Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
08.02.12

Rudi Assauer

Wie ein Ex-Lebemann um seine Würde kämpft

Die ZDF-Doku "Rudi Assauer – Ich will mich nicht vergessen" hat den Ex-Fußballmanager ein Jahr lang begleitet – und ist zum Dokument des Scheiterns geworden.

© picture-alliance / obs/WDR
Entweder ich schaffe Schalke oder Schalke schafft mich: Rudi Assauer

Eins vorneweg: Ganz große Neuigkeiten gibt es in Stephanie Schmidts Film nicht zu sehen. Zum Glück nicht – denn allmählich scheint es schon so, als sei mittlerweile alles enthüllt worden, was es da zu enthüllen geben kann rund um Assauers Krankheit und den Zusammenbruch seiner Ehe.

Ein Jahr lang hat die Regisseurin den Ex-Schalke-Manager mit der Kamera begleitet , sie wurde zur Duzfreundin von Assauers Tochter Betty und seinem besten Kumpel, dem Sportreporter Werner Hansch. Sie hätte mit all dem Material, das sich angesammelt haben muss in dieser langen Zeit, viel anstellen können: Sie hätten den Verfall eines kranken Mannes chronologisch dokumentieren können, behutsam, mitfühlend oder sensationalistisch.

Sie hätte einer Kleinfamilie dabei zusehen können, wie sie daran zerbricht oder wie man einander im Anschluss an das Zerbrechen gegenseitig noch mit den Scherben zu schneiden versucht. Sie hätte der gedruckten Biographie, die in der vergangenen Woche erschienen ist, eine hinzufügen können, die mit Bildern erzählt.

Leid und Krankheit sind zu groß für eine halbe Stunde Fernsehen

Stephanie Schmidt hat von alldem jeweils nur ein bisschen getan. Ihre Dokumentation ist das Zeugnis eines Scheiterns – des Scheiterns daran, das Scheitern eines Menschen darzustellen. Doch darin besteht kein Versagen des Films, der mit seiner Nicht-Struktur niemals verhehlt, dass Leid, Krankheit und deren Folgen für ein solches Format zu groß sind, um angemessen erfasst zu werden.

"Ich will mich nicht vergessen" ist zu sehr am individuellen Konflikt Assauers mit seiner Frau und an den doch sehr spezifischen Problemen dementer Promis in der Öffentlichkeit interessiert, um ein Bewusstsein für den Alltag und die Nöte der 1,3 Millionen ebenfalls Erkrankten alleine in Deutschland zu wecken.

Andererseits hat Schmidt unglaublich beredte Momente eingefangen, die so genau beobachtet und dabei so nüchtern präsentiert sind, dass sie die Qual des Vergessens spürbar machen.

Ein Mann, der sich selber nicht mehr richtig kennt

Etwa wenn Assauer, noch friedlich vereint mit seiner Frau Britta , ein Fußballspiel besucht und dabei von jeder Menge Schalke-Anhänger um Fotos und Autogramme gebeten wird. Hastig möchte er an den Menschen vorbeihuschen, spricht knappe Grußformeln, wo er angesprochen wird und schaut schnell wieder weg, um sich nicht der Frage stellen zu müssen: Sollte ich den jetzt eigentlich kennen?

Assauers Ärzte laden den langjährigen Schalke-Torwart Jens Lehmann zu einer Therapiestunde ein, wo dieser mit dem Patienten verschüttete Erinnerungen aus der gemeinsamen Zeit freilegen soll – und während Lehmann fröhlich vor sich hin plaudert von der Expansion der Clubverwaltung mit immer neuen Gebäuden, auf die neue Stockwerke gesetzt wurden, fällt seinem ehemaligen Chef wenig mehr ein als ein genuscheltes "Ja, das haben wir gut hingekriegt".

Einen übergreifenden chronologischen Bogen schlägt die Dokumentation nicht, sie wirft Schlaglichter auf einzelne Situationen und sie zeigt, wie schwierig es ist, einem Mann wirklich nahe zu kommen, der sich bisweilen selber nicht mehr richtig kennt.

Rudi Assauer bewegt sich langsam, aber aufrecht durch sein Schicksal wie einer, der inbrünstig um seine Würde kämpft. Da ist nichts Schlampiges, es gibt keine sichtbaren Spuren von Siechtum. Doch so wie es kein Bild für Alzheimer gibt, findet Schmidt auch keine Aussage, kein Bekenntnis, das der Krankheit ihr Mysterium nehmen würde.

"Wie hieß der nochmal?" "Wie war das nochmal?" – spektakulärere Symptome sind bei Assauer kaum zu finden. Und auch seine Reflektionen gehen selten über das hinaus, was man als Außenstehender erwarten würde: "Manchmal denke ich mir: Ach komm, so doof kannst du doch nicht sein."

Hohle Gesten aus der Vergangenheit

Das trefflichste, wenn auch ein wenig forcierte, Bild für den geistigen Abbau, der mit Alzheimer einher geht, findet die Regisseurin ausgerechnet in einer Reihe von Zifferblättern, von denen Assauer bei jeder Sitzung eines aufzeichnen soll. Sollte die Krankheit wirklich so gespenstisch wirken, dass sie denjenigen, die das Zeitgefühl verlieren, gleich noch die Fähigkeit nimmt, eine Uhr zu malen?

Es scheint so – wo zu Beginn des Drehjahres noch die eine oder andere Ziffer verrutscht oder sich der Aufbau nicht so ganz zu einem Kreis fügen will, setzt Assauer am Ende die 20 ganz nach oben und zählt dann auf der linken Seite herunter: 19, 18, 17 Uhr.

Und wenn sich Schmidt und Assauers Tochter unterhalten über sein zerrüttetes Verhältnis zu Britta, während er selbst daneben sitzt und sich eine Zigarre anzündet – dann sieht es aus, als ahme ein zum Kind regredierter Ex-Lebemann eine hohle Geste aus seiner Vergangenheit nach, an die er sich einzig noch erinnert.

Dennoch ist "Ich will mich nicht vergessen" eher ein Sammelsurium geworden als ein Porträt, eher ein Stich ins Wespennest als ein komprimiertes Bild der Facetten einer Krankheit. Es ist das Eingeständnis, dass weder die Geschichte von Rudi Assauer noch die von Alzheimer in 30 Minuten erzählt werden können.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
EU-Gericht: Lindts Goldhase ist keine Marke
Bitteres Hasen-Urteil

Lindt-Goldhasen bekommen keinen EU-weiten Markenschutz.

Video Nachrichten mehr
Spitzentreffen Immer noch keine Einigung zum Fiskalpakt
Nasa-Satellit SDO Spektakuläre Aufnahmen der Sonne veröffentlicht
Rezession in Europa Deutsche Konjunktur sinkt stärker als erwartet
Eurovision 2012 Die ersten Finalteilnehmer für Baku stehen fest
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Kaufberatung

Günstige Digitalkameras unter 150 Euro im Test

Habgier

Deutscher wegen Lego-Diebstahls vor US-Gericht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote