Berlinale 2012
Entführt, im Keller eingesperrt, gedemütigt
Das Psychodrama "Coming Home" erinnert an Natascha Kampusch: Ein Mann sperrt ein Mädchen in ein Verlies. Doch in diesem Fall unterwirft sich das Kind nicht.
Von Cosima Lutz
Berlinale 2012, Tag 10: Die Berlinale auf ihrem Höhepunkt – die Verleihung der Bären: Den Goldenen Bären erhalten die Taviani-Brüder für ihren Film "Caesar must die".
Diese Geschichte sei frei erfunden, stellt zu Beginn von "Coming Home" ein Insert klar. Und natürlich denkt trotzdem jeder, der zuvor die Inhaltsangabe gelesen hat, an die Österreicherin Natascha Kampusch , die von ihrem Entführer acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten worden ist, bis ihr die Flucht gelang. Es ist die erste Geste einer Selbstbehauptung in diesem – vom Fall Kampusch gleichwohl inspirierten – Film: nämlich die des künstlerisch Erdachten gegenüber der "wahren Geschichte".
Und dann knallt der französische Regisseur Frédéric Videau diesem unvermeidlichen Zuschauerbegehren, sich gefangen nehmen zu lassen von der monströsen Story, dieser Ausnahmesituation, die sich zur Katastrophe steigern und von der das Opfer erlöst werden möge, auch noch das Finale bereits in den ersten zehn Minuten vor die Füße: Deckel auf, Mädchen raus.
Der Mann (Reda Kateb) sieht geschlagen aus, er lässt absichtlich die Haustür auf, und Gaëlle (Agathe Bonitzer) läuft, mäßig schnell, bis zum nächsten Bushäuschen, wo sie erschöpft auf die Bank niedersinkt. "Ich bin nicht entkommen", wird sie nach all den Jahren ihrer Mutter sagen, wird sich also noch einmal befreien müssen, vielleicht ja auch immer wieder.
Und womöglich wie jeder andere Mensch auch. Aus dieser ständig zu erkämpfenden Freiheit unter Laborbedingungen bezieht der Film bis zuletzt seine eigentliche, befremdliche, ungeheuerliche Spannung. Was also gibt es hier zu sehen?
Zunächst einmal zwei großartige Physiognomien, jede von ihnen eine sorgsam errichtete Festung, von der man eineinhalb Stunden lang das Auge nicht abwenden mag: Agathe Bonitzers hohe, widerständige Nase unter ihrer unzergrübelten Stirn nimmt sich von Anfang an ihren Raum; Reda Katebs immer irgendwie verscheucht wirkende Kampfhund-Augen gehen in seinem traurigen groben Schädel ständig in Deckung.
Es gibt eine kurze Rückblende in die Anfangszeit dieser Gefangenschaft, das Kind schreit und wehrt sich, der sichtlich gewaltbereite Mann hält es fest und brüllt ihm seinen Deal ins Gesicht: "Ich werde dich nicht anfassen, und du bekommst alles, was du willst". Aber sie werde nie mehr herauskommen aus diesem idyllisch gelegenen Häuschen.
Anders als Markus Schleinzers kürzlich angelaufenes und vielbeachtetes Debüt "Michael" über einen pädosexuellen Versicherungsangestellten, ein Film, der die körperlichen Übergriffe der Zuschauerfantasie überlässt, zeigt Videau, der auch das Drehbuch schrieb, alles, worum es hier geht.
Und das ist hier eben nicht die sexuelle Unterwerfung. Wenn Vincent mit Gaëlle Diktate übt und sich von ihren nächtlichen Lektüren berichten lässt, wenn er sich um eine Brille für sie kümmert, Bestellungen für die richtigen Kosmetikprodukte entgegennimmt und sich Beschwerden anhören darf, wenn es abends mal etwas später geworden ist: Dann sieht man gewissermaßen Familienbande in Falschfarben.
Und das hat dieses Duett mit dem reinen Täter-Porträt "Michael" bei allen Unterschieden dann doch wieder gemeinsam: dass das Schreckliche normal aussieht und das Normale einen Einschlag ins Schreckliche bekommt. Jeder (gut erfundene) Satz, durch elliptische Montagen oft für Sekunden in unklare Adressierungen gebettet, balanciert auf dem dünnen Eis eines brüchigen Machtgefüges.
Was Vincent zur Tat antrieb, erfahren wir nicht. Und wer hier wen in der Hand hat, ist längst nicht ausgemacht: "Kommst du später noch rauf?" fragt er, "nein, du kannst zumachen", sagt sie kühl, hinabsteigend in ihr Verlies. Vincents verzweifelte Körperkraft hat Gaëlles verzweifelt diplomatischem Überlebens-Geschick letztlich nichts entgegenzusetzen.
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