19.02.12

Kinofilm "Gefährten"

Warum Steven Spielberg ein Pferd castete

Im Film "Gefährten" spielt ein Pferd die Hauptrolle. Schon die Theater-Vorlage rührte Steven Spielberg zu Tränen, wie der Regisseur im Morgenpost Online-Interview gesteht.

Foto: © DreamWorks II Distribution Co.
GEF?HRTEN
Der Regisseur und sein Hauptdarsteller: Steven Spielberg mit Finder (alias Joey), um den sich im Film "Gefährten" alles dreht

Morgenpost Online: Mr Spielberg, Sie können sich die Rechte an jedem Stoff leisten, den es auf der Welt gibt. Warum wählen Sie eine Geschichte mit einem Pferd in der Hauptrolle?

Steven Spielberg: Kathy Kennedy, meine langjährige Produzentenpartnerin, hat mir davon erzählt. Ich habe mir das Buch von Michael Morpurgo besorgt - und es regelrecht verschlungen.

Morgenpost Online: Das Buch ist in der ersten Person erzählt, aus der Sicht des Tieres. Klang das nicht ein bisschen wie diese alten Hollywood-C-Filme über "Francis, den sprechenden Esel"?

Spielberg: Ich wollte garantiert keinen Film über ein sprechendes Pferd machen und auch keinen mit einem Pferd als Erzähler. Aber es war interessant, wie Morpurgo sich in den Kopf des Tieres versetzte. Ich halte jedes Jahr an der University of Southern California einen Vortrag vor 500 Studenten, und der Moderator begann diesmal mit der Feststellung, er komme gerade aus London und habe dort ein Theaterstück gesehen, das nach einer Verfilmung durch mich geradezu schreie: "War Horse/Gefährten".

Morgenpost Online: Und nun flogen Sie ebenfalls nach London ...

Spielberg: ... und ich sah das Stück und flennte, und meine Frau flennte noch mehr. Ich sah sie an und sagte: "Eine wundervolle Geschichte! Den Film werde ich machen."

Morgenpost Online: Sie hatten davor schon Filme über den Zweiten Weltkrieg gedreht, aber noch keinen über den Ersten. Worin liegt für Sie der Unterschied?

Spielberg: Dies sollte ein Familienfilm werden, im Unterschied zu den hochauthentischen "Schindlers Liste" und "Der Soldat James Ryan". Ich musste also aus dem Inneren des Krieges kommen, ohne die schreckliche Bilderwelt. Die zweite große Herausforderung lag darin, dass die Geschichte davon handelt, wie Pferde in diesem Krieg überflüssig werden, weil neue Technologien sie ersetzen: Panzer, Gasbomben, Flugzeuge. Hunderte von Jahren stand das Pferd in der ersten Angriffslinie, und Attacken mit ihm waren gefürchtet. Nun wurde es binnen ein, zwei Jahren praktisch wertlos. Das einst so stolze Kavalleriepferd war plötzlich nur noch Lastenträger, und Millionen wurden geschlachtet oder verspeist. Aber keine Angst, das zeige ich nicht.

Morgenpost Online: Wenn das Pferd, im Film Joey genannt, so wichtig war: Wie castet man ein Pferd?

Spielberg: Ich habe meinen Pferdeflüsterern voll vertraut, und sie haben Finder ausgesucht, der vor einigen Jahren schon in "Seabiscuit" die Hauptrolle spielte. Sie hatten nicht lange Zeit zum Training, nur ungefähr fünf Monate.

Morgenpost Online: Jeremy Irvine, der Darsteller des Jungen, der dem geliebten Pferd in den Krieg folgt, hatte vorher nur etwas Amateurtheater und ein wenig Fernsehen gespielt. Das war ein Casting, nehme ich an, das Sie selbst überwacht haben.

Spielberg: Aber sicher. Ich habe schon einer ganzen Reihe von Kindern ihre erste Chance verschafft, Christian Bale , Drew Barrymore, Josh Brolin. Kinder lernen schnell und werden schnell zu Profis, beinahe zu schnell. Bei Jeremy brauchte es nur eine Woche, dann verzog er sich schon in eine Ecke, um sich auf die nächste Szene zu konzentrieren. Ich ging dann zu ihm und forderte ihn auf: "Fang nicht an zu denken, bereite dich bloß nicht vor. Komm einfach auf den Set!"

Morgenpost Online: Ihr Konzept sah einen weitestgehenden Verzicht auf digitale Tricks vor. Das ist heutzutage ein schon beinahe kühnes Konzept.

Spielberg: In vielen Szenen habe ich mich einfach auf die Intelligenz von Finder verlassen. Deshalb gibt es keine Extremsituationen, die man einem digitalen Pferd zugemutet hätte, also keinem aus Fleisch und Blut. Das Wichtigste sind Joeys Augen: Wen sieht er an, und wie sieht er ihn an? Die Emotionen dieser Geschichte kommen aus den Augen, nicht aus den Stunts. Es geht um Augenkontakt, und das ist viel intimer, als man es von einer Kriegsgeschichte erwarten würde.

