21.11.11

Late Night

Jauchs Alzheimer-Talk und die Kritik an Gunter Sachs

Jauch mal anders: Statt über harte Politikthemen sprach er mit seinen Gästen über Alzheimer. Es gab bewegende Beispiele, viele Informationen und einen Vorwurf an Gunter Sachs.

Von Marcel Mund
Foto: dpa/DPA
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Günther Jauch eröffnete die Talkrunde mit einem sehr drastischen Fallbeispiel: Gerhard Bräuer, 59 Jahre alt, ein stattlicher Herr, hatte 2009 die Diagnose erhalten, an Alzheimer erkrankt zu sein . Seinen Beruf als Zahnarzt gab er auf, Autofahren kann er mittlerweile nicht mehr und auch in der Sendung fiel ihm der Gang zu seinem Platz sichtlich schwer.

Bräuer lebt von Tag zu Tag, in der Hoffnung, dass sich sein psychischer Zustand nicht allzu sehr verschlechtert. "Es geht noch. Ich weiß noch, wo ich hin muss." Ein bewegendes und aufrüttelndes Beispiel. Das Schlimmste für ihn ist wohl noch, dass er ganz genau weiß, was mit ihm passieren wird. Eine große psychische Belastung, wie sein betreuender Arzt Oliver Peters sagte.

"Schicksal Alzheimer – und wer kümmert sich dann um mich?", lautete das Thema. Die heimtückische Krankheit kündigt sich mit kleinen Gedächtnislücken und leichted Stimmungsschwankungen nur leise an. Und wenn sie dann diagnostiziert wird, ist sie meist schon weit fortgeschritten und der Schock für Betroffene und Angehörige groß. Rund eine Million Menschen leiden in Deutschland an Alzheimer, einer Krankheit, die schleichend immer schlimmer wird und die Lebenserwartung bei den Patienten drastisch senkt.

Für die Betroffenen ein schweres Schicksal, gleichzeitig aber auch ein harter Schlag für die Familie. Häufig sind die Angehörigen mit der Situation überfordert, wissen nicht, wie sie mit dem Kranken umgehen sollen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten abdeckt.

Bräuer möchte freiwillig ins Pflegeheim

Jauch hatte an diesem Abend auch eine Angehörige einer Alzheimerpatientin geladen. Britta Nagel, Journalistin und Autorin, die unter anderem für Morgenpost Online schreibt, stand vor der schwierigen Frage, ob sie ihre 87-jährige Mutter ins Pflegeheim gibt. Als die Krankheit in ihrem Leben immer mehr Raum einnahm, merkte sie: "Jetzt kann ich nicht mehr."

Auch Bräuer ist sich bewusst darüber, welch enormen Belastungen auf seine Lebensgefährtin in den nächsten Jahren zukommen werden, weshalb für ihn der Weg ins Pflegeheim keineswegs ein Tabuthema ist. "Ich möchte meinen Lieben diese Dinge abnehmen", sagte er. Und dass der Weg ins Pflegeheim ganz und gar nicht so verklärt sein muss, wie es häufig der Fall ist, machte auch Nagel deutlich: "Meine Mutter ist regelrecht im Heim aufgeblüht."

Doch dass die Pflegeheime das Allheilmittel sein sollen, damit wollte sich der Facharzt Peters nicht zufriedengeben. "Wir werden das Pflegeproblem nicht mit Pflegeheimen lösen können", gab er zu bedenken. Wichtig sei einerseits die rechtliche Aufklärung der Angehörigen, andererseits eine verstärkte finanzielle Unterstützung durch den Staat. Und damit wurde in der Sendung das eigentlich Entsetzliche deutlich:

Demente gelten derzeit als nicht-pflegebedürftig. Zwar arbeitet die Regierung an einer neuen Definition des Begriffs der Pflegebedürftigkeit, der soll aber frühestens 2013 in Kraft treten. Neue Richtlinien, neue Schulungen – Gesundheitsminister Daniel Bahr von der FDP versuchte, den bürokratischen Irrsinn vor einer verärgerten Gästerunde zu erklären. "Das ist ärgerlich", musste dann aber auch der Minister eingestehen.

Höhere Ausgaben muss der Steuerzahler tragen

Da hilft es dann auch wenig, dass der Staat jetzt eine Milliarde Euro mehr für Demenz-Kranke ausgibt. Aufgrund der hohen Zahl an Betroffenen bleibt da nur wenig für jeden einzelnen Fall übrig "Wir konzentrieren uns bei den zusätzlichen Einnahmen auf die Fälle, die bisher wenig oder gar keine Hilfe aus der Pflegeversicherung bekommen haben."

Schnell wurde deutlich: Ohne einen hohen privaten Anteil an der Finanzierung der eigenen Pflege ist diese kaum möglich. Für Manuela Schwesig (SPD), Landesministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern, ein Unding: "Für mich ist das eine Frage der Menschenwürde." Ein Sozialstaat müsse seine älteren Menschen in Würde altern lassen können. Deswegen machte sie auch unverhohlen deutlich, dass dies nur mit einer stärkeren finanziellen Belastung der Steuerzahler zu schaffen sei.

"Es kostet Geld, und wir werden die ganze Aufgabe nur wuppen können, wenn mehr Geld ins System kommt." Wenn die Menschen erst einmal sehen, dass sie eine gute Pflege bekommen, argumentierte Schwesig, dann würden sie auch höhere Pflegebeiträge akzeptieren.

Zwischen all dem Politgeplänkel die persönlichen Schicksale: Alzheimer ist nach wie vor eine schwere Krankheit, nicht heilbar und auch für die Forschung eine Herausforderung. Allein durch Medikamente kann der fortschreitende psychische Verfall ein wenig gedrosselt werden. "Wir haben heute die Möglichkeit, die Krankheit sehr früh zu erkennen", sagte Facharzt Peters.

Bräuers Sohn war gegen den Auftritt seines Vaters bei Jauch

Er wies gleichzeitig daraufhin, dass Betroffene bei Gedächtnis- und Orientierungsproblemen über einen längeren Zeitraum diese nicht einfach verdrängen, sondern einen Mediziner aufsuchen sollten. Je früher, desto besser. Trotzdem entwickelt sich der geliebte Mensch dann stetig zurück, kann ohne fremde Hilfe weder Essen noch sich verständigen. Er gerät zurück auf die Entwicklungsstufe eines kleinen Kindes.

Gerhard Bräuer machte Mut. Obwohl sein Sohn strikt dagegen gewesen war, war er gekommen, um sich einem Millionenpublikum zu offenbaren und zu zeigen, dass es trotz aller Schwierigkeiten und Ängste irgendwie weiter geht. "Ich finde, man muss etwas aussprechen, wenn es da ist." Alles andere sei eine Lüge. Auf Jauchs Frage, was er vom Schicksal Gunter Sachs' halte, der nach Hinweisen auf eine Erkrankung an Alzheimer vor einigen Monaten den Freitod wählte, sagte Bräuer: "Das ist eine Flasche."

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