10.11.11

Renaissance Theater

"Die Wahrheit" amüsiert das Publikum

Seit sechs Monaten treffen sich Alice und Michel heimlich in einem Pariser Hotel. Allzu schnell verstricken sich die beiden Fremdgeher in einem Geflecht aus Sex und Lügen. Dank bekannter Gastschauspieler wird "Die Wahrheit" im Berliner Renaissance Theater so zu einer Komödie, die sich jedes Boulevardtheater wünscht.

Von Stefan Kirschner
Foto: dpa/DPA
Fotoprobe "Die Wahrheit"
Sex im Hotel: Alice (Johanna C. Gehlen) und Michel (Herbert Knaup)

Socken im Bett gehen ja eigentlich gar nicht. Zumindest nicht beim Sex. Alice aber sieht das lockerer, da darf Liebhaber Michel sogar sein weißes Feinripp-Unterhemd anbehalten. Die beiden treffen sich seit sechs Monaten in einem Hotel in Paris, schließlich sind sie nicht nur berufstätig, sondern auch verheiratet. Nur nicht miteinander. Blöderweise kennen sich auch die beiden anderen. Vielleicht sogar näher als die Betrüger ahnen.

Aber erst mal will Alice mehr: Endlich ein ganzes Wochenende mit ihrem Liebhaber verbringen und nicht immer nur die flotten Dates am Nachmittag zwischen Sprechstunde (sie praktiziert als Ärztin) und Firmenmeeting (er ist Geschäftsführer). Doch dazu braucht es ein gutes Alibi – wobei das Lügen nicht zu den Stärken von Alice gehört. Sie gaukelt ihrem Mann einen Besuch bei der Tante vor. Als der dann bei Alice auf dem Handy anruft und auch kurz mit der Tante reden möchte, mimt Michel mit verstellter Stimme das Alibi. Blöderweise kennt er sich aber in der Familiengeschichte nicht aus.

"Die Wahrheit" ist ein klassisches Boulevardtheaterstück für vier Personen. Ein bisschen in der Tradition von Yasmina Reza, die ihre Konversations-Komödien wie "Drei Mal Leben" oder "Der Gott des Gemetzels" allerdings philosophischer grundiert als ihr jüngerer Kollege Florian Zeller. Der 32-Jährige in Paris lebende Romancier und Dramatiker zitiert zwar am Anfang Voltaire ("Die Lüge ist eine Tugend, wenn sie erlaubt, das Leiden zu vermeiden."), aber die Stärke seiner im Januar 2011 in der französischen Hauptstadt uraufgeführten Komödie liegt in der gut gebauten, stets mit neuen Wendungen überraschenden Geschichte und in den pointierten Dialogen.

Also eine Komödie, die sich jedes Boulevardtheater wünscht. Ulrich Waller, künstlerischer Leiter des St. Pauli Theaters, hat sich schnell die Rechte gesichert und die deutsche Erstaufführung schon einen Monat nach der Uraufführung in Hamburg herausgebracht. Jetzt gastiert die Inszenierung für sechs Vorstellungen am Renaissance Theater, das regelmäßig mit dem St. Pauli Theater zusammenarbeitet. Weitere Aufführungen sind im März geplant.

Waller, der in Berlin als Regisseur recht präsent ist und zuletzt das Musical "Hinterm Horizont" inszeniert hat, hat sich auch der "Wahrheit" angenommen. Unter seiner Regie schnurrt die Komödie wie eine gut geschmierte Achterbahn. Waller inszeniert temporeich mit gutem Gespür fürs Timing im aufs Wesentliche (Bett, Stuhl, Couch) reduzierten Bühnenbild von Nina von Essen. Das ist ganz Sinne des Autors, der seine Komödie in sieben Kapitel unterteilt hat und sich "rasche Umbaupausen" gewünscht hat. Nebenbei erleichtert eine solche Ausstattung auch den Gastspielbetrieb, der schon aufgrund der Besetzung nahe liegt: Denn mit Herbert Knaup, Leslie Malton, Thomas Heinze und Johanna Christine Gehlen spielen vier bekannte Film- und Fernsehschauspieler Theater.

Leslie Maltons Laurence ist ein kühles, undurchsichtiges Wesen; ein Opfer, das seinen Status genießt. Ihre Nebenbuhlerin Alice (Johanna Christine Gehlen bekommt von Kostümbildnerin Ilse Welter eine blonde Kurzhaarfriseur spendiert) gönnt sich ein paar Gewissensbisse, hadert mit dem Lügen und genießt umso mehr den Betrug. Während Thomas Heinze als Paul den betrogenen Ehemann zurückhaltend mit einer feinen Lust an der Intrige spielt, gibt Knaup in der Rolle des ahnungslosen, gradlinigen Michel dem Affen Zucker. Eine Paraderolle für den Schauspieler, der sie dankbar annimmt. Knaup spielt so, wie man ihn vom Fernsehen kennt – und bekommt dafür nach 90 pausenlosen Minuten den dicksten Schlussapplaus des Publikums, das sich bestens amüsierte.

Renaissance Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Tel.: (030) 3124202. Termine: 11., 12. und 14. November 2011 um 20 Uhr; 13. November 2011 um 18 Uhr

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