24.10.11

Deutsche Oper

"Don Carlo" langweilt keinen Augenblick

Marco Arturo Marelli zeigt in seiner Inszenierung Verdis "Don Carlo" an der Deutschen Oper in Berlin als ein politisches Musik-Ränkespiel. Nur das Schlussbild scheint nicht ganz so gelungen.

Foto: Barbara Aumüller/Deutsche Oper
Der "Don Carlo" schiebt eine Reihe von Figuren an die Rampe, die jede auf ihre Weise das Seelenleben hinter der Fassade enthüllt
Der "Don Carlo" schiebt eine Reihe von Figuren an die Rampe, die jede auf ihre Weise das Seelenleben hinter der Fassade enthüllt

Viva Verdi! Sein "Don Carlos" hat in der Deutschen Oper sein Schluss-S verloren und nennt sich nun nur noch, echt italienisch, "Don Carlo", doch ist er in Marco Arturo Marellis Inszenierungs-Version zum ersten Mal deutlich als durch und durch politisches Musikdrama zu erleben. Gelebt, gelitten und gestorben wird hier für die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Zukunft des Menschen. Dieser "Don Carlo" gibt sich als hochkonzentriertes Lehrstück für menschliches Überleben bei aller königlich autoritären Gewalt ringsum.

Es geht nicht mehr einzig um die unglückliche Liebe im Königspalast. Es geht um den Krieg mit den Niederlanden, die Unterwerfung des Aufstands dort, den Beginn eines Lebens in Freiheit und Hoffnung. Das sind die Themen dieses aufrüttelnden "Don Carlo", die mit unerschütterlicher Insistenz immer erneut aufbereitet werden. Wen die Königin nun in Wahrheit liebt, den hübschen Schwiegersohn Don Carlo oder den ihr zwangsweise angetrauten König, ist beinahe ohne Interesse in dieser Aufführung, die gewichtigere Anliegen hat.

Die Soldateska des Monarchen

Die Privatheit des Arien-Singens tritt deutlich hinter die ernsteren Anlässe zurück. Diese prägen die Bilder. Dabei sind es nicht mehr die sattsam bekannten Ketzerverbrennungen, die mit ihrer bitteren Leuchtkraft die Szene erhellen. Die Kirche wird durchaus nicht freigesprochen von den Verbrechen der Inquisition. Aber der Freibrief für sie wird undiskutiert in ihren Händen belassen. Denn jetzt ist es die Soldateska des Monarchen, die mörderisch um sich schießt. Es geht nicht mehr um Liebesgeplänkel unter Monarchen hoch droben auf dem Thron, sondern um das simple Überleben auf der platten Erde.

Ein Leben in der Zementwüste, eingeschlossen von Betonquadern. Es ist keine Lust dort zu leben, geschweige zu regieren: Opfer sind alle, eingeschlossen der König, der vom Großinquisitor regiert wird. Auf dem Volk wird gnadenlos herumgetrampelt. Es hat zu kuschen und das Maul zu halten, außer glücklicherweise beim Singen. Graues Licht, graue Luft liegt über dem trüben Geschehen. Marelli, sein eigener Bühnenbildner und Beleuchter hat schon nachdrücklich dafür gesorgt, der allgegenwärtigen Hoffnungslosigkeit das rechte Bild zu finden. Erstaunlicherweise langweilt es keinen Augenblick. Verdis Verdienst – und das seines Statthalters am Dirigentenpult: Donald Runnicles. Er zittert nicht und zagt nicht vor der Herausforderung, Verdis ausladendstes Opernwerk zum einladendsten zu machen. Er knallt es hin, schiebt es an, infiltriert ihm Ausdruckskraft. Die Hauptrolle singt aus schier unerschöpflichen Leibeskräften das Orchester, und man hört ihm staunend und wie gebannt mit höchster Aufmerksamkeit zu. Und fragt sich natürlich, wie es nach "Rigoletto", "Troubadour" und "La Traviata" zu einem Erscheinungsbild wie diesem des "Don Carlo" hat kommen können.

