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03.12.11

Ausstellung

Was der Wald über die Deutschen verrät

Die Ausstellung "Unter Bäumen" widmet sich im Deutschen Historischen Museum in Berlin dem Wald in seiner vielfältigen Erscheinung – von Romantik bis Naturschutz oder als Ort der nationalen Selbstfindung.

© Privatsammlung
Mythos gemalt: Kein Foto, sondern Farbe auf Leinwand: Robert Zünd malte seinen "Eichwald“ im Jahr 1859
Mythos gemalt: Kein Foto, sondern Farbe auf Leinwand: Robert Zünd malte seinen "Eichwald“ im Jahr 1859

Das Buch ein Baum, der Baum ein Buch. Viele Baum-Bücher ergeben eine Xylothek. Seite an Seite stehen sie geordnet wie in einer Bibliothek oder einem ordentlichen Forst. Es handelt sich um kleine Kästchen, jedes aus dem Holz eines bestimmten Baumes. In diesen Kästchen sind Samen, Wurzeln, Blüten, Pollen, Blätter und andere Bestandteile dieses Baumes verwahrt.

Xylotheken brauchte man zur Ausbildung des Forstpersonals an den forstlichen Lehranstalten, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts überall in Deutschland entstanden. Die Wälder waren übernutzt. Bergbau, Baugewerbe und frühe Industrie schrien nach Holz. Die drohende "Holznot" beschäftigte die Zeitgenossen mindestens so sehr wie uns Heutige die drohende "Klimakatastrophe". Und wie heute setzte das apokalyptische Szenario erstaunliche politische und wissenschaftliche Energien frei. Hans Carl von Carlowitz prägte den Begriff der "Nachhaltigkeit". Es sollte nur noch so viel Holz geschlagen werden wie nachwächst. Dazu war es nötig, den Holzvorrat eines Waldes genau zu vermessen und seinen Zuwachs zu berechnen.

So hielt der mathematische Rationalismus Einzug in den Wald. Die Forstwissenschaft war geboren. Sie ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag der Deutschen zur Weltkultur. Es ist nur angemessen, dass in der Ausstellung "Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald", die jetzt im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist, den Klassikern dieser Wissenschaft gleich am Anfang gehuldigt wird. Wenigstens gehört haben sollte man einmal die Namen der Carlowitz, Pfeil, Cotta oder Hartig.

Am Anfang der Geschichte von den Deutschen und ihrem Wald stehen also Wissenschaft und Aufklärung. Aber sie sind nicht allein. Sie haben eine Schwester oder mindestens ein Milchgeschwister, gesäugt von derselben Amme, jener fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzung um 1800, für die Reinhart Koselleck einmal den Begriff "Sattelzeit" geprägt hat. Wir sprechen von der Romantik und dem Wald als Ort der Mythen und Märchen, der Andacht, der gottnahen Einsamkeit, der nationalen Selbstfindung, der Flucht aus den Zwängen der Moderne.

Es ist eine Binsenwahrheit und doch ist es immer wieder erstaunlich, in welchem Maße der Wald in Deutschland die künstlerische Fantasie beschäftigt, vor allem, wenn diese Waldbesessenheit in solcher Dichte visualisiert wird wie in dieser Berliner Ausstellung. Der Bogen spannt sich von Caspar David Friedrich bis zu "Tatort" und "Polizeiruf 110", den beiden Krimiserien, die zusammen eine deutsch-deutsche Mentalitätsgeschichte des Fernsehzeitalters ergeben. Immer wieder suchen Täter und Ermittler den Wald auf.

Der Wald also als Stätte der Produktion des nachwachsenden Rohstoffes Holz und der Wald als kulturelles Konstrukt - zu trennen ist das nicht. Mit der Xylothek, der Holzbibliothek, haben die Ausstellungsmacher dafür ein schönes Bild gefunden. Die 109 Bände aus Hohenheim gehören zu den erstaunlichsten Objekten.

Die Ausstellung nimmt das gesamte Tiefgeschoss des Pei-Baus ein, der Parcours führt durch neun thematische Räume. Die Malerei liefert den Hauptstrang der Erzählung. Aus Gotha ist Friedrichs "Kreuz im Gebirge" nach Berlin gekommen. Wir begegnen natürlich Moritz von Schwind und Ludwig Richter, später Hans Thoma und Ferdinand Waldmüller.

Politisch-ideologisch aufgeladen wird der Wald in den antinapoleonischen Kriegen. Aus ihrem Waldversteck heraus attackierten die germanischen Krieger des Cheruskerfürsten Hermann siegreich die römischen Legionen. Und so wollten es die deutschen Freischärler auch mit den Truppen des französischen Imperators halten. Georg Friedrich Kersting hat Theodor Körner, Friedrich Friesen und Heinrich Hartmann, Heroen des lützowschen Freikorps, auf Vorposten im Wald porträtiert. Sie alle fielen, und Fama windet ihnen Eichenkränze. 160 Jahre später findet dieses nationale Andachtsbild ein Echo bei Anselm Kiefer, dessen an nationale Mythen erinnerndes Bild "Hermannsschlacht" 1977 ein Skandal war.

Etwas weniger bewaldet war die klassische Moderne. Doch findet man auch hier, bei Leistikow etwa oder Slevogt, Waldstücke. Die NS-Kunst feierte selbstredend Wald und Volkstum, aber es gibt auch erstaunliche Motive, etwa den Autobahnbau durch dunkle Wälder oder ein "Frühstück im Wald", das zwar auf die bekleidete männliche Figur verzichtet, gleichwohl überdeutlich auf Manet anspielt.

Am Rückgrat der Bildergalerie hängen die kultur- und sozialgeschichtlichen Gliedmaßen der Ausstellung. Wir verfolgen die Metamorphose des Försters vom verhassten obrigkeitlichen Waldpolizisten zur Schwarmgestalt all jener Wirtschaftswunder-Jungen, die nicht Perry Rhodan, sondern Kurt Knaak und Erich Kloss lasen. Heimatfilme kann man von einer originalen Kino-Bestuhlung der Fünfzigerjahre aus sehen. Der Wald-Tourismus vom Wandervogel bis zu den Baumwipfelpfaden unserer Tage ist durch Postkarten, Fotografien, Plakate und vielfältige Sachobjekte – unter anderen eine eindrucksvolle Parade von Wanderstöcken – präsent. Und naturgemäß muss es in einer Schau über die Deutschen und den Wald auch um "Wald-Rettungen" gehen, um die Geschichte des Naturschutzes.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte. Tel. (030) 20304444. Bis 4. März 2012

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