20.02.12

Berlinale

"Ich sah den Schatten eines Mündungsfeuers"

Für sein Roma-Drama "Just The Wind" wurde Bence Fliegauf auf der Berlinale ausgezeichnet. Ein Gespräch über Minderheiten und Filmemachen im Orbán-Ungarn.

Von Peter Beddies
Foto: Getty Images/Getty
Award Winners Press Conference - 62nd Berlinale International Film Festival

So sehr man den Taviani-Brüdern den Goldenen Bären für "Cäsar muss sterben" auch gönnt, der Favorit der Kritiker war ein anderer. Der Ungar Bence Fliegauf hatte den Film der Stunde gemacht: "Just The Wind" . Ein Drama über den letzten Tag einer Roma-Familie im Süden Ungarns.

Sie haben von den Morden gehört – die es in den vergangenen Jahren wirklich gegeben hat – und spüren den latenten Rassismus überall. Den nächsten Tag werden die meisten von ihnen nicht mehr erleben. Dafür bekam Fliegauf den Großen Preis der Jury und damit einen Silbernen Bären zugesprochen.

Morgenpost Online : Momentan scheint die Unzufriedenheit unter Ungarns Kreativen sehr groß zu sein. War das auch der Startpunkt für Ihren neuen Film?

Bence Fliegauf : Das Projekt begann für mich, als ich eine Reihe von Artikeln des Journalisten Zoltan Tabori gelesen habe. Nach den Überfällen auf Roma und Sinti in Ungarn fuhr er an jeden Ort, an dem etwas passiert ist, und dort stellte er unbequeme Fragen. Als ich seine Reportagen las, machte es bei mir plötzlich Klick. Denn ich hatte vor zehn Jahren die Struktur für den Film geträumt.

Morgenpost Online : Wie das denn?

Fliegauf : Ich habe von einem Film geträumt, der einer Familie einen Tag lang folgt. Sie stehen früh auf und gehen ihrem Tagwerk nach. Die Kamera folgt jedem Familienmitglied, und am Ende kehren alle zum Haus zurück. Die Struktur hat mir gefallen, aber ich hatte keinen Inhalt dazu. Den gab mir Tabori mit seinen Reportagen über die Morde an Roma und Sinti. Der wirkliche Auslöser war dann wieder ein Traum – ein Albtraum. Ich sah eine Hütte und den gespenstischen Schatten eines Mündungsfeuers.

Morgenpost Online : Wo sind die Reportagen erschienen?

Fliegauf : In ungarischen Zeitungen – hauptsächlich 2009 und 2010. Damals war das möglich.

Morgenpost Online : Sind Sie selbst zu den Roma gereist?

Fliegauf : Ich war ein ganzes Jahr in Ungarn unterwegs, um mit Roma und Sinti zu sprechen. Am Anfang hat mir natürlich kaum jemand zuhören und mit mir reden wollen. Aber nach einer Weile habe ich herausgefunden, was ich machen muss, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Morgenpost Online : Was war das?

Fliegauf : Der gute alte Witz. Man weiß am Anfang nicht so genau, was diese Menschen denken. Sie haben im Laufe der Zeit gelernt, sich zu verschließen. Wenn man aber mal einen Scherz macht, den sie komisch finden, bricht diese Mauer auf. Dieses Loch, das uns trennt, ist plötzlich verschwunden. Außerdem rede ich manchmal sehr gern sehr viel. Und das hat auch geholfen. Denn in diesem Kulturkreis wird auch unglaublich viel geredet. Das bekommen wir aber normalerweise nicht mit, weil ihre und unsere Welt sich selten überschneiden.

Morgenpost Online : Die Familie in Ihrem Film existiert unter unwürdigen Umständen. Eine schäbige Hütte mitten im Nirgendwo. Fließend Wasser und Strom sind Fremdworte. Man denkt automatisch: "So also leben sie."

