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31.01.12

Otto von Bismarck

Hier spricht der Reichskanzler

Es rauscht ganz fürchterlich: Reichskanzler Otto von Bismarck spricht - die Aufnahme aus dem 19. Jahrhundert, das bislang erste und einzige Bismarck-Tondokument wurde erst jetzt entdeckt. Und widerlegt ein Vorurteil, das auch in Schulbüchern steht: Der Mann hatte gar keine Fistelstimme.

picture-alliance / akg-images/akg

Der Maler Franz von Lenbach porträtierte Otto von Bismarck mehrfach. Dieses Gemälde gehört zu den ehrlicheren Versionen – es zeigt das von tiefen Furchen durchzogene Gesicht des 75-Jährigen.

19 Bilder

Generationen deutscher Schüler haben gelernt, dass Otto von Bismarck ein "fast frauenhaft schwaches" Organ gehabt habe, geradezu eine Fistelstimme. Doch nur weil das in unzähligen Biografien und Schulbüchern steht, muss es nicht wahr sein. Den Beweis liefert Bismarck jetzt selbst. Denn 114 Jahre nach Bismarcks Tod ist erstmals überhaupt die Stimme des Eisernen Kanzlers (1815-1898) zu hören.

Die Aufnahme auf einer Wachswalze aus dem Jahr 1889, die hier zu hören ist, ist von schlechter Qualität; die Nebengeräusche der rotierenden Walze sind lauter als die aufgezeichnete Stimme. Dennoch, sagt Ulrich Lappenküper, der Chef der Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh, handele es sich "für die Bismarck-Forschung um eine sensationelle Entdeckung". Seit 2005 hatten Lappenküper und seine Mitarbeiter nach dem Tondokument gesucht. Dabei war die Rolle zusammen mit mehreren anderen bereits 1957 entdeckt worden, ohne allerdings abgespielt werden zu können. Erst 2011 gelang es in den USA, die Aufnahme hörbar zu machen.

Bismarcks Stimme konnte identifiziert werden, weil in alten Zeitungen Berichte über eine ungewöhnliche Visite beim Kanzler zu finden waren. Am 7. Oktober 1889 präsentierte Adelbert Wangemann, ein Mitarbeiter des US-Erfinders Thomas Alva Edison, Bismarck den "Phonographen", das erste Aufzeichnungsgerät.

Wangemann spielte Bismarck zunächst einige populäre Arien vor. Der Reichskanzler war beeindruckt und "versuchte alsdann, auf Anregung seiner Gemahlin, seine eigene Stimme auf das Instrument zu übertragen". Zunächst zitierte er das amerikanische Lied "In Good Old Colony Times", dann den Anfang des Gedichts "Als Kaiser Rotbart lobesam" und die erste Strophe des Studentenliedes "Gaudeamus igitur". Dann folgten einige Worte an seinen Sohn, Außenminister Herbert von Bismarck. Schließlich zitierte er die Anfangszeilen der "Marseillaise". Ausgerechnet Frankreichs Nationalhymne, der Stolz des "Erbfeindes" gesprochen von Otto von Bismarck – das ist wahrhaft "sensationell".

Und das sagt Bismarck:

Zunächst rezitiert er den Text eines amerikanischen Volksliedes:

In good old colony times,
When we lived under the King,
Three roguish chaps fell into mishaps
Because they could not sing.

Dann Ludwig Uhlands Gedicht "Als Kaiser Rotbart lobesam"

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil'gen Land gezogen kam.
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.

Anschließend das Studentenlied "Gaudeamus Igitur":

Gaudeamus igitur,
juvenes dum sumus.
Post jucundam juventutem,
post molestam senectutem
nos habebit humus.

Außerdem die französische Nationalhymne:

Allons enfants de la Patrie,
Le jour de gloire est arrivé.
Contre nous de la tyrannie
L'étendard sanglant est levé.

Zum Schluss: Der "Rat eines vaters an seinen Sohn":

Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.

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