05.02.12

Geburtstag

Liebling Deutschland - Manfred Krug wird 75

Heute wird Manfred Krug 75 Jahre alt. Im Gespräch mit Morgenpost Online erzählt er, wie es in der DDR war, wie es als Rentner ist, wen er im deutschen Fernsehen schätzt und warum er E-Mails nicht mag.

Von Jan Draeger und Philip Cassier
Foto: M. Lengemann
M. Lengemann
Manfred Krug ist noch nach zehn Jahren Bühnenabstinenz längst nicht vergessen

Zehn Jahre ohne einen einzigen Auftritt bedeuten bei einem Schauspieler, dass er vergessen ist – aber nicht bei Manfred Krug. Er ist ins "Regent"-Hotel gekommen, um sein Werk "MK – Ein Bilderbuch" vorzustellen. Das Blitzlichtgewitter könnte bei Robert De Niro nicht gewaltiger sein. Krug tut so, also ob ihn das herzlich wenig angehe.

Morgenpost Online: Herr Krug, wir sind hier am Gendarmenmarkt in Mitte. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Platz?

Manfred Krug: Zu DDR-Zeiten war ich nie hier, da war das eine ziemlich verlotterte Ecke. Seit Berlin wieder Berlin ist, ist der Gendarmenmarkt wieder groß. Es gibt hier eine schöne jüdische Buchhandlung, wenn man wissen will, wo das Jiddisch herkommt, kann man da sehr schöne Wörterbücher erwerben. Und dann weiß man, wie die deutsche Sprache ums Jahr 1000 herum geklungen haben mag.

Morgenpost Online: Und Mitte?

Krug: Ich muss sagen, ich bin nicht oft in Mitte, ich hab hier noch nie in einem Restaurant gegessen. Aber ich freu mich, dass sich hier was getan hat. Aber ich freu mich auch, wenn sich in Altenburg was getan hat, ich denk mir dann oft: Da hat der Dicke (Helmut Kohl, d. Red.) ja eigentlich nicht so ganz unrecht gehabt: blühende Landschaften und gute Straßen – es ist nichts in Bausch und Bogen eine Lüge gewesen. Aber ich fahr doch nicht extra von Charlottenburg nach Mitte, ich bleib lieber in meinem Kiez.

Morgenpost Online: Dann sind Sie eher West-Berliner?

Krug: Ich fühl mich wie ein Taxifahrer, der ganz Berlin unterm Kühler hat.

Morgenpost Online: Berlinern Sie in Berlin?

Krug: Wenn ich mit einem richtigen Berliner zusammen bin, dann berlinere ich mit ihm. Wenn ich mit einem richtigen Hochdeutschen zusammen bin, dann hochdeutsche ich mit ihm. Und wenn ich mit einem Sachsen zusammen bin, was mach ich dann? Dann sächsele ich. Und zwar mit Vergnügen.

Morgenpost Online: Wie sieht heute ein Tag im Leben des Rentners Manfred Krug aus?

Krug: Einige Sachen mache ich immer gleich. Morgens nach dem Aufstehen schreibe ich in mein Tagebuch, was gestern passiert ist.

Morgenpost Online: Seit wann machen Sie das?

Krug: Seit 15 Jahren.

Morgenpost Online: Warum?

Krug: Sie werden's nicht glauben. Ich habe mal eine Fernsehsendung gesehen, da hieß es: Der Angeklagte hat kein Alibi für den 23. März, an diesem Tag ist der Mord nämlich geschehen. Da zündete ein Lichtbogen in meinem Kopf, und ich dachte: um Gottes willen. Banaler kann es nicht sein. Aber das hat mich zum Tagebuch geführt. Also, wenn jetzt ein Mord passiert, kann ich nachschlagen und vielleicht sagen: Nee, da bin ich gesehen worden.

Morgenpost Online: Wie geht der Tag weiter?

Krug: Frühstück mit meiner Frau Ottilie. Dann Briefe.

Morgenpost Online: E-Mails?

