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06.09.11

"Hart aber fair"

Patchwork-Familien – Nur Verwaltung des Unglücks?

Dass ein Leben in Patchwork-Familien vor allem Schattenseiten hat, befand Autorin Melanie Mühl bei "Hart aber fair". Til Schweigers Ex-Frau Dana sah das anders.

dpa-tmn/DPA

Denn plötzlich gibt es im Leben des Kindes auf einmal zwei „Väter“ oder „Mütter". Viele Kinder sind dadurch sehr verunsichert.

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Irgendwie stimmt der Sendungstitel schon zu Beginn nachdenklich: "Meine, deine, unsere Kinder – wie verlogen ist das Patchwork-Glück?"

Augenblick mal. Man mag ja das Konzept der Patchwork-Familien, oder "das System, das zusammenlebt", wie es der Berliner Familientherapeut Robert Hagen zu Beginn umschreibt, unangemessen finden, ein geistiges Stiefkind der 68er-Bewegung. Aber warum nun unbedingt "verlogen"?

Der Schauspieler Ingo Naujoks befindet sich in so einer Lebenskonstellation. Mit zwei Frauen, den eigenen Kindern und denen seiner neuen Partnerin. Ihm sei in seinem ursprünglichen Lebenskonzept einfach irgendwann "glücklicherweise die Corinna dazwischen gekommen", und das klingt dann schon ein bisschen nach dem alten Sponti-Geist. Gleichzeitig klingt es aufrichtig.

Mit Hilfe Naujoks, der seine familiären Verstrickungen rührend mit Magnetstickern auf einer Tafel illustriert, wird schnell klar: Die Patchwork-Familie ist wohl eher eine mögliche Form des Umgangs mit dem Scheitern als Elternpaar, als ein hippes Selbstverwirklichungsprojekt. Für den Schauspieler hat sie denn auch eher "mit Verantwortung zu tun."

Die Journalistin und Autorin Melanie Mühl hat unter dem Titel "Die Patchwork-Lüge" eine Streitschrift herausgebracht , die vor allem die möglichen negativen Folgen von "Stief-Familien" für Kinderseelen unterstreicht:

"Kinder wünschen sich immer, dass die Eltern zusammenbleiben, die Trennung bleibt ein traumatisches Erlebnis." Die Autorin, selbst Scheidungskind, scheint dabei durchaus geneigt, die Qualität einer Paar-Beziehung dem "konservativen" Wunsch des Kindes nach Kontinuität unterzuordnen. Aber ist nicht genau dieses Vorspielen einer nicht realen heilen Welt das eigentlich Verlogene?

"Keine gute Grundlage groß zu werden, wenn die Eltern sich streiten"

Dieser Meinung ist zumindest Dana Schweiger, formell die Noch-Ehefrau von Schauspieler und Produzent Til Schweiger und Mutter vier gemeinsamer Kinder. Obwohl sich das Paar schon vor Jahren getrennt hat, fährt die Unternehmerin mit der neuen Partnerin ihres Mannes und den Kindern in den Urlaub, schwört auf die Mithilfe von Paartherapeuten und findet es viel schlimmer, "wenn ein Ehepaar zusammenbleibt und den Kindern eine ungesunde Beziehung vorlebt."

Das hat auch Moderator Dieter Thomas Heck in seiner Kindheit bei seinen Eltern als Belastung erlebt. "Es ist für Kinder keine gute Grundlage groß zu werden, wenn die Eltern sich streiten", sagt der Entertainer, dessen Teilnahme der Runde vor allem ein paar humoreske Momente beschert.

Ein Einspieler informiert schließlich darüber, dass selbst der amtierende Bundespräsident Christian Wulff ein familiärer Patchworker sei, und dass die katholische Kirche möglicherweise doch noch bereit sein könnte, sich mit der gesellschaftlichen Realität von Scheidungen und Neu-Verheiratungen bei ihren Schäfchen anzufreunden.

