RTL-Kuppelshow
Sex mit dem Bachelor? Um Gottes willen!
Nach dem Motto "Aufgewärmt schmeckts noch besser" reanimiert RTL seine Kuppelshow "Der Bachelor". Die Fleischbeschau setzt auf Gefühle und billiges Pathos.
Von Christoph Cöln
Alexandra ist eine Juwelierfachverkäuferin und sagt: "Einen selbstverliebten Gockel mag ich gar nicht".
Das Fernsehen ist doch immer noch die beste Wunschmaschine. Ob Chefgehalt, Luxusschlitten oder ein anständiger Bundespräsident – normalerweise erfüllen sich die meisten Wünsche nie. Nur die Traumfrau, die kommt auf Fingerschnippen. Jedenfalls bei RTL.
In der neuen Staffel der Kuppelshow "Der Bachelor" schickt der Kölner Privatsender Junggeselle Paul ins Rennen um ein attraktives Bunny. Unter der Sonne Kapstadts darf er für ein paar Tage den Märchenprinzen spielen.
Der 30-Jährige aus Hamburg soll der Mann sein, wie ihn sich Frauen wünschen. Er hat nicht nur wallendes blondes Haar, die Figur von Adonis und den Habitus von Dieter Bohlen. Paul hat auch Charakter: "Ich bin ein richtiger Typ, kein Mann von der Stange", sagt er von sich.
Um das zu unterstreichen, muss Pauls Lebensgeschichte herhalten. Es ist eine Biografie mit Brüchen. Unter Tränen erzählt er vom Krebstod der Eltern, von der Verbundenheit zur Schwester und der Liebe zur Ersatzmutter. Seine hemmungslose Selbstausstellung ist der Preis für das Privileg der organisierten Fleischbeschau.
Gutaussehende, paarungswillige Damen
Über die Länge von acht abendfüllenden Folgen darf Paul sich seine Traumfrau aus einer Schar gutaussehender, paarungswilliger Damen aussuchen.
Da ist Sissi, eine schüchterne Blondine aus Rosenheim. Sissi ist nicht nur wegen ihres Namens dabei, sondern weil sie sich einen treuen, ehrlichen Mann wünscht, der für die Familie sorgt und ein "echter Beschützer" ist.
Ganz anders die gebürtige Chinesin Jinjin. Sie mag Kampfsport und geht die Sache aggressiv an. Selbstgebackene Glückskekse als Begrüßungsgeschenk sollen den Bachelor überzeugen. Der zeigt sich jedoch irritiert: "Diese ganze Keksnummer geht mir auf den Keks."
Mehr hält Paul da schon von Anja, die von sich selbst sagt: "Ich bin eine Tussi mit nem Riesenherz. Ich gehe gern shoppen und liebe High Heels." Sie bekommt vorzeitig eine Rose geschenkt, was bedeutet, dass sie eine Runde weiter ist. Offenbar erfüllt sie die Anforderungen des Bachelors.
Singles, von der Liebe enttäuscht
"Rassig, braune Rehaugen und eine gute Figur mit Hohlkreuz", diese Attribute machen für ihn eine Frau zum "Hotchick". Da ist Anja auf der sicheren Seite.
Insgesamt 20 Frauen machen Paul die Wahl zur Qual, allesamt Singles und von der Liebe enttäuscht. Deshalb soll das Fernsehen helfen. Natürlich gibt es das nicht gratis.
Im Gegenzug für sein libidinöses Engagement darf der Sender das Privatleben der Beteiligten nach Herzenslust ausschlachten, darf persönliche Schicksalsschläge als dramaturgisch wertvolles Füllmaterial verwursten und Peinlichkeiten jeder Art mit dem Zertifikat 'authentisch' versehen.
Acht Jahre sind seit der letzten Staffel von "Der Bachelor" vergangen. Damals kürte Junggeselle Marcel Kandidatin Juliane zur "Liebe seines Lebens".
Die bahnbrechende Erkenntnis der Kölner TV-Macher
Durch die Presse geisterte danach der Vorwurf, Marcel sei gar nicht Single gewesen, was RTL heftig dementierte. Aus der Liebe zwischen dem Traumpaar wurde obgleich nichts. Ein paar SMS nach Drehschluss waren das einzige, dem Marcel und Juliane sich noch hingaben. Immerhin: Für Juliane lohnte sich die Nabelschau; es sprang ein Job als Moderatorin heraus.
Dass RTL die Show ausgerechnet jetzt wieder ins Programm hebt, begründet der Sender gegenüber "stern.de" so: Man habe erkannt, dass das Thema Liebe die Menschen bewege. Zu dieser bahnbrechenden Einsicht kann man den Kölner Fernsehmachern nur gratulieren. In der Tat ist das Thema Liebe ein Zeitgeist-Thema - zu allen Zeiten. Man muss es nur ordentlich verkaufen.
Deshalb hat man den ganzen gefühlsduseligen Abzählreim auch nicht in einem trostlosen Container in Köln-Hürth verlegt, sondern in eine protzige Villa unterm Tafelberg. Dazu raunt es aus dem Off: "Vor der malerischen Kulisse Südafrikas werden Träume wahr". So viel Rosamunde Pilcher muss schon sein, damit es was wird, mit dem Verlieben.
Gar so pathetisch sieht das aber offenbar nicht jede. Die rothaarige Georgina, die bereitwillig die Rolle der Femme Fatale übernimmt, ist von sich selber schwer überzeugt und orakelt: "Der Paul findet mich interessant, weil er mich f*** will."
Wenn mit Blumen die Sendezeit totgeschlagen wird
Das F-Wort zensiert RTL nachträglich mit einem drolligen Piepen. Nach amerikanischer Sitte soll so der Eindruck vermieden werden, es ginge hier wohlmöglich nur um Sex.
Nein, die Romantik soll ja im Vordergrund stehen. Und deshalb ist das Mittel der Wahl die Rose. Wie einst Paris den Apfel an die schönste Frau der Antike verteilte, so überreicht der moderne Single rote Rosen.
In der ersten Folge macht Paul damit 15 Auserkorene überglücklich, fünf müssen mit leeren Händen die Heimreise antreten.
Und wenn am Ende nur noch eine Rose übrig bleibt, wünscht Paul sich vielleicht, nicht er, sondern der Zufall hätte über die Liebe entschieden. Tempi passati. Früher konnte man mit Blumen noch Revolutionen machen, heute schlägt man damit Sendezeit tot. Da ist die Wunschmaschine Fernsehen gnadenlos.
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