21.02.12

Protestantismus

Erst die Pastorentochter Merkel, nun Ex-Pastor Gauck

Triumph protestantischer Ethik? Bald werden eine Pastorentochter im Kanzleramt und ein ehemaliger Pastor im Präsidialamt die Berliner Republik repräsentieren.

Von Eckhard Fuhr
Foto: Joachim Gauck - "Winter im Sommer – Frühling im Herbst"

Ostern 1943: Mutter, Schwester Marianne und Joachim Gauck zu Besuch beim Vater in Adlershorst bei Gdingen im besetzten Polen.

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Man sollte die wenigen Tage und Wochen, in denen Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender, bayerischer Ministerpräsident und derzeit Bundesratspräsident, die Geschäfte des Staatsoberhauptes führt, mit allen Sinnen genießen. Wenn die nordostdeutsch-protestantische Doppelherrschaft Merkel/Gauck nach der Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten erst einmal installiert ist, werden kulturelle Aromen, wie sie ein katholisches Arbeiterkind aus Ingolstadt zu verströmen in der Lage ist, in der Kuppel der Berliner Republik kaum noch wahrnehmbar sein.

Horst Seehofer sollte sich nicht vornehm zurückhalten, sondern das schmale Zeitfenster, das ihm offen steht, nutzen, um die eine oder andere Rede etwa über die Machenschaften des internationalen Finanzkapitals, über Gentechnik und Bauernstolz oder auch darüber zu halten, dass Berlin nicht der Nabel der Welt, ja noch nicht einmal Deutschlands ist. Solche Reden wird man in den nächsten Jahren ganz oben jedenfalls nicht zu hören bekommen.

Es wird überhaupt nicht mehr viel bayerisch oder schwäbisch oder alemannisch geraunzt, gepoltert, geschimpft oder gewitzelt werden. Deutschlands Süden ist zwar nach wie vor das ökonomische Kraftwerk des Landes. Aber politisch-kulturell befindet er sich auf dem Weg in die Marginalisierung. Das ist eines der Ergebnisse dieses ebenso denkwürdigen wie absurden Wochenendes der Präsidentenfindung.

Es mag sein, dass diese Diagnose nur für Feinschmecker des politischen Feuilletons von Bedeutung ist. Im Übrigen arbeiten sie sich an der Frage, ob Deutschland mit der Wiedervereinigung östlicher und protestantischer geworden sei, seit zwanzig Jahren ab. Aber so sinnfällig wie jetzt zeigte sich diese mögliche kulturelle Verschiebung selten.

Es kann durchaus sein, dass die personelle Konstellation an der Spitze des Staates Wirkungen auch in die Tiefen von Politik und Gesellschaft hinein entfalten wird. Noch nie jedenfalls waren das evangelische Pfarrhaus und die politische Macht so direkt verkuppelt und verkoppelt, wie nach diesem Wochenende, da eine Pastorentochter und ein ehemaliger Pastor, beide aus der ehemaligen DDR, das Doppelgesicht der Berliner Republik bilden.

Wird die deutsche Politik nun im Geist der protestantischen Ethik – und des Kapitalismus – geistig-geistlich aufgerüstet? Der französische Präsident Sarkozy empfiehlt seinen Landsleuten die deutsche Sparpolitik als Modell, an dem Europa genesen werde. Die Griechen fürchten, das deutsche Spardiktat zwinge sie zur kulturellen Selbstaufgabe. Mit positiver oder negativer Wertung nimmt man von außen also sehr deutlich das Eigentümliche der ökonomischen Kultur Deutschlands wahr, deutlicher als in Deutschland selbst.

Verweist die Überhöhung Merkels durch Gauck also auf eine kulturelle Selbstfindung der Deutschen? Geben sie der kapitalistischen Realpolitik der Kanzlerin nun den kapitalistischen Geist bei? Und verabschieden sie sich damit endgültig von jenem rheinischen Wirtschaftsmodell, in dem gute Geschäfte und die Gebote der katholischen Soziallehre friedlich nebeneinander existierten?

