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17.12.11

Strandbad Wannsee

"Carmen"-Casting für Seefestspiele gestartet

Es dauert noch über ein halbes Jahr, bis die Seefestspiele am Wannsee beginnen, doch die Vorbereitungen backstage sind schon in vollem Gange. Die ersten Gesangs-Castings sind bereits gelaufen, spätestens im Januar wird entschieden. Insgesamt müssen 14 Rollen vergeben werden.

© David Heerde
Casting für Seefestspiele
Debra Fernandes singt für die Rolle der Frasquita vor. Sie will nach der Babypause zurück ins Geschäft

Einmal die Carmen spielen. So richtig. Mit Proben. Mit Ensemble. Das ist der Traum der jungen Opernsängerin, die zum Vorsingen aus Braunschweig angereist ist. Zweimal hat sie schon in Carmen-Produktionen auf der Bühne gestanden. Einmal ist sie in letzter Sekunde eingesprungen und hat den Prozess der Inszenierung dadurch verpasst. Das andere Mal war es eine minimalistische Version, in der nur vier Hauptakteure mitspielten. "Ich habe so Lust es richtig, richtig gescheit zu machen", sagt die junge Frau, noch um Atem ringend.

Gerade hatte sie im kleinen Schwarzen und roten High Heels auf dem Podest im Scheinwerferlicht gestanden und den Raum unter den Klängen der "Habanera" vibrieren lassen. Das Urteil der Jury dürfte sie als positive Nachricht interpretieren. "Ausgezeichnet, sehr schöne Stimme", sagte Christoph Dammann, Intendant der Seefestspiele am Wannsee. Das klang vielversprechend.

Es ist noch mehr als ein halbes Jahr Zeit, bis im August 2012 Georges Bizets "Carmen" vor der Kulisse des Wannsees aufgeführt wird. Dennoch haben die Vorbereitungen bereits Backstage begonnen. Zum zweiten Mal veranstaltet die Deutsche Entertainment AG (Deag) das Open-air-Opernfestival. Im vergangenen Jahr kamen knapp 40.000 Besucher zu Mozarts "Zauberflöte" in der Inszenierung von Katharina Thalbach. Auch in diesem Jahr ist den Veranstaltern ein Coup bei der Besetzung der Regie gelungen.

Auf der Suche nach einer Sängerin

Oscarpreisträger Volker Schlöndorff wird "Carmen", eine der meist gespielten Opern der Welt, am Wannsee in Szene setzen . Er hat schon durchblicken lassen, wie er sich die Story von den vier jungen Menschen, die in Liebe, Eifersucht und Schmerz nicht zueinanderfinden, vorstellen könnte. Schlöndorff schwebt ein Sozialstück im heutigen Berlin vor, mit einem sexy Sportler, einem eifersüchtigen Polizisten und einer langhaarigen Zigeunerin. Prall und bunt soll es aber werden.

Nachdem der Regisseur gefunden ist, beginnt die Suche nach den Sängern. Zehn Rollen müssen besetzt werden, die vier Hauptrollen Carmen, Micaela, Don José und Escamillo doppelt. Das macht 14 Rollen. Weit mehr als 100 Sänger wird sich Intendant Christoph Damman anhören, bis er seine Idealbesetzung gefunden hat. Carmen stellt er sich als eine lebendige, junge Frau mit einer natürlichen, erotischen Ausstrahlung vor. Micaela hingegen sollte eher den "Schwiegermuttertyp" verkörpern – ein Mädchen mit Seele, das zunächst verletzlich erscheint und dann doch eine unheimliche Kraft entfaltet.

Die ersten Castings – im Musikgeschäft nur Vorsingen genannt – sind bereits gelaufen. Einige Sänger und Sängerinnen kennt Christoph Dammann aus seiner 20-jährigen Erfahrung, unter anderem als Jurymitglied bei Gesangswettbewerben, bereits und hat sie zum Vorsingen eingeladen. Zu anderen ist er direkt in die Vorstellung gegangen, um sie singen zu hören. An diesem späten Donnerstagnachmittag sind fünf hoffnungsvolle junge Damen in die Friedrichstraße zum Casting gekommen. Der Ort des Vorsingens – die Künstlervermittlung der Zentralen Arbeitsvermittlung – könnte nüchterner kaum sein. Durch die Glastür geht es zu einem Warteraum mit blaugrauen Plastikstühlen. Hinter geschlossenen Türen sind die Sängerinnen beim Einsingen zu hören.

Wiedersehen als Konkurrentinnen

Als sie sich im Wartezimmer treffen, gibt es die erste Überraschung. Zwei der Konkurrentinnen kennen sich von anderen Inszenierungen. Die Wiedersehensfreude ist groß, sie umarmen sich herzlich. Und doch wissen beide, dass jede von ihnen gleich besser sein muss als die andere. Nur eine von ihnen wird die Rolle der Carmen in der ersten Besetzung singen. Wer als Sieger hervorgeht, wird sich hinter der schweren Schallschutztüre entscheiden. Dort wartet die Jury in einem kleinen Konzertsaal, mit einem geräumigen Podest als Bühne, vor dem ein schwarzer Flügel aufgebaut ist.

Nicht alle wollen die Hauptrolle ergattern. Debra Fernandes ist gekommen, um für eine kleine Partie, die Frasquita, vorzusingen. Sie ist besonders aufgeregt. Zu Hause hat sie das elf Monate alte Töchterchen dem Babysitter überlassen. Es ist ihr erstes Vorsingen nach der Babypause. "Jetzt geht es wieder los", gibt sich die junge Frau kämpferisch. Auch sie ist im engen schwarzen Kleid gekommen, dazu trägt sie Leggins mit einem Spitzenrand. Virtuos und ausdrucksvoll bewegt sie sich vor der Jury, ein kleiner Patzer des Pianisten kann sie nicht verunsichern. Von einem "guter Eindruck" spricht Christoph Dammann und schon ist es vorbei.

Draußen vor der Tür weiß Debra Fernandes nicht so recht, was sie von diesem Urteil halten soll. "Die Frasquita ist ein gute Rolle zum Wiedereinstieg ins Berufsleben", sagt die in New York geborene Sopranistin. Die Figur sei viel auf der Bühne, singe auch viel im Ensemble. Für die Sängerin wäre die Partie ein Glücksfall. Denn für ihr erstes Engagement nach der Geburt ihrer Tochter würde sie gern in Berlin bleiben. Das Opernfestival am Wannsee sei daher die ideale Option.

Ob es geklappt hat, wird sie spätestens im Januar erfahren. Dann gibt es noch mal ein Casting. Die Zeit drängt. Christoph Dammann weiß, dass es nicht einfach ist, alle Rollen zu besetzen. Viele Sänger hätten bereits Engagements im Sommer und schlicht keine Zeit, sagt der Intendant. Zudem könnten die Seefestspiele als rein privat finanzierte Veranstaltung ohne öffentliche Fördermittel nicht solche Gagen zahlen wie die drei Berliner Opernhäuser. Er weiß aber auch, dass es für die Sänger ein Privileg ist, mit Volker Schlöndorff zu arbeiten und dass die Open-air-Oper ein besonderes reizvolles Projekt ist. Darin sind sich auch die fünf Sängerinnen beim Casting einig. Nach eineinhalb Stunden ist die Aufregung vorbei. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Alle nehmen die Hoffnung mit nach Hause, im Sommer auf der Seebühne singen zu dürfen.

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