07.10.11

Austellung

Martin-Gropius-Bau stellt Ai Weiweis Fotos vor

Der Martin-Gropius-Bau widmet dem regierungskritischen chinesischen Künstler Ai Weiwei eine umfassende Fotoausstellung. Zum ersten Mal werden in Deutschland mehr als 220 Bilder aus seiner New Yorker Zeit gezeigt. Sie veranschaulichen die Ansätze seiner späteren Kunst.

Von Gabriela Walde
Foto: REUTERS

In China hat der Künstler als Kritiker des kommunistischen Regimes dagegen noch nie seine Werke ausstellen können.

8 Bilder

Ai Weiwei, Chinas mächtigster Künstler und Regimekritiker, steht immer noch unter Beobachtung, seit er am 22. Juni 2011 sichtlich mitgenommen nach über 80 Tagen seine winzige Zelle verlassen hat. Er darf sich vorerst ausländischen Journalisten gegenüber nicht politisch äußern, keine Interviews geben und Peking nicht verlassen. Ruhig gestellt ist er trotzdem nicht. Kürzlich zog er im "Newsweek Magazine" in einem Artikel heftig her über Peking als "Stadt der Gewalt und der Korruption". Es bleibt die Frage, wie die kommunistischen Ideologen künftig mit ihm umgehen werden. Derweil hat er in Berlin eine Gastprofessur an der Universität der Künste zugesagt, die er gar nicht antreten kann, weil er derzeit keinen Pass besitzt. Der "Fall Ai" ist also nach wie vor aktuell, weil er viel aussagt über Chinas Politik und Menschenrechte. Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die Ende nächster Woche eröffnen wird, wirft nun einen neuen Blick auf den Chinesen, der für seine Kunst partout die Klappe nicht halten kann. Die Schau mit 220 Fotos, die zuerst in Peking ausgestellt war und nun direkt aus New York kommt, ist erstmals in Deutschland zu sehen. Danach ist sie in Moskau angefragt. Ai Weiwei selbst kuratierte sie noch. Wer den Künstler und seinen rebellischen Gestus verstehen will, kommt an diesen Bildern nicht vorbei. Zumal in ihnen die künstlerischen Ansätze wie die politischen Aspekte seiner Kunst bereits eingeschrieben sind.

10.000 Fotos im Bestand

Etwa 10.000 Fotos entstanden in den Jahren seines New York-Aufenthaltes in den Achtzigern bis in die frühen Neunziger. 1981 verließ er China, 24 Jahre war er damals, erstaunlich überzeugt von sich selbst: "Wenn ich in ein paar Jahren wiederkomme, da wirst Du einen anderen Picasso vor dir sehen!", soll er beim Abschied seiner Mutter zugerufen haben. Zuerst begann er Kunstgeschichte an der Parsons School of Design zu studieren, doch wegen mangelnder Sprachkenntnisse rasselt er durch die Prüfung, das Stipendium verfiel. In dieser Zeit fing er an zu fotografieren, zog mit der Kamera durch die Stadt. Das wurde schnell zur Gewohnheit, um, wie er in einem Interview erklärt, die "Langweile totzuschlagen. In diesen Tagen wachte ich morgens auf und wusste überhaupt nicht, was ich den ganzen Tag machen sollte." Das war freilich nur eine Seite der Wahrheit. Weiwei hat sich zwar nie als künstlerischer Fotograf gesehen, die Bilder funktionierten für ihn als Skizzen und Notizen, als "Dokumentation eines Beweises". Der Beweis, das war das eigene Leben in der pulsierenden US-Metropole mit all ihren Freiheiten und, ja, auch Zwängen. Vor allem also spiegeln diese Fotos Ais Alltagsleben und in den vielen, vielen Selbstporträts reflektierte er sich selbst auf der Suche nach der eigenen Bestimmung.

Gesichter, Orte, Kunstwerke, Events: Ai saugte mit der Kamera einfach alles auf, was er sah. Die flanierenden Leute am Tomkins Square Park, den Hallowenumzug, das Rockkonzert, glitzernde Kinowerbung, Hippies in der St. Marks Street, tänzelnde Transvestiten, runtergekommene Hinterhöfe, den Flohmarkt am Cooper Square, dazu kam der Besuch im MoMA und Skurriles wie der Liebes-Shop "Love Saves the Day" im East Villages. Nicht fehlen durfte natürlich der Delikatessen-Tempel Dean & Deluca am Broadway. Ausführlich dokumentiert hat Weiwei auch die gewalttätigen Protestaktion am Tomkins Square Park.

Sein architektonisches Gespür hingegen zeigte sich im Abfotografieren des historischen Türknopfes seiner Toilettentür. Oft aber fing er einfach nur studentisches Lebensgefühl ein, er selbst beim Essen mit Freunden, bei Dosenbier, Stäbchen und Suppenschale in der eigenen Bude. Und immer wieder Allan Ginsberg beim Lesen, Telefonieren und Trinken in dessen Apartment in der East 3th. Ginsberg war ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm und sich mit visionären Prophetien und Blasphemien Freunde wie Feinde machte. Andere Fotos zeigen Weiwei vor Werken von Warhol, Pollock oder Duchamp – eine hübsche Anspielung auf seine künstlerischen Vorbilder. Ai an einem Food Store, dessen ScotTowels-Dosen stark an die legendären Campbell-Soup-Dosen des blondweißen Factory-Man erinnern. Oder das aus einem simplen Metallbügel gebogene "Duchamp Profil", ausgelegt mit den typischen Sonnenblumenkernen, die später einmal zu den wichtigsten Motiv im Werk gehören sollten. Man erinnere sich gern an die Tate Modern in London, wo er im vergangenen Jahr für eine Installation Millionen von Porzellan-Kernen ausschüttete.

Es gibt verblüffend viele Selbstporträts des jungen Künstlers, oft vor Spiegeln geschossen. Nackt oder angezogen. Sein Hang zu Aktion und Performance scheint hier bereits ausgeprägt. Ai Weiwei gab sich damals schon unangepasst, trug immer noch seinen alten Militärmantel aus den Beständen der chinesischen Volksbefreiungsarmee über der damals schon etwas beleibten Figur, erinnert sich sein Freund, der Poet Bei Ling, der ihn oft besuchte. "Ich bezweifele sogar, dass er unter diesem grünen Armeemantel überhaupt irgendetwas trug."

Wie das oft so ist, konnte sich auch Ai, als er vor rund zehn Jahren anfing sein Bilderarchiv zu ordnen, nicht bei jedem Foto an die Geschichte dahinter oder die einzelnen Details erinnern. Mit feiner Schrift sind sie nachträglich mit Bildunterschriften versehen. "Das war oft eher eine Überraschung als eine Erinnerung", erzählt er in einem Interview. Dementsprechend waren viele der Negative nicht leicht zu identifizieren, Fragen bleiben. Wann besuchte Ai Dan seinen Bruder Ai, wie lange blieb er? Und wer war die Frau, die Ai am St. Patricks' Day begleitete?

Heute ist Ai Weiwei perfekt organisiert, seine digitalen Fotos speichert er in seiner riesigen Datei. Vielleicht werden wir in einigen Jahren einmal wissen, wer ihn bespitzelt hat.

Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993, Berlin, Martin-Gropius-Bau, 15. Oktober 2011 bis 18. März 2012, täglich außer dienstags von 10 bis 20 Uhr

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