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13.02.12

Berlinale 2012

Der Hass des Max von Sydow auf die deutsche Sprache

Einer der Großen des Kinos: Der schwedische Schauspieler Max von Sydow spricht über seinen neuen Film und erklärt, warum er auf der Leinwand nicht lachend zu sehen ist.

dapd/DAPD

Seit über 60 Jahren im Filmgeschäft: Der schwedische Schauspieler Max von Sydow (Jg. 1929). Er hat in mehr als 60 Filmen mitgespielt. Der ...

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145 Filme in etwas als 60 Jahren. Darunter Werke wie "Pelle, der Eroberer" oder "Der Exorzist" oder "Das siebte Siegel". Max von Sydow, der im April 83 Jahre alt wird, hat für alle großen Regisseure gearbeitet. Mal den Bösewicht gegeben, seltener auch den Helden. In seinem neuen, oscarnominierten 9/11-Film "Extrem laut…" spielt der Schwede einen alten Mann, der mit dem Haupthelden durch New York läuft – eine traurige Figur.

Ein dröhnendes Lachen schallt durch die Tür der Suite im New Yorker "Loews Regency Hotel", in der Max von Sydow an diesem Tag Journalisten empfängt. Die 1,93 Meter seiner ursprünglichen Körpergröße hat er sicher nicht mehr. Aber beeindruckend ist dieser Max von Sydow immer noch.

Morgenpost Online : Stimmt es eigentlich, dass wir das Interview auch auf Deutsch führen könnten?

Max von Sydow : Nein. Ich bin sehr froh, mit Ihnen auf Englisch reden zu können. Ich kann eine Unterhaltung auf Deutsch verfolgen. Ein Buch auf Deutsch lesen ganz sicher nicht.

Morgenpost Online : Wie oft wurden Sie im Laufe der Zeit für einen Deutschen gehalten?

Von Sydow : Permanent. Sie sehen ja, dass mich Stephen Daldry für "Extrem laut…" wieder als Deutschen besetzt hat. Als einen alten Mann, der in der Bombennacht von Dresden seine Sprache verloren hat. Aber was die Sprache angeht. Deutsch wollte mir nie so richtig in den Kopf, weil ich als Kind in Lund einen Hundesohn von einem Deutschlehrer hatte. Den habe ich so sehr gehasst, dass sich der Hass leider auf die Sprache übertrug, was ich sehr bedauere.

Morgenpost Online : Es gibt dieses schöne Zitat: "Wenn Du zu Max von Sydow gehst, musst Du über Gott und den Teufel und die Schwere der Welt reden". Woher kommt das?

Von Sydow : Oh, das ist eine sehr lange Geschichte. Vielleicht sollte ich sie eines Tages mal aufschreiben. Das fing schon in den 40er-Jahren an. Da war ich beim Theater. Einer meiner Regisseure war Ingmar Bergman . Der nahm mich dann gleich mit zum Film. Schon in meinem ersten Bergman-Film war ich der Kreuzritter, der von Jerusalem zurückkehrt und mit dem Tod Schach spielt. Von diesem Film, den heute wohl nur noch die wenigsten von der eigenen Sichtung im Kopf haben, gibt es ganz starke Bilder. Ich glaube, die haben sich eingeprägt ins Bewusstsein.

Morgenpost Online : Ein paar Jahre später waren Sie dann in Hollywood und haben Jesus Christus gespielt.

Von Sydow : Ich kann Ihnen erklären, wie es dazu kam. Nach dem "Siebten Siegel" habe ich einen Magier gespielt, eine Figur des 18. Jahrhunderts, die wie Jesus geschminkt war. Die US-Produzenten haben das gesehen und eins und eins zusammengezählt. Dieser Max von Sydow, der auch mit dem großen Denker Bergman arbeitet, das ist unser Jesus für "Die größte Geschichte aller Zeiten". So kam ich nach Hollywood und zu den problemgeladenen erdenschweren Rollen.

Morgenpost Online : Wie hat Bergman reagiert, als Sie nach Amerika gegangen sind?

Von Sydow : Es war eine der schönsten Unterhaltungen, die ich je mit ihm hatte. Zuerst redete er mir zu, dass ich diesen Film machen müsse. Ich hatte ganz starke Bedenken. Dann sagte er: "Max, ich habe die Lösung. Wir machen den Film hier in Schweden. Irgendwo im Sand. Du spielst Jesus und ich führe Regie". Leider ist es dazu nie gekommen.

Morgenpost Online : Sehen Sie den Film von Zeit zu Zeit?

