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03.02.12

Gesellschaftsdrama

Wenn ein Mathematiker auf der Straße landet

In "Die Summe meiner einzelnen Teile" von Hans Weingartner stürzt ein genialer Mathematiker ab: Er verliert Freundin, Job und Wohnung und zieht in einen Wald.

© dpa/DPA
Kinostarts - "Die Summe meiner einzelnen Teile"

Hans Weingartners neuer Film "Die Summe meiner einzelnen Teile" kommt zu spät für die großartige Ausstellung "Unter Bäumen" im Deutschen Historischen Museum zu Berlin , die noch bis Anfang März die Beziehung der Deutschen zu ihrem Wald untersucht.

Dabei würde er wunderbar hineinpassen, fügt seine "Summe" den vielfältigen Motiven dieser Beziehung – Wald als Ort der Mythen und Märchen, der nationalen Selbstfindung, der geheimen Sexualität – doch ein weiteres hinzu: Nur im Wald können wir von der Hamster-im Laufrad-Moderne gesunden.

Der Filmemacher denkt politisch

Weingartner erzählt die Krankheit unserer Gesellschaft in der Krankheit eines Mannes. Martin Blunt ist Mathematiker, und als solcher ein gut bezahlter Handlanger für das Grundübel unserer Zeit, die Numerisierung der Welt, die Monetarisierung unserer Beziehungen.

Dass er am Anfang mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik eingeliefert wird, kann man auf die Trennung von der Freundin zurückführen oder das flatternde Nervenkostüm von Mathe-Genies – aber die "Summe" stellt sich schnell als mehr heraus als ein weiterer Psychiatrie-Fall.

Hans Weingartners großes Debüt "Das weiße Rauschen" vor zehn Jahren war eine solche ganz private Krise. In der "Summe" deutet vieles über das Private hinaus, denn Weingartner hat sich in der Zwischenzeit zu einem der wenigen politisch denkenden Filmemacher des deutschen Gegenwartskinos entwickelt; davon zeugen "Die fetten Jahre sind vorbei", "Free Rainer" und die "Gefährder".

Bald sammelt der Mathematiker Pfandflaschen

Wie Daniel Brühl im "Rauschen" setzt Peter Schneider (eine famose Entdeckung, wie damals Brühl) in der "Summe" nach der Entlassung seine Medikamente ab. Bei Brühl resultierte dies in Wahnzuständen, bei Schneider lässt sich fast das Gegenteil konstatieren: dass er nun erstmals klar wahrnimmt, was in unserer Gesellschaft eigentlich geschieht. Denn er verliert seinen Job, wird aus der Wohnung geworfen und sammelt bald Pfandflaschen, um sich über Wasser zu halten, wie so viele andere.

Eine Weile scheint alles auf eine kräftige Dosis Großstadtelends hinauszulaufen – würde sich Martin Blunt nicht mit dem kleinen ukrainischen Jungen Viktor zusammentun, der wie er auf der Straße lebt. Vor allem: Würden die beiden nicht eines Tages den Entschluss fassen, in den Wald zu ziehen.

Sie bauen sich aus Zweigen eine Hütte, stehlen auf einer Baustelle Planen und aus Schrebergärten Werkzeug – und zurück ist der Mensch im Rousseauschen Naturzustand, wo alle gleich sind, kein Mein und Dein existiert und das Mitleid an die Stelle des Rechts des Stärkeren tritt.

Der Wald ist märchenschön

Um herauszufinden, bei welchem Lebensentwurf Weingartners Sympathie liegt, muss man nur das fahle Wintergrau von Berlin-Marzahn mit seinen Naturaufnahmen vergleichen. Als Martin und Viktor im Wald ankommen, hat er noch etwas Bedrohlich-Undurchdringliches; sukzessive verwandelt er sich aber in einen märchenschönen Gegenraum.

Einmal taucht nachts unvermittelt ein Wolf bei Martins Hütte auf, und einen wunderbaren, langen Moment schauen sich die beiden in die Augen, und in diesem Blickwechsel liegt mehr Neugier als Gefahr, mehr Einklang als Rivalität. Wie genau Weingartner den Nerv der Zeit trifft, lässt sich daran ablesen, dass eine fast identische Waldbegegnung in Doris Dörries "Glück" stattfindet, der am 23. Februar ins Kino kommt; solche Ausbrüche sind Balsam auf die Seele aller Burnout-Aspiranten.

Am Ende vergeht die Utopie

Hans Weingartner ist einer der wenigen Filmemacher, die sich von der Realität ihre Utopien noch nicht austreiben ließen. Am Ende von "Free Rainer" haben sich die Fernsehzuschauer dank einer manipulierten Quote an Qualitätssendungen gewöhnt, in den "Fetten Jahren" entkommt das Reichenverunsicherungskommando der Staatsmacht.

Die Utopie vom Wald als Ort der geistigen Heilung ist aber dann doch zu schön, um sie sofort siegen zu lassen, und das weiß der diplomierte Gehirnforscher Weingartner auch, und so zieht er ihr den Boden unter den Füßen weg, gleich doppelt. Und doch, der Traum vom unnummerierten Leben, der überlebt.

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