Krug: Das habe ich gar nicht eingeführt. Ich schreibe aber die Briefe am Computer, ich genieße, jeden Text gleich korrigieren zu können. Nach dem Briefeschreiben kann es sein, dass ich mich eine Stunde hinlege. Am Nachmittag schreibe ich vielleicht an einer Geschichte weiter. Dann Abendbrot. Ich helfe auch mal in der Küche mit.

Morgenpost Online: Kochen Sie selbst?

Krug: Auch. Früher, als meine Frau noch jung war, musste ich alleine kochen. Weil ich der Einzige war, der was Essbares zusammenfriemeln konnte. Nun kann sie es aber ganz toll.

Morgenpost Online: Und abends?

Krug: Da sitze ich mal vor der Glotze und schaue beispielsweise "Wer wird Millionär?"

Morgenpost Online: Und bei wie vielen der Antworten liegen Sie richtig?

Krug: Sehr vielen. Meine Frau ist immer ganz beeindruckt. Mir ist aber klar: Würde ich da mal hingehen, würden es erheblich weniger sein. Dann könnte ich nicht sagen: wenn dit nich, dann dit. So staube ich beides ab: die Bewunderung, dass ick so viel weeß. Und verstecken tu ich die Tatsache, dass ich es nicht genau weiß.

Morgenpost Online: Wie geht es Ihnen heute mit der DDR?

Krug: Vielleicht bin ich schon in einem Abschiedsprozess vom Leben, der alles etwas rosiger erscheinen lässt. Die DDR, die ich zuerst mit wütenden Gedanken beobachtet habe, als ich im sicheren Westen war, kommt mir immer mehr als ein Objekt meines verdienten Mitleides vor.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Krug: Na, dass es wirklich eine Menge Leute gab, die dachten, wir können versuchen, eine Gesellschaft zu bauen, die den Menschen bestimmte, im Kapitalismus immer wieder vorkommende Lebensängste nimmt. Die Angst, die Kinder nicht ernähren zu können. Ich glaube, die Leute, die entweder aus Wichtigtuerei oder aus Überlebensangst mit diesem strengen Staatswesen kuschelten, waren Karrieristen. Die gibt's überall. Viele Menschen in Deutschland haben diese fatale Art, die Dinge immer so zu machen, wie der Chef es haben will.

Morgenpost Online: Woran liegt das?

Krug: Wir haben im Verlauf der Jahre und Jahrhunderte wohl nie den Stolz aufgebracht, es mal haargenau anders zu machen. Es lieber mal krachen zu lassen, statt es dem Chef recht zu machen.

Morgenpost Online: Wenn der Biermann-Rausschmiss 1976 nicht gewesen wäre, wären Sie dann in der DDR geblieben?

Krug: Wahrscheinlich. Ich hätte ja überhaupt keinen Grund gehabt, plötzlich zu sagen: Nee, jetzt hab ich keine Lust mehr. Als ich die Petition unterschrieben hatte, hat mich meine Frau gefragt: "Du weißt, was das bedeutet?" Ich antwortete: "Ja, und wenn es bei diesem Fehler bleibt, dannist das möglicherweise der Anfang vom Ende der DDR. Hör gut zu, Frau: der Anfang vom Ende der DDR!" Das habe ich, wenn ich mir das zu sagen mal erlauben darf, wirklich gesehen. Und es war richtig.

Morgenpost Online: 1966 verbot man "Spur der Steine". 1968 haben Sie für Ihre Rolle als kommunistischer Bürgermeister in "Wege übers Land" den Nationalpreis von Walter Ulbricht verliehen bekommen. Was geht da in einem vor?

Krug: Mir kam 1966 die Frage hoch: Wie doof kann man nur sein, so was zu machen, so etwas Blamables? Es darauf ankommen zu lassen, dass da zwei Parteien bei der Premiere im Kinosaal aufstehen, die eine brüllt: "Pfui, pfui! Guckt euch an, Genossen, was die hier machen! Die schmeißen hier einen Polizisten in den Dorfteich! Ist das ein Symbol für das Nichtanerkennen der Deutschen Demokratischen Republik, oder was?"

