Berlinale 2012
Ein Mädchen treibt den Vater zum Selbstmord
In dem Psychothriller "Childish Games" trägt ein Mädchen und dunkles Geheimnis mit sich rum. Nachdem sich ihr Vater umbringt, ist die Pflegefamilie dran.
Von Elmar Krekeler
Berlinale 2012, Tag 10: Die Berlinale auf ihrem Höhepunkt – die Verleihung der Bären: Den Goldenen Bären erhalten die Taviani-Brüder für ihren Film "Caesar must die".
Eines der liebsten Spiele, wenn uns gerade wieder mal extrem langweilig ist zu Hause Sonntagabends vor dem Fernsehen, heißt "Wie jetzt weiter". Und es geht so: Wir liegen also rum, schauen den durchschnittlichen Spätkrimi und wer immer zu wissen glaubt, was sich der Drehbuchautor als nächstes hat einfallen lassen für die Tatorte in Köln, Leipzig oder München, brabbelt seine Weissagung in den Raum.
Wenn stimmt, gibt’s einen Punkt, wer am Ende die meisten Punkte hat, darf … Aber das würde jetzt zu weit führen. Weil wir uns an dieser Stelle ja mit Antonio Chavarrías spanischem Wettbewerbsbeitrag "Dictado/ Childish Games" befassen müssen.
Der läuft garantiert auch irgendwann im Fernsehen. Und dann müsste man dringend "Wie jetzt weiter" spielen, um wach zu bleiben, man langweilt sich nämlich sehr bald, es würde aber keinen Spaß machen. Weil Chavarrías es uns Schlaumeierles doch allzu einfach macht.
Das Unglück nimmt für das bemerkenswert gut aussehende und genauso schlecht gespielte Lehrerehepaar Daniel und Laura seinen Lauf, als Daniels schwer depressiver Kindheitsfastbruder Mario nach Jahrzehnten auf einmal vor Daniel steht, sich seltsam aufführt, etwas Dunkles von seiner Tochter faselt und will, dass Daniel sie sich doch mal ansehen solle, weil sie jemandem ähnele.
Daniel und Laura sind erfüllt vom Kinderwunsch, lieben sich sogar mal im Kinderzimmer, das sie schon hübsch ausstaffiert haben, ohne überhaupt schwanger zu sein (psychologische Wahrscheinlichkeit ist nicht die Stärke von "Dictado"). Der übergroße Kinderwunsch hat schon manchem Film den Garaus gemacht hat. "Dictado" ist sein jüngstes Opfer. Nicht lange nach seinem Besuch in Daniels Schule setzt sich Mario zu seiner Tochter Julia in die Badewanne. Er hat eine Rasierklinge dabei. Das Wasser färbt sich rot.
Die Tochter, klar, kommt bei Daniel und Laura unter. Das wird, klar, zu Mord und Totschlag führen, weil Daniel, klar, ein dunkles Geheimnis hat, und Laura ganz vernarrt in Julia ist. Mario und Daniel sind schuld am Tod von Marios kleiner Schwester Clara. Julia sieht aus wie Clara. Und sie spielt damit. In Daniel brechen die (psychothrillerhandelsüblich in Szene gesetzten) Alpträume los. Es kriselt in der Beziehung. Daniel wird wahnsinnig. Im Gebirg ereignet sich der Showdown.
Noch selten kam man sich auf der Berlinale von einem Drehbuch derart verfolgt vor. Immer ist man nämlich "Dictado" mit dem Kopf eine Nasenlänge voraus. "Überrasch mich" will man noch rufen. Da ist man schon eingeschlafen.
Childish Games, Wiederholungen: Friedrichstadt-Palast: Sonntag, 12.2., 15.15; HdBF: Sonntag, 12.2., 22.45; Passage-Kino Neukölln: Montag, 13.2., 21.30.
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