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12.02.12

Berlinale 2012

Isabelle Huppert wird von Islamisten entführt

In "Captive" schlagen muslimische Abu-Sayyaf-Rebellen zu: Auf einer philippinischen Insel kidnappen sie Isabelle Huppert, die fortan im Regenwald leben muss.

picture alliance / dpa/EPA

Isabelle Huppert gilt als eine der bedeutendsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie wurde 1953 in Paris geboren.

13 Bilder

Der philippinische Regisseur Brillante Mendoza dürfte einer der wenigen Filmemacher sein, die ihren strikten Kino-Blick auf die Welt und die darin vorkommende Gewalt ausgerechnet "journalistisch" nennen – als zeigten Filme wie "Kinatay", was übersetzt "schlachten" heißt, lediglich das, was so im Allgemeinmenschlichen eben der Fall ist.

Und warum auch nicht? 2009 war die Empörung in Cannes jedenfalls groß, als Mondozas Chronologie eines Mordes an einer Prostituierten, die ihre "Schulden" nicht bezahlt hatte, mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Zu weit, zu nah ging vielen die gezeigte Grausamkeit.

Huppert in ihrer Paraderolle

Schon für dieses Nachtstück schöpfte Mendoza aus dem realen Erlebnis eines Bekannten; und auch der von der Kritik freundlicher aufgenommene Film "Lola" (deutsch: "Oma"), im selben Jahr in Venedig gezeigt, drehte sich wieder um einen Mord und seine ökonomischen und familiären Bedingtheiten.

Dass er nun für sein Entführungsdrama "Captive" erstmals einen internationalen Filmstar in den dokumentarischen Schraubstock seiner pekuniären Peinigungen klemmt, könnte man also als einen Schritt weg vom allzu Authentischen hin zur etwas mehr Stilisierung lesen, würde es sich bei dem Star nicht um Isabelle Huppert handeln : Figuren in Situationen jenseits des Aushaltbaren sind schließlich Madames Spezialität.

Huppert spielt die französische Sozialarbeiterin Thérèse Bourgoine, die zusammen mit einer Gruppe anderer ausländischer Gäste 2001 auf einer philippinischen Ferieninsel von muslimischen Abu-Sayyaf-Rebellen gekidnappt wird. Es geht alles ganz schnell.

Seitenblicke der Wackelkamera registrieren flüchtig, wie die Leute schreien und bitte schnell noch Hose und Schuhe anziehen wollen, wie die Kidnapper Schmuck einstecken und sich anschließend auf dem Boot kaputtlachen, als einer der Gefangenen grobmotorisch ins Wasser fällt. Eigentlich hatten sie es ja auf die lukrativeren Mitarbeiter der Weltbank abgesehen, aber die waren schon abgereist. Kommentar eines Entführers: "Nicht schon wieder eine Missionarin, für die zahlt kein Mensch".

Mit heroischen Taten ist in Mendozas Camp nicht zu rechnen, ebenso wenig mit jener oft so putzig ausgestellten Attitüde, die sagen soll: Seht, auch diese hier sind Menschen. Was es stattdessen gibt, sind Chaos, Gewöhnung, Interessen und Desinteressen, über die wiederum engagierte Journalisten berichten, weil es ja vielleicht allen Seiten nutzen könnte, sogar den Opfern.

Der Film basiert auf Augenzeugenberichten, nach Mendozas Recherchen sollen mehr als 100 Menschen in jenem Jahr gekidnappt worden sein. Ein Geschäft, das auch dank ungeschickter Eingriffe von Regierungstruppen florieren konnte.

Diese Tendenz letztlich hin zum Unsensationellen vollzieht Mendozas Dramaturgie nach: Lang und öde wird die Zeit im Regenwald, nichts scheint sich zu bewegen. In einer der stärksten Szenen – Monate sind vergangen – macht die Gruppe in einer Schule Rast, die sichtbare Armut und mangelnde Bildung passen gut zu diesem resignierten Gesamtbild, gegen das auch Hupperts Menschenliebe nichts ausrichten kann.

An den 25 Drehtagen ging Mendoza strikt chronologisch vor, separierte vor allem bis zum ersten Drehtag die beiden Gruppen voneinander, damit die Schauspieler "die Angst und das Wesentliche einer Entführung" spürten, wie er sagt. Diese künstlich erzeugte Fremdheit zwischen den beiden Gruppen funktioniert, ebenso die allmählichen, irritierend normalen Annäherungen, allen voran die zwischen dem Jungen Hamed (Timothy Mabalot) und Huppert.

Huppert sitzt im Dschungel fest

Nach mehr als einem Jahr hängen sie vertraut auf einer Matte herum, sie fragt ihn recht christlich, ob er meint, in den Himmel zu kommen, wenn er auf Feinde schieße, und er zeigt ihr, wie man mit dem Gewehr umgeht. Dass der eine wie der andere wird, ist jeweils möglich, aber unwahrscheinlich, mehr gibt es über das Menschsein in diesem Fall nicht zu sagen. Oder doch?

Immer wieder verlässt Mendoza die öde Dschungel-Bühne, die er ein wenig einfallslos mit Spannungsmusik unterlegt, und entdeckt Tiersymbole: Delphine, Spinnen (aufgenommen übrigens in Mendozas eigenem Garten), eine Schlange, die ein Huhn verschlingt. Und schließlich, als Huppert schon ganz und gar durchsichtig wirkt und nichts mehr will, schwebt da der sichtlich computeranimierte Paradiesvogel Sarimanok ein, ein Glückssymbol des Islam.

Eine Auflösung, ein Sich-Erheben aus dem, was in all der Zeit an Rettung und Veränderung möglich gewesen wäre und offenbar nur ein paar Journalisten interessierte, scheint für einen Moment greifbar – bis Hamed sie wieder in die grüne Gleichgültigkeit zurückpfeift, das Gewehr in der Hand.

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