Und dann steht die andere Gruppe auf und ruft: "Du Arschloch hast ja gar nichts verstanden!" Auf so was würd ich's doch gar nicht ankommen lassen als Staat. Das ist doch so hilflos.

Morgenpost Online: Hatten Sie das präsent, als Sie zwei Jahre später Ulbricht gegenüberstanden?

Krug: Natürlich. Ulbricht sagte zu mir: "Na, Genosse Krug, haben Sie jetzt den richtigen Weg gefunden?" Ich sagte lachend: "Herr Krug, so viel Zeit muss sein. Ich bin erstaunt, haben Sie etwa gemeint, ich hätte Richtungsschwierigkeiten?" Alle lachten, Ulbricht auch. Bei diesen Worten habe ich es belassen, das war schnell abgefrühstückt.

Morgenpost Online: Was folgte?

Krug: Ich hab den Ulbricht nie wieder gesehen. Ich hatte den richtigen Zungenschlag erwischt, das kleine bisschen Text in etwas Erheiterndes zu drehen.

Morgenpost Online: In Ihrem ersten großen Film, der Komödie "Auf der Sonnenseite", spielen Sie ja auch mit Heinz Schubert zusammen, dem späteren Ekel Alfred.

Krug: Der war am Berliner Ensemble, aber immer West-Berliner. Der wurde auch in West bezahlt. Ein wunderbarer Typ. Auch ein persönlicher Freund.

Morgenpost Online: Wie war das Ost-West-Verhältnis, wenn man zusammen drehte? War das Politische ein Thema?

Krug: Das war unter Künstlern kein Thema. Das einzige Thema war: Wie machst du das eigentlich mit der West-Kohle? Wie viel kriegst du in Ost und wie viel in West? Und wie bezahlst du dann deine Miete, die musst du doch in West bezahlen? – Ja, die bezahle ich vom guten Geld. – Und was koofst du dir für den Rest? – Ja, da gucke ich mal, ob ich mal eine Meissener-Porzellan-Kanne für meine Olle koofe.

Morgenpost Online: Kamen viele aus dem Westen?

Krug: Der ganze Chor in der Komischen Oper bei "Porgy and Bess" war beispielsweise aus dem Westen. In "Porgy and Bess" spielten neben mir viele Amerikaner mit. Die kamen mit dem Rolls-Royce in die DDR.

Morgenpost Online: Sie blicken auf viele Jahrzehnte in der Unterhaltung zurück. Haben sich die Anforderungen verändert?

Krug: Der beste Schauspieler ist nichts ohne ein anständiges Buch. Auch ein Heinz Rühmann ist nur die Hälfte wert, wenn er ein doofes Buch hat. In erster Linie tun mir jetzt die Schauspieler leid, die diese absoluten Nulltexte lernen müssen, etwas, was jede Hausfrau auf Anhieb hinschmieren könnte. Rohe und brutale Texte bei Filmtiteln wie "Rote Rosen" und "Heiße Liebe" oder wie die alle heißen. Schauspieler sind nicht mal gefordert, die Belanglosigkeit vieler Texte zu verstecken. Es muss aber ein Publikum geben, das das verzeiht.

Morgenpost Online: Gibt es noch Typen im deutschen Fernsehen?

Krug: Jan Josef Liefers ist ein Aspirant. Der hat Witz und Charme. Der kann seinen Text und hat immer rausgepopelt, wo der Gag liegt. Ich denke manchmal, mit dem hätte ich damals gern zusammen gespielt.

Morgenpost Online: Gibt es eine Rolle, die Sie gern gespielt hätten und nie gekriegt haben? Für die Sie doch noch einmal vor die Kamera treten würden?

Krug: Den Glöckner von Notre Dame. Den hätte ich gern gespielt. Stellen Sie sich mal vor: ein Auge ganz weg, so in Backenknochenhöhe. Und das andere Auge geht irre hin und her.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Premiere Hollywoodstars bringen "Spiderman" nach…
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
Schiffsunglück Fähre mit fast 500 Menschen gekentert
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fernsehprogramm

Von Jesus Christus bis Hitler – Das läuft über…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote