine traumhafte Karriere als Testimonial für einen Heimhandwerkermarkt, der dafür bekannt ist, dass er mit Schnäppchen wirbt: "100 Prozent auf alles – außer Tiernahrung."

Und Monika Gruber? Die Lara Croft des Kabaretts nutzte die Gelegenheit, um dem zurückgetretenen Politiker auf ihre Art zu kondolieren. "Ein leberwurstfarbener Klinkerhorror in Großburgwedel – ich meine, ich mag ihn auch nicht, aber die Strafe muss doch angemessen sein."

4000 Mal Brangelina

So weit, so wahr. So kennt man die "Gruberin". Sie stichelt nicht, sie sticht zu. Einer wie ihr verzeiht man den Frontalangriff. Wer auf einem Bauernhof in Tittenkofen bei Erding aufgewachsen ist, der hat eben einen ganz eigenen Blick auf die Welt der "Prominenten und Adeligen und anderen Menschen ohne richtigen Job."

Der weiß aber auch die Leidensbereitschaft der Schauspieler zu würdigen, die bei der 62. Berlinale tapfer die Zähne zusammenbissen, um sich dem unvermeidlichen "Redundanz-Reigen" der Boulevard-Reporter zu unterziehen: "4000 Mal wurde der Name Brangelina genannt. 34 Mal hieß es, Meryl Streep ist immer noch down to earth. Und einmal wurde Benno Fürmann sogar als Schauspieler bezeichnet."

So gesehen hat das ZDF mit Monika Gruber (40) genau die richtige Frau für sein neues Format gecastet. Es wird von derselben Redaktion betreut, die schon die "heute-show", "Neues aus der Anstalt" und "Pelzig hält sich" auf die Welt gebracht hat.

Für den Mut, die roten Teppiche des Boulevards aufzurollen, kann man den Sender nur beglückwünschen. Gegendarstellungen und Unterlassungserklärungen von Prominenten haben Konjunktur. Und wer als Chefautor den Moderationstexter des RTL-Dschungelcamps, Micky Beisenherz, engagiert, braucht ausgebuffte Justiziare.

Man darf gespannt sein, wie lange es noch dauert, bis die aus dem Fernsehen bekannte "Society-Expertin" Sibylle Weischenberg einen eigenen Medienanwalt konsultiert. Bei "Leute, Leute" beglückt eine gewisse "Idylle Leichenberg" (herrlich zynisch: Maren Kroymann) die Zuschauer mit vollkommen überflüssigen Promi-Tipps. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre weder zufällig noch frei erfunden.

Unmögliches möglich gemacht

Leute, Leute. Leider schoss das ZDF in der ersten Ausgabe über sein Ziel hinaus. Dass bei den Wulffs und Klums auch nur Leberwurst auf die Stulle kommt, ist ja bekannt. Um das zu enthüllen, braucht man keine Live-Schaltung zu Reportern, die mit hochgeschlagenem Trenchcoat-Kragen am roten Teppich oder vor Hauseingängen lauern, um Spekulationen über das Privatleben der VIPs zu befeuern.

Solche Kunstgriffe hat das Format nicht nötig. Die Welt der Blitzlicht-Junkies ist absurd genug. Das ZDF darf in diesem Punkt ganz auf den unbestechlichen Blick und die übermenschlichen Kräfte seiner Moderatorin vertrauen. Die "Gruberin" macht Unmögliches möglich: Sie redet Klartext.

Wenn das ZDF nicht aufpasst, gelingt es ihr noch, Lothar Matthäus und sein von ihm getrenntes Resthirn zu vereinen.

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