Zahi Hawass
Der Nofretete-Jäger muss seinen Hut nehmen
Immer wieder forderte er die Herausgabe der Nofrete: Zahi Hawass, Minister für die Altertümer am Nil, ist auch in Berlin kein Unbekannter. Nun verliert der Provokateur und Überlebenskünstler sein Amt. Sein designierter Nachfolger löst einen Proteststurm aus.
Von Berthold Seewald
Als Herr über alle Ausgrabungsstätten im Nilland gilt er als einer der einflussreichsten Archäologen der Welt. Gern droht er damit, Grabungslizenzen zu entziehen.
Dass die Archäologie am Ende des zweiten Jahrtausends zu einer globalen Leitwissenschaft aufsteigen konnte, verdankt sie nicht zuletzt Männern mit Hut. Da ist zum einen Indiana Jones zu nennen, der für seinen Schlapphut auch mal in die tosende See springt. In die Reihe gehört auch der mittlerweile verstorbene Ausgräber Trojas, Manfred Korfmann. Und natürlich Zahi Hawass, bis Anfang der Woche allmächtiger Herr über die ägyptische Antikenverwaltung, der sich als gereifte Inkarnation von Indiana Jones bis in den letzten Winkel des Planeten zu inszenieren wusste.
Wo ein Hut im Spiel ist, ist der Kalauer vom "ihn nehmen" nicht weit. Nach diversen Kabinettsumbildungen, deren Ergebnisse den meisten Ägyptern kaum erinnerlich sind, hat jetzt auch Zahi Hawass seinen Posten als Minister für die Altertümer des Nillandes verloren. Ob die vierzehn neuen Minister, die Premier Essam Scharaf in seine Übergangsregierung berief, allerdings die Lücke ausfüllen können, die Hawass hinterlässt, darf bezweifelt werden. Nicht nur, dass er – nach Ex-Präsident Mubarak – sicherlich der bekannteste Politiker des Landes war. Er war auch der unterhaltsamste.
Sein Wahnsinn hatte Methode
Wenn er einen bösen Brief nach New York schickte, weil sich die Stadt zuwenig um einen Obelisken im Central Park kümmerte, wenn er Autoren verklagte, weil sie am Bau der Pyramiden Sklavenvölker am Werk sahen oder wenn er den Berliner Senat und die Preußenstiftung in Aufregung versetzte, weil er wieder einmal die Herausgabe der Nofretete verlangte – Zahi Hawass verstand das internationale Medienspiel. Kein noch so unbedeutendes Beamtengrab wurde ohne sein Konterfei samt Schlapphut der Presse vorgestellt, kein noch so waghalsiges Projekt – wie das gemeinsame Grab von Kleopatra und Marc Anton – blieb unbeschrieben.
Doch was wie Wahnsinn schien, hatte Methode. Ägyptens Altertümer, seit den Tagen des Franzosen Auguste Mariette (1821-1881) professionell betreut, erstrahlten unter Hawass im hellsten Licht, das die Schatten des Regimes leicht überstrahlte. Entsprechend steil war die Karriere ihres heute 64 Jahre alten Hüters: Vom Ägyptologie-Professor in Kairo über den Unterstaatssekretär für die Denkmäler Gizehs zum Generalsekretär der Antikenverwaltung und – Ende Januar 2011 – Minister für Altertümer.
Schadenfreude ist nicht angebracht
Nachdem er den Posten wegen zu offensichtlicher Nähe zum alten Regime Mitte März bereits einmal verloren hatte , präsentierte er sich umgehend als sein Nachfolger. Bis zu dieser Woche. Wie es heißt, soll Hawass wutschnaubend sein Büro geräumt und sich ganz der Forschung verschrieben haben.
Schadenfreude ist nicht angebracht. Über alle rhetorischen Eskapaden hinweg stand Hawass’ Sachverstand auch international nie zur Debatte. Seine anti-israelischen Ausfälle schienen eher innenpolitischem Kalkül zu folgen als ideologischer Überzeugung. Sie aber bescherten ihm Handlungsfreiheit, um mit den zahlreichen internationalen Grabungsteams professionellen Umgang zu pflegen. Beobachter deuten selbst das regelmäßige Nofretete-Lamento in dieser Richtung.
Denn dass dieses nun verstummt, ist keineswegs ausgemacht. Hawass’ designierter Nachfolger Abdulfattah Al-Banna gilt als derart unbedarft, dass die Proteste ägyptischer Forscher gegen seine Ernennung bereits zur Verschiebung der ganzen Vereidigungszeremonie führten. "Weitere Beratungen" seien notwendig, heißt es. Schon wird die Forderung laut, das Ministeramt zu streichen und Hawass die Leitung der Antikenverwaltung zu belassen. Dass sein derart diskreditierter Nachfolger künftig auf den populistischen Ruf nach Rückgaben von Kunstschätzen verzichten wird, darf zumindest bezweifelt werden.
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