21.09.11

Peter Plate & AnNa R.

Burn-out ist Pop – Rosenstolz sind wieder da

Das genesene Berliner Duo Rosenstolz liefert mit "Wir sind am Leben" den Soundtrack zur neuen Volkskrankheit Burn-out – und eine Therapie dagegen.

Von Michael Pilz

Im Januar 2009 stand Peter Plate vor 12.000 Hamburgern in einer Mehrzweckhalle. Er sang "Irgendwo dazwischen", tänzelte und klatschte in die Hände. Plötzlich fühlte er sich unwohl bei der Arbeit. Panisch floh er von der Bühne, kehrte wieder und beendete das bisher letzte Gastspiel seines Duos Rosenstolz unter Beruhigungsmitteln. Am darauf folgenden Morgen im Hotel litt er an Weinkrämpfen. Der damals 42-Jährige verschwand aus dem Musikleben . Zwei Wochen später ließen Rosenstolz die Krankmeldung verbreiten: Wegen Burn-outs falle Peter Plate längerfristig aus, man bitte um Geduld und Nachsicht.

Nun sind Rosenstolz und Plate wieder da, mit einem neuen Album, das "Wir sind am Leben" heißt. Im "Stern" haben sie sich bereits ausführlich über den Zusammenbruch von Hamburg und die anschließende Leidenszeit geäußert. Über Wege aus der Lebenskrise und die Grenzen des modernen Leistungsmenschen. "Unser Erfolg war so groß, und ich fühlte mich so klein", erörtert Plate. 15 Jahre unterdrückten Lampenfiebers hätten ihn ereilt an jenem Abend wie ein Anfall und ihn ausgebrannt.

"Mein Leben im Aschenbecher"

Das Album erscheint auch als Tonspur zum Burn-out als Volkskrankheit, vom Ich zum Wir. Ein Lied von elf singt Peter Plate wieder selbst: "Nichts war mir zuviel. Ich stand als Erster im Ring. War der Letzte, der ging. Stell mich ins Licht. Mein Leben im Hochglanzformat. Das Leben bleibt lebenshart." "Mein Leben im Aschenbecher" heißt sein Phoenix-Schlager.

Jede Zeit hat ihre Lieder und ihr Leiden. Fußballer und Skispringer bekennen sich heute zum Burn-out. Fernsehköche legen Sendepausen ein. Politiker treten von innig angestrebten Staatsämtern zurück. Die Choreografin Sasha Waltz berichtet freimütig von Lähmungen durch fehlende Muße.

Bald schlimmer als Aids

Bestseller werden verfasst wie "Brief an mein Leben" von Miriam Meckel, in denen dem Arbeitssüchtigen zur Mäßigung geraten wird, sogar zu Freunden und Familie. "Der Spiegel" hat in diesem Jahr bereits zwei Titel zum Burn-out veröffentlicht, der "Focus" einen. Darin warnt die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, davor, dass Burn-out spätestens 2030 volkswirtschaftlich schrecklicher zu Buche schlagen werde als Herz-Kreislauf-Krankheiten und Aids.

So kühl und rücksichtslos es klingt: Burn-out ist Pop. Der Preis des Lifestyles und der Schatten, den der Zeitgeist wirft. Als Herbert Freudenberger, ein New Yorker Psychoanalytiker, das Krankheitsbild erfand, während der siebziger Jahre, scheiterten seine Versuchspersonen noch an ihren eigenen flammenden Visionen. Bei ihm hatten sich erschöpfte Hilfskräfte aus Krisengegenden gemeldet. Heute scheitern die Patienten an ihren Erfolgen.

Zwei Seelen als Kitschgroßhändler

Rosenstolz fingen vor 20 Jahren an als seltsames Berliner Kleinkunstpaar. Die heterosexuelle AnNa R. aus dem Berliner Osten und der homosexuelle Westler Peter Plate. Wer sie mit dem Etikett "Mondänpop" adelte, ist nicht mehr zu ermittelt. Bei Konzerten traf die Schwulenszene auf verträumte späte Mädchen. Rosenstolz und die einsame Masse. Vor fünf Jahren fanden sich dann 50.000 Menschen an drei Abenden in Folgen vor einer Berliner Freilichtbühne ein, Millionen kauften ihre Platten, weil zwei Künstler ihre Seelen offen legten. Rosenstolz wurden zu Kitschgroßhändlern .

Das Musikgeschäft hat sich verändert wie das Arbeitsleben überall. Musik wird zwar noch immer in behaglichen Kabinen aufgenommen. Aber Musiker leben längst weniger von ihren Aufnahmen als von ihrer Allgegenwart. Die Hallen werden größer, die Tourneen länger und die Medien vielfältiger. Peter Plate zog nach London in eine WG. Ein Keyboard nahm er mit, um seine Schuldgefühle, Selbstvorwürfe und Versagensängste ungestört in Lieder zu verwandeln.

"Ich warte auf Energie"

Er erkannte: "Ich kann Lieder schreiben, bin ansonsten aber ziemlich lebensuntüchtig." Und: "Handys haben einen Ausschaltknopf." Wieder zuhause unterzog sich Plate einem Coaching, wie sich Burn-out-Therapien gern nennen. Er nahm heitere Stücke auf wie "Überdosis Glück", bei dem die Musiker von Seeed zu hören sind, der Band des Sängers Peter Fox, der selber nur noch auftritt, wenn er Lust hat.

"E.N.E.R.G.I.E." heißt ein im neuen Überschwang vertontes Selbstcoaching bei Rosenstolz: "Ich schalt mich jetzt einfach aus. Und ich warte auf Energie. Ich bleibe stark und weiß auch wie." Burn-out hat medizinische Begriffe abgelöst wie Seeleninfarkt, Erschöpfungssyndrom und Anpassungsstörung. Man ist nicht zu weich für diese Welt und ihren Markt. Man hat sich nur zu sehr verausgabt. Man steht stärker wieder auf nach einer Inventur des eigenen Lebens. In der Burn-out-Industrie gilt das Comeback als Königsdisziplin.

Bärenkralle auf nackter Brust

"Hast du alles versucht, hast du alles getan, hast du wirklich gelebt?", fragt AnNa R. im Titelstück den Menschen des 21. Jahrhunderts. Dazu gibt es einen Film mit Katrin Sass, die ihren 70. Geburtstag feiert und sich nach dem 20. Jahrhundert sehnt. Ihre Familie sitzt im Garten an der Tafel. Eine Enkelin zeigt ihr, wie Rosenstolz heute auf einem Smartphone singen und wie Peter Plate dabei eine Bärenkralle auf der nackten Brust trägt. Und auf Facebook laden Rosenstolz zur Überlebensfeier ein. Mehr als 188.700 Personen gefällt das.

Rosenstolz: Wir sind am Leben (Island)

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