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06.06.11

Konzert

Grönemeyer feiert in Berlin maritime Volksmesse

50.000 Fans kamen am Sonntag ins Berliner Olympiastadion, um gemeinsam mit Herbert Grönemeyer aus vollen Kehlen zu singen. Unermüdlich segelte der Sänger dabei durch sein Lebenswerk.

© dpa/DPA
Herbert Grönemeyer gibt Konzert im Olympiastadion
Herbert Grönemeyer ist Profi durch und durch

Es ist 20.15 Uhr am Sonntag und der amtliche Beginn der deutschen Abendunterhaltung. Es ist 20.15 Uhr, als man im Berliner Olympiastadion eine Opernarie hört und Nebelhörner, und als Herbert Grönemeyer fünffach auf fünf Bildschirmen im Ölzeug in die Runde blickt. Den leibhaftigen Grönemeyer sieht man nicht, aber er singt: "Ich will mehr Schiffsverkehr!"

Die Gäste auf den Rängen recken hektisch ihre Hälse. Zeigefinger stochern in der Abendluft, da ist er: Eine winzige Gestalt im grauen Sakko stürmt in roten Turnschuhen über die Wimmel-Bühne. Grönemeyers Ankunft wird gefeiert wie ein Himmelswunder. Seit drei Monaten, seit seinem Album "Schiffsverkehr", rätselt die Menschheit, warum sich der Sänger mehr Dampfer, Kutter und Fregatten wünscht. Er hat erklärt, es gehe darum, die Vergangenheit zu überwinden, um sich selbst zu finden.

Es war nie ganz leicht, ihn zu verstehen. Allerdings hat sich auch nie jemand bei ihm über seine verwirrenden Sprachbilder und seine Angewohnheit, sie als undeutliche Stoßgebete vorzutragen, beklagt. Volksnähe durch Unverständlichkeit, "Was soll das?" als Programm: Das wird gefeiert als das Herberthafte.

"HRBRT" steht mit Klebeband hinter der Band. Fünf Bühnenmasten tragen die fünf Videotafeln. Und weil Grönemeyer auf den digitalen Leinwänden erscheint wie Leutnant Werner, den er vor 30 Jahren im Film "Das Boot" verkörpert hat, und weil er über die Seefahrt singt, erkennt man, dass er sinnbildlich die Segel setzt. Die Bühne ist seine Kommandobrücke und sein Sonnendeck. Mit weitläufigen Stegen für den Landgang vor der Menge. Unter Stehlampen spielt seine umfangreiche Bordkapelle. Davor liegt der abgedeckte Fußballrasen mit den winkenden und wie ein Meer wogenden Besuchern. Beleuchtete Chemietoiletten ragen daraus auf wie blaue Rettungsboote. Selbstverständlich ist ein solches Stadion zu groß für ein Konzert, sogar für Herbert Grönemeyer, 50.000 Menschen und alternative Nationalhymnen wie "Mensch". Aber das muss so sein. Es geht darum, wie klein der Mensch ist und wie unbegreiflich seine Existenz. Darum setzt er sich gern an Strände und starrt auf die See hinaus.

Man hat sich nie gewundert, woher Grönemeyers maritime Sehnsucht kam, man spürte sie ja auch. Der Deutsche sang davon, von Freddy über Lindenberg bis Rammstein. Als schwämme im Meer der Sinn des Lebens. Grönemeyer knödelt "Tief im Westen", über seine Heimat Bochum, und die Schiffsmasten beginnen giftig rot zu qualmen wie Fabrikschlote im Ruhrgebiet während des Wirtschaftswunders. "Hast du ein Herz, auf Kaperfahrt zu gehen? Dich zu kümmern, ohne Land zu sehen?", singt er in "Kreuz meinen Weg". "Wir sitzen alle in einem Boot", heißt es in "Stück vom Himmel", wo sich Boot auf Gott reimt. Als er "Männer" anstimmt, schwankt er wie ein trunkener Fischer. Leuchtturmstrahlen kreisen durch die Stadionlandschaft bei "Zum Meer". Und pünktlich vor "Land unter" wechselt Grönemeyer das durchnässte schwarze T-Shirt mit dem roten Stern und setzt den Abend im gestreiften Hemd wie ein schwermütiger Leichtmatrose fort.

Wer von unergründlichen Gewässern singt, bewahrt Geheimnisse und weiß, dass Rockstars auch nichts anderes sind als Prediger. Sie spenden Trost, sie laden ein zur Messe. Herbert Grönemeyer war nie so profan wie Peter Maffay und so massenscheu wie Marius Müller-Westernhagen. Deshalb steht er im Berliner Olympiastadion als Deutschrock-Papst. Man muss die Botschaften, die Poesie und seinen Auftritt nicht komplett kapieren. Man muss ihn nur lieben. Niemand fragt sich, was er einem sagen will, wenn er im Bühnenvideo zu "Alkohol" seinen gesunden Schlaf zeigt. Wenn er "Flugzeuge im Bauch" vorträgt und man ein obdachloses Mädchen sieht, das sich als Primaballerina auf die Straße stellt. "Ich habe Gummibärchen unterm Schuh", ruft Grönemeyer fassungslos, klaubt das Beweisstück von der Sohle und hält es den Kameras und Zuschauern wie ein Zeichen entgegen.

Andererseits: Er mag die Menschen und die Masse und sich selbst. Als Bochumer und Wahlberliner freut sich Grönemeyer über Hertha BSC. Er tadelt die Regierung für den Krieg am Hindukusch. Er scherzt über seine Frisur. Und seine Tanzfiguren wirken noch nach mehr als 30 Bühnenjahren als vertrauensbildende Maßnahmen. Er dreht sich unbeholfen auf dem rechten Bein, stampft mit dem linken Bein im Kreis und klatscht mit steifen Armen in der Luft neben dem Takt. Oder er schlägt die Hacken zusammen und breitet die Arme wie zum Sinkflug. Er schaut sprachlos auf sein Menschenmeer, und man weiß nicht, was ihm über die Wangen rinnt, der Bühnenschweiß oder die Rührung.

Manchmal schreit er aufrichtig vor Glück. Es herrscht eine Akustik wie im Trockendock: Des Sängers Stimme bricht sich an den Stadionwänden, es entstehen seltsame Effekte. Auch die 50.000-kehligen Chorgesänge überlagern sich zum merkwürdigen Kanon. "Zeit, dass sich was dreht" hallt hin und her, und was auch immer sich noch drehen soll an diesem Herbertabend unter dem dramatisch flackernden Gewitterhimmel: Unermüdlich segelt Herbert Grönemeyer durch sein Lebenswerk. Und erst um 23 Uhr geht er wieder vor Anker, als das deutsche Ordnungsamt ihn und sein Volk zur Nachtruhe ermahnt.

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