05.10.11

Schiller Theater

"Aus einem Totenhaus" wird zum Reiz für die Sinne

Nicht die ganze Welt ist ein Gefängnis, doch zumindest ein großer Teil von ihr. Das ist die Ansicht des französischen Theater-, Film- und Opernregisseur Patrice Chéreau. Er inszenierte Leoš Janáceks "Aus einem Totenhaus" für das Berliner Schiller Theater.

Von Volker Blech
Foto: picture alliance / ZB/dpa Zentralbild
Aus dem Totenhaus
Der um Realismus bemühte Regisseur Patrice Chéreau arbeitet mit nur wenigen Requisiten. Alles hat seinen Platz, seine Größe im Detail

Irgendwann wird ein Gefangener weggezerrt, das Publikum erfährt nicht, was mit ihm geschieht. Es ist auch nebensächlich, gefühlt muss man sich keine Sorgen um ihn machen. So zurückhaltend wie die Wärter in der Oper auftreten, wird der Gefangene weder gefoltert noch ermordet. Vielleicht geht er hinter der Bühne einen Kaffee trinken, während vorn das Drama weiter spielt. Das ist das Tragischste an Patrice Chéreaus Inszenierung von Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus": Einerseits bemüht sich der Regisseur mit viel Fingerspitzengefühl um seine leidenden Figuren, andererseits aber will sich kein Mitgefühl einstellen. Sibirien bleibt fern, die Menschen fremd.

Dabei hat die Staatsoper zum Saisonauftakt im Schiller Theater mit großen und noch größeren Namen geklotzt. Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, am Pult der Barenboimschen Staatskapelle. Dazu Patrice Chéreau, den man seit seinem Bayreuther "Jahrhundertring" 1976 schlicht als Regielegende bezeichnen muss. Die Sängerriege vom Feinsten bis in kleinere Rollen. Ein großes Aufgebot für die letzte Oper eines bedeutenden Komponisten, der auf den Roman eines Dostojewski zurückgriff. Mehr Künstlertum ist kaum möglich, und so ist der Opernabend vor allem ein artifizieller Reiz für die Sinne und den Verstand, aber so gar nichts fürs Herz.

Schwarze Oper unter Kriminellen

Janaceks letzte und nicht vollendete Oper, die 1930 uraufgeführt wurde, hat es nie zum Publikumsliebling gebracht. Sie ist musikalisch sperrig, rührt an Existenziellem, womöglich wollen sich deshalb gerade die großen, egomanischen Regisseure an ihr messen. Dostojewskis Roman "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" von 1862 erzählt die Schrecken in einem zaristischen Straflager in Sibirien. Dorthin wird aus politischen Gründen der Adlige Alexander Petrowitsch Gorjantschikow (Willard White) verbannt. Über die Hintergründe erfährt man nichts: Die "schwarze Oper" beginnt mit seiner Ankunft und endet mit seiner Begnadigung. Dazwischen vegetiert er unter Schwerstkriminellen. In diese verdammten Seelen wollte Janacek – kurz vor seinem eigenen Tode – hineinhören.

Von seinem Bühnenbildner Richard Peduzzi hat sich Chéreau einen bedrückenden Kerker aus unüberwindbar hohen Steinquadern bauen lassen. Die Quader lassen sich verschieben und erinnern an eine Festungsanlage. Dieser Kerker könnte überall stehen. Darüber hinaus arbeitet der um Realismus bemühte Regisseur mit nur wenigen Requisiten. Alles hat seinen Platz, seine Größe im Detail.

Tartarenjunge Aleja (Eric Stoklossa) nimmt die Brille, die dem Adligen heruntergerissen wurde, an sich, um sie ihm später zurückzugeben. Es sind die kleinen menschlichen Gesten inmitten der kollektiven Verzweiflung. Die Gefangenen tragen keine Häftlingskleider, sind aber schäbig gekleidet. Die Armbinden verweisen auf eine Hierarchie. Gegen Ende des ersten Akts regnet es Akten- und Kartonreste auf die Bühne, die von den Gefangenen wieder eingesammelt werden müssen. Eine ebenso staubige wie effektvolle Angelegenheit. Später wird es geradezu gemütlich, wenn zum Abend die Decken für die Betten ausgeteilt werden. Auch Schwerverbrecher brauchen, glaubt man Chéreau, das Heimelige, um ihre Seele vorm Opernpublikum auszubreiten.

Oder braucht das Publikum das Gemütliche, um überhaupt zuzuhören? "Aus einem Totenhaus" lebt von den Erzählungen der Häftlinge über ihre Verbrechen, ihren Hass, ihre Irrwege. Diese Enthüllungen von Luka (diabolisch: Stefan Margita), Schischkow (feinnervig: Pavlo Hunka) und Skuratow (etwas schmallippig: John Mark Ainsley) sind das Berührendste und Bedrückendste der Oper, gerade, weil Chéreau hier die verborgenen Sehnsüchte aufschimmern lässt. In jeder Kreatur stecke ein Funke Gottes, lässt Janacek getreu Dostojewski, seinen Alten Sträfling sagen.

Die Schöpfung hat sich, wissen wir, in Grausamkeiten erprobt. Aber die Schrecken der Konzentrationslager und Gulags hat Chéreau außen vor gelassen. Als Regisseur ist er nicht an der Vernichtung des Menschen durch Menschen interessiert, sondern an der Hoffnung des Einzelnen auf Leben und Selbstverwirklichung. Das ist auch eine typische Künstlersicht. In seinem "Totenhaus" wird keine Gewalt sichtbar vollzogen, eher das Arrangement miteinander vorgeführt. Es mündet auf gespenstisch-ausgelassene Weise in die homoerotisch aufgeladene Szene, in der die Häftlinge sich selbst mit Theaterstückchen unterhalten. Dieses Theater im Theater hat der Tänzer und Choreograph Thierry Thieu Niang in grotesker Zartheit ausgearbeitet. Eine männliche Burleske voller Lebenssucht.

Nun wissen wir aus Beschreibungen von Überlebenden, dass sie ihren Traumatisierungen mit strengen Regeln und Ritualen entgegen arbeiten. Jedes Detail, jeder Ablauf wird ausgemessen, ermessen, das Leben festgehalten. Das Dasein erhält sich nur im Gleichmaß, in der Anpassung, so wie sie es im Lager erfahren haben. Die Außenwelt kann nur selten ihre Aufschreie wahrnehmen. Genau genommen ist das in der Oper kaum darstellbar.

Mit einem Aufschrei lässt Sir Simon Rattle die Oper beginnen. Er lässt am Pult kein emotionales Gleichmaß zu, sondern macht die Ecken und Kanten, die Gewalttätigkeiten in dieser Männer-Oper deutlich. Rattles treibt seine Musiker geradezu durch die Handlung, die im Graben in grelleren Farben erzählt wird als auf der steingrauen Bühne. Die Musik vollzieht das, was im Kerker letztlich nicht möglich ist: die Flucht in Gefühlswelten. Am Ende gibt es viel Beifall für alle Beteiligten.

Staatsoper im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel.: (030) 20354555. Nächste Termine: 6., 11., 14. u. 17. Oktober 2011, 19.30 Uhr; 9. Oktober 2011, 18 Uhr.

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