Bevor man zu solchen Interpretationen durchstößt, muss man sich durch eine Menge politisch-taktischen und medialen Gerölls arbeiten, in dem nichts zueinander passt. Dass etwa ausgerechnet die bürgerliche Linke, Sozialdemokraten und Grüne, den notorischen Kapitalismusversteher Joachim Gauck als erste auf den Schild hob, ist eine der Paradoxien, die sperrig im Raum stehen. Dass er unter Gefährdung der Koalition von der FDP zum Allparteienkandidaten geputscht wurde, ist eine andere Merkwürdigkeit, die zumindest zeigt, dass die von den Parteipolitikern als eine Art Heilsversprechen beschworene Parteiunabhängigkeit Gaucks für Machtspiele auch der verzweifelten Art anschlussfähig ist.

Nun aber zurück zur Ausgangsfrage: Werden wir in Deutschland künftig mehr protestantischen Geist und weniger katholisches Gemauschel haben, mehr Fleiß und weniger Faulheit, mehr Sparsamkeit und weniger Verschwendung, mehr inneres Strahlen und weniger äußeren Schein, noch mehr Arbeit und noch weniger Feiertage?

Je nach Standpunkt wird man mit Erleichterung oder Enttäuschung konstatieren müssen, dass mit der Doppelspitze Merkel-Gauck kein reformatorisches Zeitalter angebrochen ist. Ein Wiederaufbrechen konfessioneller Gegensätze ist kaum zu befürchten. Und schließlich haben es beide Politiker, vor allem aber Joachim Gauck, in der Hand, ihr kulturelles Gepäck zum Wohl der gesamten Republik einzusetzen.

Neu ist etwas anderes: Joachim Gauck ist der erste Medien-Bundespräsident der Bundesrepublik . Seine Legitimation ist ihm im Wortsinne zugeschrieben. Die Bundesversammlung kann diese Zuschreibung nur notifizieren, worüber verfassungspolitisch zumindest nachzudenken ist.

Gab es in der Geschichte der Bundesrepublik je eine Situation, in der die Medien als sogenannte "vierte Gewalt" sich so explizit als Teil der Staatsgewalt verstanden? Es könnte sein, dass die schon so lange und so oft beschworene Mediendemokratie jetzt erst ihr Vollbild ausgeprägt hat. Ganz im Sinne protestantischer Strenge und Amtsnüchternheit könnte Gauck zunächst seine ein wenig außerplanmäßige Legitimität nun also in Form bringen und das Amt in den Rahmen fügen, den die Verfassung ihm gibt.

Und natürlich muss er es lebensweltlich erden, was man ihm wohl zutrauen kann, denn er ist einer, der jetzt schon viel im Land unterwegs ist. Man erinnere sich einmal an jene schrecklichen Jahre, in denen der präsidiale Ruck-Aufruf Roman Herzogs in Sabine Christiansens Talkshow zur permanenten Reform-Agitation gesteigert wurde und die Deutschen jeden Sonntagabend von immer den selben Gurus der sogenannten Neuen Sozialen Marktwirtschaft zu hören bekamen, dass sie dem Untergang geweiht seien, wenn sie sich nicht des Sozialstaates entledigten.

Das Umerziehungsprojekt erstickte an den eigenen Phrasen, die man in Sindelfingen oder Ingolstadt ohnehin nicht so ernstnahm, und man konnte die Talkerei auch einfach nur als Form der Fernsehunterhaltung goutieren oder auch nicht. Doch in der Wulff-Krise war das Eifern plötzlich wieder da – nicht nur sonntäglich, sondern täglich. Diesmal ging es nicht um das Phantasma der alles reinigenden Brachialreform, sondern um das des moralisch keimfreien Überpolitikers.

In den Kulissen der Berliner Talkbühnen führte ein moralischer Rigorismus das Regiment, den man sonst eher in Kindergärten und auf Schulhöfen, seltener zum Glück unter Erwachsenen findet. Durch Talkshows tingeln muss und darf Joachim Gauck als Bundespräsident nicht mehr. Wenn er, draußen im Lande, wie man so schön sagt, zeigte, dass die Berliner Republik nicht so schlimm ist, wie sie sich bei Jauch oder Illner bisweilen aufführt, dann wäre er ein großer Präsident.

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