Fliegauf : Mir ging es am Anfang der Recherche ähnlich. Das sind die Klischees, die wir gern benutzen. Sie machen das Leben halt einfacher. Aber was ich überall gefunden und hier abgebildet habe, das ist die Armut. Die totale, absolute Armut, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Glauben Sie mir, diese Menschen leben nicht gern so. Es gibt zum Beispiel eine Szene im Film, in der eine furchtbar betrunkene Frau endlos auf dem Erdboden nach ihren Zähnen sucht. Das war keine Roma. Aber weil sie da in diesem Schmutz lebt, ist man gern bereit zu denken, sie wäre eine. Mit der Kultur und dem Selbstverständnis der Roma und Sinti hat diese Armut nichts zu tun.

Morgenpost Online : Ihren Film hätten Sie sicher auch in Cannes zeigen können.

Fliegauf : Sicher, aber er passt perfekt nach Berlin. Zum einen ist Berlin das Festival mit dem politischen Anspruch. Dann haben Deutsche und Ungarn gemeinsame kulturelle Wurzeln. Das hat gut gepasst. Außerdem liefen meine ersten beiden Filme hier und wurden beide prämiert.

Morgenpost Online : Wie hat sich die Wahrnehmung in Ungarn geändert, nachdem bekannt war, dass der Film hier laufen würde?

Fliegauf : Das war sehr interessant. Jetzt finden alle in Ungarn unseren Film toll. Viele Offizielle sagen, wie sehr sie ihn schon immer unterstützt hätten.

Morgenpost Online : Vermutlich eine Lüge.

Fliegauf : Ja, bei einigen dieser Leute liegt der Verdacht nahe. Vor ein paar Monaten noch gab es den Wunsch von staatlicher Seite, die Missstände nicht so drastisch zu zeigen. Aber da nur zehn Prozent des Budgets vom Staat kamen, konnten sich diese Leute nicht durchsetzen.

Morgenpost Online : Mit anderen Worten, es gibt eine Filmzensur in Ungarn.

Fliegauf : Damit wäre ich vorsichtig. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn 90 Prozent des Geldes vom Staat gekommen wären. Es hat aber niemand versucht, das Projekt zu stoppen. Das würde ich unter Zensur verstehen.

Morgenpost Online : Hat man Ihnen gesagt, warum Sie etwas am Film verändern sollen?

Fliegauf : Es gibt zurzeit eine Entwicklung in Ungarn, die ich nicht verstehe. Sie ist von Angst gesteuert. Uns wurde gesagt, dass wir immer im Auge haben sollten, welches schlechte Bild Europa von Ungarn bekommen könnte. Aber daran denke ich als Künstler nun wirklich nicht. Ich will einen guten Film machen.

Morgenpost Online : Haben Sie Sorge, dass man kritischen Regisseuren immer mehr Rechte beschneiden wird?

Fliegauf : Noch sehe ich uns in einer Demokratie, noch kann ich sagen, dass ich stolz bin, ein Ungar zu sein. Aber ich sehe auch den Trend, dass man sich den Problemen nicht mehr stellt und am liebsten wegschaut. Meine größte Sorge ist, dass wir überall in Europa das Experiment Demokratie für gescheitert erklären und den chinesischen Weg gehen. Eine Gesellschaft, die nach außen kapitalistisch aussieht, im Inneren aber eine Diktatur ist, die keinen Widerspruch zulässt. Das wäre der Tod jeder Kultur.

Morgenpost Online : Wann soll Premiere in Ungarn sein?

Fliegauf : Ende März. Schon jetzt spüre ich im Land eine gewisse Aufregung. Ich weiß nicht, was passieren wird. Vielleicht werden wir für den Film gefeiert. Möglicherweise muss ich auch auswandern, wenn diese rechtsradikalen Kerle sich durchsetzen mit ihrer Meinung, ich würde die ungarische Gesellschaft beschmutzen.

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