Das wirkt dann ein bisschen so, als würden jetzt eigentlich nur noch der WDR und der Papst ein bisschen am Phänomen des familiären Patchworking rummäkeln wollen.

Dankbar nimmt Moderator Frank Plasberg einen Satz Ingo Naujoks auf, der auch mit den Schattenseiten seines zusammengestrickten Familienlebens nicht hinter dem Berg hält: "Patchwork ist manchmal auch Verwaltung des Elends."

Von Dieter Thomas Heck, dessen Einlassungen oft mit dem Vorsatz "Scherz beiseite" beginnen, erfahren wir en passant, dass er seine erste Ehe "wie Niki Lauda aus einem brennenden Auto" verlassen habe, um sich flugs in ein neues zu setzen.

"Bei Ulrike schmeckt die Pizza besser!"

In einem weiteren Einspieler werden jetzt Nachteile beleuchtet. Was schließlich in der Horrorvorstellung gipfelt, das eigene Kind könne nach einem Wochenende bei der Zweitfamilie mit folgenden Worten an den mütterlichen Abendbrottisch zurückkehren: "Bei Ulrike schmeckt die Pizza besser!"

Doch für die eloquent auftretende Dana Schweiger sind das eher piefige und oberflächliche Bilder, die der modernen Lebenswirklichkeit nicht gerecht werden. Die Frauen sollten sich einfach "mal kennenlernen." Und überhaupt, der Familientherapeut könne bei solchen Problemen helfen. In den USA sei das eben normaler, dass man sich eben auch helfen lassen wollte. Man müsse einfach lernen, auch seinem Ex-Partner sagen zu können: "Du hast das Recht glücklich zu sein."

"Eine Scheidung lässt sich nicht wegorganisieren", wirft Autorin Melanie Mühl einmal ein, und hat damit natürlich recht. Nur bleibt hier unklar, wer das jemals ernsthaft behauptet hätte.

Und dass die "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" wankelmütiger sei, und die Menschen dazu verleite, ihre Beziehungen zu schnell aufzugeben, das kann auch der Familientherapeut Robert Hagen aus seiner Praxis nicht bestätigen: Die Leute trennten sich heute keineswegs leichtfertiger als früher, nur "müsse man das Unglück erst einmal erkennen, dann kann man etwas ändern."

Gegen Ende ist es dann ausgerechnet ein Einspieler, der zum Höhe- und Wendepunkt der Sendung wird:

Teenager Tim unterhält sich mit seinem Vater über den Videotelefonie-Dienst "Skype". Vier Jahre ist die Scheidung jetzt her, und Tims Vater lebt mit neuer Frau und einem Töchterchen in Österreich. Schnell kommt das Thema auf Tims baldigen Geburtstag.

"Feierst du?", fragt ihn der Vater. "Ich feiere meinen Geburtstag schon seit drei Jahren nicht mehr", sagt Tim. Wie eine Trophäe hält der Vater die kleine Halbschwester von Tim in die die Kamera. "Warum? Das wusste ich gar nicht", sagt er. "Jetzt weißt du es ja", sagt Tim.

Der Moment ist umwoben von Sekunden der Sprachlosigkeit, die berühren: die kindliche Verletztheit. Die Wut auf den Vater, der ihn verlassen hat. Die Kälte, die zwischen ihnen entstanden ist. All das scheint sich in Tims Gesicht zu manifestieren.

Aber man sieht auch die Hilflosigkeit des Vaters. Ist es "verlogen", wenn er weiter an einem Patchwork strickt, das ihm seinen Sohn wieder näher bringen soll? Und wenn man ihm dabei auch den unkonventionellen Mut von Eltern wie Ingo Naujoks oder Dana Schweiger wünscht?

Als die Kameras nach dem Einspieler wieder die Studiokulisse freigeben, erzählt Moderator Frank Plasberg von einem sehr "stillen" Moment mit seinen Gästen. Jetzt könnte man wirklich reden.

Aber da wartet bei den Tagesthemen auch schon die nächste "Patchwork-Familie", die sich besser schnellstens zusammenraufen sollte: Europa.

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