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06.02.12

Berlin-Konzert

Tony Christie und sein Leben nach dem Schlager

Scha-la-la-la-la-la-la-la! Mehr muss man nicht wissen, um die Popmusik der letzten 50 Jahre zu verstehen. Tony Christie ist in seiner Heimat England Kult. Jetzt trat der 71-jährige Bühnenveteran im Berliner Huxley's auf.

© picture-alliance/ dpa/dpa
Wahl der 61. Deutschen Weinkönigin - Tony Christie
Tony Christie ist in seiner Heimat England Kult

Der Weg war weit und lang von Sheffield nach Neukölln, ins Huxley’s an der Hasenheide. In gewöhnlicheren Nächten treten hier verwegene Rockbands auf, und die Besucher stehen in den Bierpfützen im Saal. An diesem Abend ist im Huxley’s das Parkett bestuhlt für Tony Christie, den Seniorensänger. 71 Jahre ist er alt. In Deutschland und Europa hielt der Engländer sich 1971 mit "Is This The Way To Amarillo?" länger oben in den Hitparaden. In der Heimat fand sein Kehrreim allenfalls als Schlachtgesang im Stadion Verwendung.

Es gab Tony Christie immer zweimal: einen für die Briten, einen für die Deutschen. Auf der Insel war er der Tom Jones aus Mittelengland. Hier galt er als Tony Marshall von der Insel. Im Gestühl sitzen die Gäste still und warten wie im Kurkonzert. Um 20 Uhr nimmt auch die Band die Plätze ein, dann federt Tony Christie auf die Bühne, schuffelt, scherzt und singt mit offenen Armen. Ein Heldentenor des Weltschlagers, ein Soulbruder im Huxley’s: Er wird eins mit sich.

Wer Tony Christies Weg zuletzt nicht mehr verfolgen konnte, weil das ZDF ihn nicht mehr samstagabends zeigte, muss sich erst wieder für ihn erwärmen. Abwartend schaut ihm das Auditorium zu. Er würdigt es als "smashing audience", und stellt sich selbst vor mit den Worten: "Ich bin Tony Christie, ich bin 43, und ich feiere mein 50-jähriges Bühnenjubiläum." Niemand lacht.

Aber es ist ja auch verwirrend: Vor drei Jahren hat er aufgehört, sein Haar zu färben, seither wirkt er jünger. Er trägt einen scharf geschnittenen, schmalen Anzug und schwärmt unentwegt von seinem neuen Album. Inbrünstig stimmt er den Titelsong an, "Now’s The Time", es geht ums Hier und Jetzt und sogar um die Zukunft, und das Lied klingt wie ein Feger aus den angesagten Tanzhallen vor 50 Jahren.

In den Achtzigern, noch in den frühen Neunzigern war Tony Christie Deutschlands liebster Engländer. Daheim trat er in Bingohallen auf, hier in Kongresszentren und Festsälen. Der Schlagerproduzent Jack White nahm mit ihm Platten in Berlin auf. 1999 rief ihn Jarvis Cocker an, damals der einflussreichste Songschreiber und Sänger Sheffields. Cocker drückte ihm seine Verehrung aus und widmete dem überraschten Veteranen einen Song, "Walk Like A Panther". Stolz erzählt er davon dem Berliner Publikum bei seiner Wiederkehr nach 20 Jahren. Cocker kennen alle, zwar nicht Jarvis, aber Joe. Als Tony Christie durch das Lied schleicht wie ein Panther und die Krallen ausfährt, tauen alle auf.

In Sheffield und in Großbritannien ist er wieder wer. Seit seinem Album "Made In Sheffield" vor vier Jahren: Christie hatte Songs lokaler Weltstars aufgenommen, ältere Klassiker von Human League und jüngere der Arctic Monkeys. Sie verehren ihn als Pionier der Mod-Kultur, des Northern Soul und einer Szene, die das proletarische Milieu mit Mode und Musik ausstattete und alle höheren Schichten damals alt aussehen ließ. Ihm widerfährt, was zuletzt auch Neil Diamond oder Johnny Cash erleben durften: Man verzeiht ihm alle Unterhaltungssünden und erklärt ihn zur Legende. Allerdings wird Tony Christie dabei nicht zum Weisen, der im Schaukelstuhl mit der Gitarre auf dem Schoß vom Rock’n’Roll erzählt.

Er wird wieder zur Rampensau, mit allen Konsequenzen. Tony Christie ist heute für alle da, die ihn gelegentlich auf seinem Weg begleitet haben. Wenn er "Shop Around" der Miracles von 1960 anstimmt, krümmen sich die wenigen Hipster, die gekommen sind, vor Wonne, und die Rentner sehen ihnen ratlos dabei zu. Bei "Sweet September", einem griechisch klingenden Urlaubsschlager, springen auch die Ältesten von ihren Stühlen und kümmern sich wenig um das Leid der jüngeren Minderheit. Aber man weiß ja, wie es ausgeht. "Es wird Zeit für dieses Lied", sagt Tony Christie, bevor er wieder verschwindet. Niemand weiß, was er in Amarillo wollte, einer Stadt in Texas, er war selbst nie da. Das Huxley’s tanzt mit ihm und singt: "Scha-la-la-la-la-la-la-la!" Mehr muss man auch nicht wissen, um die Popmusik der letzten 50 Jahre zu verstehen.

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