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30.10.11

Isabelle Huppert

"Es gibt nur zwei Kategorien von Frauen"

Schauspielerin Isabelle Huppert spricht über extravagante Kostüme, gestörte Mutter-Tochter-Beziehungen und Grenzen, die sie nicht überschreiten konnte.

picture alliance / dpa/EPA

Isabelle Huppert gilt als eine der bedeutendsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie wurde 1953 in Paris geboren.

13 Bilder

Extreme Mutterrollen sind ihre Spezialität. In ihrem neuen Film "I'm Not A F**king Princess" spielt Isabelle Huppert nun eine Fotografin, die erotische Kunstfotos von ihrer kleinen Tochter macht. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte: die Regisseurin Eva Ionesco wurde Ende der Siebziger durch Aktfotos ihrer Mutter Irina Ionesco zur umstrittenen Lolita der Pariser Kunstszene.

Morgenpost Online: Frau Huppert, die Vergangenheit von Eva Ionesco und ihrer Mutter ist in Frankreich sehr bekannt. Mussten Sie lange überlegen, die Rolle anzunehmen?

Isabelle Huppert: Ich habe gezögert, weil ich Eva vorher nicht kannte, aber ich hatte nie Zweifel an der Geschichte. Bei mir ist das oft intuitiv, dass mir eine Rolle gefällt und ich zusage. Und erst viel später, wenn der Film fertig ist, wird mir wirklich klar, welche Bedeutung die Geschichte hat und welchen Eindruck sie bei den Zuschauern hinterlässt.

Morgenpost Online: Wie hat Eva Sie überzeugt?

Huppert: Das musste sie gar nicht. Ich lernte Eva Ionesco bei den Dreharbeiten zu Claire Denis' Afrika-Film "White Material" kennen, wo Eva eine Rolle spielte, die am Ende herausgeschnitten wurde. Sie erzählte mir von dem Projekt, das sie schon seit einigen Jahren verfolgte und bot mir die Rolle an. Mir gefiel, wie sie davon sprach, als eine fiktive Geschichte, obwohl ich wusste, dass es ihre eigene war. Und genauso habe ich die Rolle dann gespielt, wie eine frei erfundene Figur. Und ich mochte die Ästhetik, vor allem die Kostüme, die sehr theatralisch und extravagant sind und sehr viel über den Wahnsinn dieser Figur erzählen, aber auch über ihre Freiheit.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist das Äußere, um in eine Rolle zu schlüpfen?

Huppert: Kostüme, Haare und Make Up sind für mich essenziell, um eine Figur zum Leben zu erwecken. Im Grunde gibt es nur zwei Kategorien an Frauenfiguren: die mit High Heels und die mit flachen Schuhen. Die Antwort ist immer in den Schuhen. Und Hannah ist natürlich eine Figur mit hochhackigen Schuhen. Die extravaganten Kostüme helfen, den Film aus der Zeit zu heben, ihm etwas Märchenhaftes zu verleihen. Es wird nie erklärt, warum sie all diese Tüll- und Spitzenkleider trägt und in diesem Apartment voller Krimskrams lebt und das lässt es noch merkwürdiger erscheinen, fast wie eine Phantasmagorie.

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich diese Mutter erklärt, die ihre Tochter für ihren eigenen Ruhm missbraucht?

Huppert: Man kann sie als Monster sehen, aber ihr ist nicht klar, dass sie etwas Böses tut. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen "Zieh dich aus." Und "Putz dir die Zähne." Sie sieht ihre Tochter wie ein Püppchen und das ist das Problem. Sie nimmt ihre Tochter lange nicht als menschliches Wesen wahr, erst als diese rebelliert und nicht mehr fotografiert werden möchte. Mich haben diese Aspekte einer Mutter-Tochter-Beziehung interessiert, diese narzisstischen Projektionen, dass man für sein Kind nur das Beste will und dabei auch immer seine eigenen Sehnsüchte und unerfüllten Träume verwirklicht.

Morgenpost Online: Ihre Tochter ist ebenfalls Schauspielerin geworden und Sie standen mit ihr letztes Jahr in dem Film "Copacabana" sogar als Mutter und Tochter vor der Kamera. Haben Sie sie in ihrem Wunsch unterstützt?

Huppert: Ich habe sie nicht direkt oder in Worten dazu ermuntert, aber was man als Eltern seinen Kindern so mitgibt, passiert ja manchmal sehr unbewusst. Als wir "Copacabana" drehten, war es anfangs etwas komisch. Wir mussten dauernd kichern und waren sehr unprofessionell. Aber nach ein paar Stunden waren wir einfach nur Schauspielerinnen und seriös.

Morgenpost Online: Haben Sie mit Eva Ionesco über deren Mutter gesprochen?

Huppert: Nein. Mir war klar, dass es eine unsichtbare Grenze gab, die ich nicht übertreten sollte und das habe ich respektiert. Der Film handelte von ihrer Mutter, aber wir hatten eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sie nicht darüber redet und ich nicht frage. Das war die Vertrauensbasis unserer Zusammenarbeit. Am Ende sagte sie mir, dass sie überrascht ist, wie ähnlich ich ihrer Mutter wirklich wurde.

Morgenpost Online: Es gibt in Ihrer langen Karriere im Grunde keine einzige gewöhnliche Frauenfigur.

Huppert: Nichts ist normal, nicht einmal die Normalität ist normal für mich. Es stimmt, ich spiele komplexe Figuren und manchmal wünschte ich, jemand Nettes zu spielen. Aber wissen Sie was? Die Leute denken immer, es sei so schwierig, einen vielschichtigen Charakter zu spielen, dabei kann man im Namen der Komplexität viel freier und unberechenbarer sein. Eine romantische Heldin oder eine liebevolle Figur, die sich für etwas aufopfert, sind viel schwieriger, weil man sich nicht hinter Mehrdeutigkeiten verstecken kann und eine einzige Emotion bis zum Anschlag spielen muss.

Morgenpost Online: Mit Michael Haneke haben Sie "Die Klavierspielerin" gedreht. Demnächst sind Sie in seinem neuen Film "Amour" zu sehen.

Huppert: In letzter Zeit spiele ich dauernd Mütter, aber hier bin ich die Tochter. Er sieht mich offenbar gern als Tochter, wie schon in "Die Klavierspielerin". Es wird ein großartiger Film, typisch Haneke, aber jedes Mal dringt er in tiefere Schichten. Für mich als Schauspielerin ist das manchmal beängstigend, aber auch sehr erfüllend.

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