25.10.11

Erziehung

Lasst dem Kind iPhone, Gameboy und Computer

Kinder driften mit ihrem digitalen Spielzeug in virtuelle Welten ab. Doch dass die neue Technik den Nachwuchs dumm macht, stimmt nicht unbedingt.

Foto: obs/DPA
Der neue iPhone® und iPod touch® Halter von Fisher-Price®

Was soll aus dem Jungen nur werden! Kann sich noch nicht die Schuhe zubinden und verbringt doch schon Stunden in virtuellen Sphären, beschäftigt sich "mit einem flachen Stückchen Welt, das weder Leben noch Substanz hat", ohne sie riechen oder "ihre verborgenen Echos oder ein fernes Murmeln" hören zu können.

Das Kind, mein Kind, bewegt sich in einer toten, poppig bunten, durchnormierten Plastikwelt aus abwaschbarem Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat. Einfacher gesagt: Das Kind spielt mit seiner Lego-Feuerwehr. Aus ihren Schläuchen spritzt kein Tröpflein kühles, nasses Wasser. Aber am Feuer kann sich das Kind auch nicht in echt verbrennen.

Spielzeug ist eben nicht das Wirkliche

Nun, ja, so what, mögen Sie sagen, es ist ja schließlich Spielzeug. Und das ist gerade dadurch definiert, dass es nicht das Wirkliche ist: nicht so schwer, nicht so scharf, nicht so tödlich wie echte Autos, Spaten, Schnellfeuerwaffen.

Der amerikanische Computerwissenschaftler David Gelernter , einst ein Visionär des digitalen Zeitalters, hat gerade in der " FAZ" ein "Plädoyer für die wirkliche Welt" gehalten (siehe Zitate) und die artifiziellen Landschaften der Computerspiele als schädlich verdammt – für Kinder unter vierzehn. "iSpielzeug", so Gelernter, schränke die Kreativität ein, lege "die Aufmerksamkeit in Ketten" und entfremde vom echten Leben ("Hund").

Fernseher haben nicht dumm gemacht

Die Tatsache, dass bereits ganze Generationen inklusive seiner eigenen – Gelernter ist Jahrgang 1955 – mit Computerspielen und Fernsehen groß und gar nicht so stockdumm geworden ist, lässt er als empirisches Gegenargument nicht gelten. Gerade die Primitivität der alten Computer und ihre niedrige Bildauflösung hätten den Vorteil gehabt, schnell langweilig zu werden, sodass sich das Kind etwas anderes gesucht habe.

Unterhaltungselektronik soll also umso schädlicher sein, je wirklichkeitsnäher und illusionistischer sie wird. Wie realistisch ist wiederum diese Sicht auf Kinderseelen? Wer je Grundschulmädchen in ihren stupiden Pferdehofsimulationen hat versinken sehen, weiß, wie fesselnd Eindimensionalität sein kann. Erinnert sich noch wer an Tamagotchis? Es ist doch eher so, dass noch so kluge Erwachsene heute auf Knopfdruck wieder zum Kindskopf werden können. Bildung schützt vor Gamesucht nicht.

Kinder lieben alles, was Krach macht

Soll man also ausgerechnet jetzt, da bald kein Fahrkartenautomat mehr ohne Touchscreen auskommt, die Kinder vor Mamas iPad schützen? Dieselben Kinder, die man zum Babyschwimmen, zur musikalischen Früherziehung und in die mehrsprachige Kita schickt, um ihnen jede erdenkliche Vorbereitung auf das wirkliche Leben angedeihen zu lassen?

Jede bessere Puppe piepst, eine "Sesamstraßen"-Handyattrappe kann einem mit ihrem monotonen Gequäke den letzten Nerv rauben. Kinder lieben eben alles, was Krach macht. Und mein iPhone kann beispielsweise eine ziemlich gute Drum Maschine sein oder ein Minisynthesizer oder auch ein Wunderblock. Kinder lernen schnell, wer hinterherhinkt, sind die Erwachsenen.

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