04.11.11

"Welt"-Literaturpreis

Albert Ostermaier beherrscht Kunst der Literatur

Albert Ostermaier ist am Abend in Berlin mit dem "Welt"-Literaturpreis ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio lobt der Schauspieler Dominique Horwitz den Autor als leidenschaftlichen und grandiosen Spielmacher, der mit seinem Roman "Schwarze Sonne scheine" die Kritiker begeisterte.

Von Dominique Horwitz
Foto: M. Lengemann
M. Lengemann
Unermüdlich schreibt Albert Ostermaier Theaterstücke und Lyrik, dieses Jahr erschien sein zweiter Roman.

"Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich heiße William Shakespeare, bin von Beruf Schriftsteller und habe fünf Kollegen umgebracht. Wenn man Marlowe dazu rechnet, sogar sechs." Das ist gar nicht so abwegig, wie Sie vielleicht glauben, wenn man einen Autor wie Albert Ostermaier hat, der die Dinge neu ordnet und Räume schafft, in denen die Wirklichkeit und die Wahrheit ihr Spiel miteinander treiben.

Darin besteht die Kunst der Literatur: Mit den Seelen der Menschen zu spielen, denn nur im Spiel sind wir frei – Sie wissen: Schiller – und Albert Ostermaier ist wirklich ein leidenschaftlicher, ein gnadenloser Spielmacher.

Illusionen, Fiktionen, Lebenslügen und gebrochene Perspektiven – wer sonst bietet in der aktuellen Literatur solche Möglichkeitsräume an? Albert Ostermaier ist ein Autor, der Gegensätze zusammendenkt und das Undenkbare in gewaltige Bilder verwandelt. Worüber man nicht sprechen kann, davon muss man sich ein Bild machen. Er findet die Wahrheiten, an denen Andere mit weit geschlossenen Augen vorbeischreiben. Wenn wir Schauspieler seine Worte in den Mund nehmen, habt ihr da unten noch lange daran zu schlucken. Was Albert Ostermaier schreibt, bedeutet eine spannungsreiche Überforderung des Lesers, der nur lesen will und nicht hören oder nur hören, aber nichts erkennen. Das ist sein Programm: Durch die Präzision seiner Sprache unsere verkühlten Herzen in Brand zu setzen – denn wir leben in kalten Zeiten – und alle unsere Sinne zu öffnen. Laut sollten seine Gedichte gelesen werden, und wer das tut, blickt in einen Spiegel, in dem gerade die letzte Szene eines film noir läuft.

Das Gegenteil von Mode

Vertrauen und Verrat, Liebe und Verlust – das sind die großen Themen Albert Ostermaiers. Er schreibt eine Literatur, die nur aus Abschieden zu bestehen scheint, aber das stimmt nicht – im Gegenteil: Es geht bei ihm immer um die Selbstbehauptung des Individuums, um die Würde des Zweifels und der Verzweiflung, vor allem um Bewahrung des Ich vor der schleimigen Vereinnahmung durch irgendeinen politischen, gesellschaftlichen oder ästhetischen Konsens. So arbeitet er seit Anfang an: Er hat sein erstes Theaterstück über Ernst Toller geschrieben, als niemand mehr etwas vom politischen Theater und schon gar nichts von gescheiterten Emigranten wissen wollte. Sein jüngster Roman "Schwarze Sonne scheine" ist allein sprachlich so hoch komplex und ambitioniert, dass er nicht in die momentane Tiefebene der deutschen Literaturlandschaft passt.

Das Paradoxe ist: Albert Ostermaier gilt, weil er Erfolg beim Publikum hat, für die Kritiker als modischer Autor, was hierzulande einem Todesurteil gleichkommt. Dabei macht er genau das Gegenteil dessen, was Mode ist. Er folgt keinem literarischen Kompass. "Verweigerung der Himmelsrichtung" heißt prophetisch sein erster Gedichtband von 1988. "Hier habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen" – diese Haltung hat ihm sein Vorbild Bert Brecht mitgegeben.

Gegen die Zeit, trotz aller Kritik und gegen den ästhetischen Konsens hat dieser Autor bislang 25 Theaterstücke und 10 Lyrikbände vorgelegt – eine erstaunliche Produktion für jemanden, der laut Münchner Gerüchten die meiste Zeit in Schumanns Bar oder beim Fußball verbringt. Absolut zuverlässige Zeitzeugen berichten, ihn in Manhattan, auf einem koreanischen Flughafen und in der Allianz-Arena getroffen zu haben und zwar gleichzeitig – Albert Ostermaier lebt eben in verschiedenen Zeitzonen und sammelt Menschen, wie Heiner Müller, der auch immer woanders, aber jeden Abend in der Paris Bar residierte, kurz vor zwölf aufstand und sagte: "Jetzt muss ich zurück zu meinem Volk."

Alle waren sich einig

Mit dem Roman ist in diesem Jahr etwas Seltenes passiert. Er ist in den höchsten Tönen gelobt worden. Sonst irren sich Kritiker manchmal, natürlich jeder mit anderen Argumenten, aber hier waren sich alle einig: "Schwarze Sonne scheine" ist riskant und provokativ, ein Drahtseilakt zwischen Wutgeheul und innerster Demut. Da will einer raus aus allen familiären Verplanungen, raus aus dem ungeliebten Jurastudium, er will Dichter werden. Aber auf ihm lastet das Todesurteil einer Krankheit, die er gar nicht hat, die ihm eingeredet worden ist samt der möglichen Rettung – ein übles Komplott, das ihn noch tiefer in die Abhängigkeit von seinem Mentor treiben soll, einem katholischen Seelenfänger, den er eigentlich wegen dessen weltoffener Bildung bewundert und ihm vorbehaltlos vertraut. Bis er erfährt, dass er von ihm belogen wurde.

Das ist die Geburt des Künstlers aus dem Geist des Verrats. Und der Künstler hat Recht, wenn er sich notwehrt – rücksichtslos privat und zugleich scharfsichtig bis an die Ränder unserer Welt. Auch unserer Vorstellungswelt. Wir wissen inzwischen, dass alles in diesem Buch wahr ist, und nichts an der Geschichte ist erfunden, aber das spielt für uns Leser keine Rolle. Wir merken, dass es hier einer ernst meint mit der Kunst und dem Leben und dass hier einer etwas zu sagen hat, was auch uns im Innersten angeht. Das kann nur große Literatur, und deswegen konnte die Jury auch gar nicht anders, als Albert Ostermaier mit dem Preis der "Literarischen Welt" auszuzeichnen.

Ich freue mich, nein, ich bin stolz darauf, dass ich das heute sagen darf: Albert Ostermaier gehört zu den ganz Wenigen, die mein Herz berührt haben. Er hat diesen Preis verdient mit jeder Zeile. Als Shakespeare muss ich für ihn demnächst ein paar Konkurrenten aus dem Weg schaffen, aber für ein gutes Buch muss man eben auch etwas riskieren.

Dominique Horwitz, geboren in Paris und seit vielen Jahren in Berlin, ist Schauspieler und Sänger. Zur Zeit spielt er am Renaissance-Theater. In der Uraufführung des nächsten Stückes von Albert Ostermaier verkörpert er William Shakespeare.

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