Von Sydow : Leider ja. Und im Gegensatz zu den meisten Bergman-Filmen, die nicht zu altern scheinen, ist dieser Film in die Jahre gekommen. Er wirkt zwar immer noch groß. Aber mit der Zeit immer weniger mächtig. Ein altmodisch inszenierter Film. Wenn ich ihn heute anschaue, sehe ich steife Schauspieler in der Hoffnung, mit dem Neuen Testament weltberühmt zu werden. Ein wenig Leichtigkeit hätte diesem Film sicher gut getan.

Morgenpost Online : Apropos Leichtigkeit. Fans behaupten im Internet, dass Sie in keinem Ihrer Filme je gelacht haben.

Von Sydow : Oh je, worüber sich die Menschen so die Köpfe zerbrechen. Ich habe jetzt kein Gegenbeispiel parat. Wahrscheinlich stimmt es sogar. Irgendwie bekomme ich immer diese traurigen Typen ab, obwohl ich doch eigentlich ein sonniges Gemüt habe.

Morgenpost Online : Hier ist es auch wieder passiert.

Von Sydow : Ja, aber hier liegen die Dinge noch ein wenig anders. Ich finde diese Kombination der Trauer sehr gut. Der junge Oskar im Film trauert um seinen Vater, der in den Twin Towers gestorben ist Und trifft in dem Moment auf meinen Charakter, der auch Furchtbares erlebt hat. Damals in Dresden. Ohne diese beiden Ereignisse vergleichen zu wollen, es geht nur um das Gefühl der Trauer. Ich kann diese Trauer, die immer noch in mir lebt, hier sehr gut zeigen. Der Mann ist stumm. Einen Menschen zu spielen, der kein Wort sagt und alles durch sein Gesicht und die Hände erzählen muss, ist eine sehr schöne Aufgabe.

Morgenpost Online : Über Ihre Kindheit ist recht wenig bekannt. War Ihnen das Schauspiel in die Wiege gelegt?

Von Sydow : Ich würde sagen, dass mir das Geschichtenerzählen seit der Kindheit vertraut ist. Mein Vater ist Völkerkundler gewesen. Als ich zur Welt kam, war er schon ein eher reifer Mann. Sein Spezialgebiet waren die Märchen und Mythen Irlands. Also fuhr er für Wochen, manchmal für Monate nach Irland. Und wenn er wieder zurückkam, dann brauchte er immer eine Art Test-Publikum. Es gab zu dieser Zeit ja noch keine Aufzeichnungsgeräte. Tja, ich war derjenige, an dem er die gesammelten Sachen ausprobieren konnte.

Morgenpost Online : Als Gute-Nacht-Geschichten?

Von Sydow : Nicht nur. Aber auch. Damals wurde ja noch viel mehr gegenseitig erzählt. Mein Vater war ein wunderbarer Geschichten-Erzähler. Ich denke mir, dass dadurch meine Phantasie angeregt wurde. Das ist für meinen Beruf sicher eine sehr gute Schule gewesen.

Morgenpost Online : Wie haben Ihre Eltern auf Ihren Berufswunsch reagiert?

Von Sydow : Ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt haben. Ich weiß nur noch, dass sie mich unterstützten. Und dass es für sie eine große Überwindung gewesen sein muss. Denn sie waren sehr altmodisch. Es wurden Bücher gelesen, jeden Monat ins Theater gegangen. Von diesem neumodischen Zeugs Kino hatten sie schon gehört. Dachten aber nicht, dass es sich durchsetzen würde.

Morgenpost Online : Wenn Sie auf die Jahrzehnte Ihrer Karriere zurückschauen: Würden Sie gern vielleicht zwei, drei Komödien in Ihre Karriere hineinschummeln?

Von Sydow : Nein, das würde doch nichts ändern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Publikum nur bis zu einem gewissen Punkt bereit ist, einem Schauspieler den ständigen Wechsel der Genres zu verzeihen. Bei mir war dummerweise nach dem "Exorzisten" Schluss. Für die meisten Zuschauer war ich der grimmige Pfarrer, der gegen den Teufel antritt. Und was die Jugend angeht: Thomas Horn aus "Extrem laut…" ist ein toller junger Mann, aus dem mal ein Schauspieler werden kann. Mich erschreckt nur immer, wie sehr diese jungen Menschen schon organisiert sind. Wie viele Leute ihren Weg zu steuern versuchen. Irgendwie absurd! Da bin ich doch lieber alt und habe meinen Weg gemacht.

Morgenpost Online : Was halten Sie von der Idee, mal Gott und Teufel in einer Person in einem Film zu spielen?

Von Sydow : Nicht schlecht. Aber nur, wenn Woody Allen Regie führt.

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