Morgenpost Online: Sie haben in den vergangenen fünf Jahren vier Kinofilme gedreht, das ist normal. Aber in der gleichen Zeit fungierten Sie auch als Produzent von mehr als zwanzig Spiel- und Fernsehfilmen. Das ist ungeheuer viel, fast beunruhigend viel. Warum diese Hyperaktivität?

Spielberg: Das ist für mich überhaupt nichts Neues. Ich habe schon als Kind immer mehrere Dinge parallel getan. Und kaum hatte ich meine ersten eigenen Filme inszeniert, begann ich zu produzieren, damals das Debüt meines alten Freundes Robert Zemeckis. Regieführen, das gebe ich zu, befriedigt mich viel mehr als Produzieren. Andererseits liebe ich es, Talenten eine Chance zu verschaffen. Das ist letztlich der Grund für die Existenz von DreamWorks. Mimi Leder hat zum Beispiel für uns "Emergency Room - Die Notaufnahme" produziert, und ich bewunderte ihre Arbeit, also gab ich ihr die erste Chance im Kino mit "Project: Peacemaker" mit Clooney und Kidman. Oder ich sah im Londoner West End eine wundervolle Inszenierung des Musicals "Oliver" durch Sam Mendes und habe ihm daraufhin seinen ersten Kinofilm "American Beauty" angeboten.

Morgenpost Online: Wie halten Sie den Geldmenschen und Organisator, der ein Produzent nun einmal auch sein muss, und den Künstler in sich in der Balance?

Spielberg: Daran denke ich überhaupt nicht. Mein größter Balanceakt besteht darin, wie ich Filme machen und gleichzeitig ein guter Vater von sieben Kindern sein kann. Vor allem wenn die Kinder größer werden und ihren eigenen Kopf bekommen.

Morgenpost Online: Sie haben sieben Kriegsfilme gedreht, mehr als in jedem anderen Genre. Mit welchem würden Sie die "Gefährten" am ehesten vergleichen?

Spielberg: Ich glaube, dass ich noch nie einen Film dieses Stils gedreht habe. Aber ich wage einen Vergleich: Was die Stimmung angeht, habe ich mich an John Ford orientiert, an "Der Sieger" oder "Der Verräter". Auch "Gefährten" handelt viel von dem Charakter des Landes, in dem er spielt, und das war immer die Domäne von Ford, dem das Land so wichtig war wie die Geschichte, ob im Monument Valley oder in Irland. "Gefährten" war die wohl einzige Chance, die wunderbare Landschaft von Dartmoor und Devon in einem meiner Filme unterzubringen.

Morgenpost Online: Versuchen Sie bewusst, sich nicht zu wiederholen?

Spielberg: Das ist keine bewusste Entscheidung. Ich habe mir vor "E.T." nicht überlegt, dass ich nur ein paar Jahre zuvor mit "Unheimliche Begegnung der dritten Art" bereits einen anderen Film über Außerirdische gedreht hatte. Die "E.T."-Idee war mir sogar am Set von "Begegnung" gekommen. Man kann über Ideen auch zu lange nachdenken. Für all meine Filme gilt: Es hat immer eine Million Gründe gegeben, jeden einzelnen von ihnen nicht zu machen.

Morgenpost Online: Man sagt von Spielberg-Filmen, sie verzauberten ihr Publikum. Welche Filme verzaubern Sie?

Spielberg: Als ich " Avatar " sah, habe ich mich wieder wie ein Zwölfjähriger gefühlt. Ich dachte, ich fliege mit den Na'vi. Einen solchen Film, der mich für zweieinhalb Stunden in meine Kindheit zurückversetzt, hatte ich jahrelang nicht gesehen. Ich war zwar am Set gewesen, aber als ich bei der Teampremiere die 3-D-Brille aufsetzte, hatte ich keine Ahnung, was mir bevorstand. Das war mir zuletzt mit "Krieg der Sterne" passiert.

Morgenpost Online: Leben wir an der Wende zu einer völlig neuen Ära des Kinos?

Spielberg: Was sich nie ändert, ist die Wichtigkeit einer guten Geschichte. Alles andere ist ein Werkzeug, mit dem diese Geschichte erzählt wird, und auch 3-D ist ein Werkzeug aus dieser Kiste. Es stellt den Regisseuren eine neue Wahlmöglichkeit zur Verfügung, wie in den 40er-Jahren, als zum Schwarz-Weiß die Farbe hinzukam. Oder wie in den Fünfzigern: Drehen wir in Cinemascope oder auf Normalbreite? Oder wie in den Neunzigern bei "Jurassic Park": Mache ich die Saurier mit dem bewährten Stopptrick-Verfahren, oder gehe ich das große Risiko ein, computergenerierte Saurier zu verwenden? Wenn ich etwas gelernt habe, dann dies: Man sollte nie einen Film mit der einzigen Absicht drehen, ein neues Werkzeug zur Schau zu stellen.

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