30.10.11

Berliner Volksbühne

"John Gabriel Borkman" erschöpft die Besucher

Mit dem Gesellschaftsdrama "John Gabriel Borkman" von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1896 hat die Berliner Volksbühne ihre Spielstätte im "Prater" wiedereröffnet. Die Zuschauer kamen und gingen. Manchmal war im Foyer mehr los als im Saal.

Die ersten Zuschauer verlassen den Prater nach einer halben Stunde. Dabei zirpt und kreischt eine hohe, verzerrte Stimme gerade schwer verständlich, aber verheißungsfroh: "Jetzt fangen wir an, jetzt fangen wir an!" Anfangen? Jetzt? Die Ohren schmerzen bereits von einer Requiem-artigen Weltuntergangsmusik, von rasenden Atemgeräuschen, knallenden und knirschenden Schritten, von verzerrten Worten in Endlosschleife: "Acht Jahre!" oder "Ich kann es nicht fassen, alles stürzt zusammen", die eine alte Frau hervorzetert, während sie sich wieder und wieder auf einen Leichnam stürzt, der auf Eisschollen aus Pappe liegt.

Unterm Strich gehören sie zur Mehrheit der etwa 160 Besucher, die "John Gabriel Borkman" nicht bis zum Schluss verfolgten. Der Abend endete morgens um Sieben, etwa zehn Leute harrten bis dahin aus. Hinter ihnen lagen elf Stunden Theater Non-Stop. Und doch haben zumindest diejenigen, die vor Mitternacht das Theater verlassen haben, etwas verpasst: In die höhepunktarme Theatersaison mit ihren braven Déjà-Vus und ärgerlichen Flops stürzt "John Gabriel Borkman" wie ein torkelndes Ufo.

Das deutsch-norwegische Künstlerduo Ida Müller und Vegard Vinge richten "John Gabriel Borkman" zu, jenes späte Ibsen-Drama, das auf unheimliche Weise ans Heute andockt. Borkman ist ein Aufsteiger, der als Bankchef riesige Summen verzockte, in den Knast kam, nun das Haus nicht mehr verlässt, aber weiter seinen Allmachtsphantasien nachhängt. Mit seiner Frau Gunhild steckt er im Stellungsehekrieg fest. Deren Zwillingsschwester und Borkmans Ex-Geliebte Ella entdeckt, dass sie für Borkmans Machtstreben geopfert wurde. Alle drei wollen, dass es der Borkman-Sohn Erhart besser macht – in jeweils ihrem Sinn.

Der rekordverdächtig lange Ibsen-Kommentar ist in seiner Überforderung natürlich unerträglich. Und zugleich genial. Nervtötend. Und komisch. Allein die Bühne: alles aus Pappe. Ein Comic-Puppenhaus für böse Kinder, im Drogenrausch zusammengezimmert. Drunter gähnt später das Höllenloch, außerdem ein Stollen, in dem der alte Borkman (sein Vater war Bergmann) seinen Sisyphos-Stein wälzt. Hier stampfen, schreiten, trotten und trippeln die Ibsen-Zombies herum, ferngesteuert von einer höheren Macht. So geht das Stunde um Stunde – pausenlos. Die Zuschauer kommen und gehen. Manchmal ist im Foyer mehr los als im Saal. Hier gibt es Möhreningwer- und Hühnersuppe, Sandwiches, Getränke; unter der Zuschauertribüne verkaufen zwei Männer Hotdogs in sechs Variationen.

Gegen 2.20 Uhr gibt es so eine Art Pause, auf dem Vorhang läuft ein Video, vor dem Prater stehen die Leute erschöpft und rauchen. Immer wieder gibt es neue Gerüchte um die Restdauer. Ein, zwei, vier Stunden? Drinnen hält sich ein harter Kern von etwa 30 Leuten, aber ihre Gesichter werden zu monotonem Akkordgehämmer immer verkniffener. Um 4.30 Uhr gehe ich; die ersten fünf Stunden haben es in sich. Nur sollte man darauf nicht vertrauen – angeblich soll jeder Abend vollkommen anders sein.

Prater, Berlin-Prenzlauer Berg, Kastanienallee 7-9, Karten: (030) 24065777, weitere Aufführungen: 4., 6., 11., 13., 18., 20., 25., 27. November 2011.

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