Schlussbild macht Oper lächerlich

Nun – das Werk wurde nicht für Italien, sondern für die Pariser Oper komponiert, die auf treuer Gefolgschaft zu Meyerbeers Grand Opera bestand. Er inhaftierte sein Publikum gern über viele Stunden hin in der Oper und fütterte es dort gelassen musikalisch ab. Damit hatte der geborene Musikdramatiker Verdi, je älter er wurde, desto weniger im Sinn. Auch neigte er mehr denn je zur musikalischen Charakterzeichnung. Der "Don Carlo" schiebt eine außerordentliche, unverwechselbar eigenwillige Reihe von Figuren an die Rampe, die jede auf ihre eigene Weise ihre Seelenleben hinter der repräsentativen Fassade enthüllen. Jeder lebt auf seine eigene Weise, und jeder stirbt oder leidet auf seine eigene Weise an ihr.

Es fragt sich nun freilich, wie authentisch das Schlussbild wohl sein mag, das man bislang nie zu sehen bekam. Es stülpt dem Drama geradezu das bislang strikt gemiedene schmierige Operntheater über, das Verdi regelrecht mit Besessenheit zu meiden versucht hatte. Es macht die vorangegangene Oper mit all ihrem Ernst, ihrer politischen Geständnisfreudigkeit, ihrer Neuheit geradezu lächerlich. Jammerschade.

Titelrolle mit heldischer Jungmännlichkeit

Es macht dagegen beinahe durchgehend Freude, die Sänger zu hören. Verdi hat ihnen schließlich durch die Bank Bombenrollen zu Füßen gelegt, denen man einzig mit Routine nicht gewachsen ist, an denen junge Sänger sich freilich quasi hochranken müssen. Die Partie des Königs ist mit Roberto Scandiuzzi glänzend besetzt. Sie besitzt Hoheit, Selbstzweifel, Tatkraft und breitet sich in imponierendem Singstrom hin. Die schönste Überraschung bereitet allerdings der jugendlich offensive Massimo Giordano in der Titelrolle, die er mit heldischer Jungmännlichkeit angeht. Er versteht es, regelrecht fiebrig zu singen. Das Ohr frisst ihm aus der Hand. Außerdem sieht er glänzend aus. Auch dies schon ein kleines dankbar genossenes Opernwunder.

Von den beiden Damen schießt Anna Smirnova als Eboli mit ihrer Singaktivität, ihrer wahren Singwut den Vogel ab. Sie feuert ihre berühmte große Arie mit vorbildlicher Singkraft hin. Wohl dem, der sie nicht zur Feindin, sondern einzig zur Kollegin hat. Das ist in diesem Falle die junge Lucrezia Garcia, eine Sängerin mit großartiger Zukunft, die sich schon jetzt immer wieder heraushören lässt.

Engelsstimme in einer Nebenrolle

Von den Männern imponiert am meisten der profunde Bass von Ante Jercunica, der den Großinquisitor mit jener mörderischen Unwiderstehlichkeit singt, die dem unumstößlichen Wegweiser des Glaubens das rechte, unausweichliche Abbild gibt. Eine Meisterleistung. Hinter ihr bleibt der liebenswürdige Boaz Daniel als Marquis von Posa eine kleine Meile zurück.

Wirklich und wahrhaftig eine Engelsstimme aus himmlischer Höhe ist die von Kathryn Lewek. Ihr dankte das Publikum an diesem Premierenabend beinahe am stärksten. Ungerechtigkeit war schon immer eine Lieblingskrankheit des Menschen, selbst in der Oper.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Berlin- Charlottenburg. Tel.: (030) 34384343 Termine: 26., 29. Oktober 2011. und 2., 9., 12. NOvember 2011.

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