17.05.11

Cannes 2011

Mystische Version der Genesis mit Brad Pitt

Regisseur Terence Malick stellt in Cannes seinen lang ersehnten "Tree of Life" mit Brad Pitt vor. Gegenentwurf ist Andreas Dresens Drama "Halt auf freier Strecke"

Quelle: Reuters
17.05.11 0:50 min.
Mit Spannung wurde der neue Film mit Brad Pitt in Cannes erwartet.

Es gibt Momente, in denen jeder weiß, dass jetzt Geschichte geschrieben wird. Etwa den Mauerfall. Im Kino ist das nicht so einfach. Aber wann immer ein neuer Film von Terrence Malick das Licht des Projektors erblickt, stehen die Geschichtsschreiber Griffel bei Fuß.

Am Montag in Cannes war es wieder soweit. "The Tree of Life", Malicks fünfter Film in 38 Jahren, wurde uraufgeführt, und keiner soll behaupten, der Amerikaner habe sich zu wenig vorgenommen: Seine Palette reicht vom Urknall über die Saurier bis zu Brad Pitt. Sean Penn nicht zu vergessen.

Amerika in den Fünfzigerjahren

Man könnte sagen, bei dem Film handle es sich um die Erinnerungen des erwachsenen Sean Penn an seine Kindheit in den grünen Vororten der amerikanischen Fünfzigerjahre, an seinen Vater (Brad Pitt), seine Mutter (Jessica Chastain) und die beiden Brüder.

Das ließe sich behaupten, und es wäre auch nicht falsch, aber man hätte trotzdem keine Ahnung vom "Tree of Life". Die Wurzeln dieses Baumes sind schon in Malicks letztem Film "The New World" zu entdecken, der eigentlich von der Besiedlung Nordamerikas durch die Engländer und von der Indianerprinzessin Pocahontas handelte.

Der faszinierendste Teil war schon damals die beinahe menschenleere erste halbe Stunde: Schiffe, die sich einen unberührten Fluss hochtasten. Sonne, in Wellen reflektiert. Wind, der übers Schilf streicht.

Bombardement aus Naturaufnahmen

Diese Naturmystik schwappt nun mit elementarer Gewalt von der Leinwand. Penns jüngerer Bruder stirbt früh, die Mutter ruft in ihrer Verzweiflung Gott um den Sinn des Lebens an – und Terrence Malick antwortet mit einem Zitat aus dem Buch des Hiob und der vollstmöglichen Wucht des Filmemachens.

Sein Schlüssel ist das Gegensatzpaar der (grausamen) Natur und der (göttlichen) Gnade. Zuerst bombardiert uns Malick gefühlte zehn Minuten lang mit Bildern von der Entstehung der Erde, aber nicht im Stil des "In sieben Tagen erschuf Gott"-Bibelfilms, sondern strikt nach Wissenschaftslehre: Urknall , Farbschlieren ferner Galaxien, Mikroben unterm Mikroskop, die Wellen der Ozeane, das kahl erkaltete Gestein, dann Wälder und Flüsse.

Aus dem Hintergrund wallt Musik von Tavener über Smetana bis zu den Mönchen von Athos. Die Computeranimateure werden sparsam in Anspruch genommen, Malick montiert – soweit möglich – echte Naturaufnahmen.

Was für Jungs wirklich zählt

Dann, müssen die Techniker doch ran: Ein geschwächter Saurier liegt im Bachbett, ein Artgenosse trabt heran, setzt ihm den Fuß auf den Kopf – und verschont ihn. Nicht die Natur hat gesiegt, sondern die Gnade.

Während Malicks Schöpfungsgeschichte eher sinnbetäubend wirkt, beginnt etwas wirklich Atemberaubendes, sobald er in Brad Pitts Fünfzigerjahrefamilie ankommt. Er erzählt, wie gesagt, aus der Erinnerung von Sean Penn, aber so, wie Erinnerung wirklich funktioniert: in Fetzen und Fragmenten.

Es gibt keine durcherzählten Ereignisse, einzig Impressionen, Tupfer, Berührungen. Das, was für Jungs wirklich zählt, jede nutzlose, laute, potenziell zerstörerische Betätigung. Das Stelzengehen auf Blechbüchsen wird wichtiger als der Verlust des Arbeitsplatzes des Vaters.

Der Vater fordert: keine Gnade

Existenziell wird es für Jack, so heißt Penn im Film, wenn der Vater ("Don't call me Dad, call me Father!") sich seiner annimmt. Ein Vater, der hinkniet und seinen kleinen Sohn auffordert, ihm ins Gesicht zu boxen, "denn du sollst nicht allzu nett sein zu den Leuten".

Keine Gnade, mit anderen Worten, und obwohl Jack den Vater dafür hasst, muss er feststellen, dass er sich seinem kleinen Bruder gegenüber ähnlich verhält. Dies ist nur eine von auffallend vielen Vater- oder Mutter-Sohn-Geschichten dieses Jahr in Cannes, von "We Must Talk about Kevin" am ersten Wettbewerbstag an.

In "Le Gamin au Vélo" der Brüder Dardenne steckt ein Vater seinen Sohn "für einen Monat" in ein Heim, und als der Zwölfjährige nach dem Monat auf die Suche nach ihm geht, will sein Erzeuger nichts mehr von ihm wissen; so traurig das klingt, es ist der erste Film der zweifachen Goldene-Palme-Gewinner, der optimistisch endet.

Von kaputten Vater-Sohn-Beziehungen

Es gibt in Markus Schleinzers Debüt "Michael" das Verhältnis zwischen dem zehnjährigen Wolfgang und dem 35-jährigen Michael, der den Jungen in seinem Keller gefangen hält und missbraucht; eine extreme Perversion der Vater-Sohn-Beziehung als Studie der Banalität des Bösen im kühlen österreichischen Draufschaustil.

"Michael" ist einer von mehreren Cannes-Filmen, der an die Substanz des Zuschauers geht, nicht weil er besonders explizit wäre, sondern wegen der moralischen Teilnahmslosigkeit, mit der Schleinzer erzählt; nicht das Opfer ist seine Hauptfigur, sondern der Täter, dem auch der Filmtitel gehört.

Auch Andreas Dresen bewegt sich an den Grenzen des Verdaubaren – und hat mehr mit Terrence Malick gemeinsam, als man vermuten würde. Zunächst ist sein hyperrealistischer "Halt auf freier Strecke" der pure Gegenentwurf zu Malicks bombastischem "Tree of Life".

Lebenserfahrene Frau sorgt für Seelenfrieden

Aber bei beiden geht es massiv um den Sinn des Lebens: Milan Peschel erfährt in "Halt", dass ihn ein Gehirntumor binnen weniger Monate umbringen wird, und Dresen schildert diese Monate im Detail, bis zum letzten Atemzug.

Das Wort "Gott" fällt bei dem DDR-Kind Dresen nicht. Peschel sucht geistlichen Beistand auf, bekommt außer Phrasen aber nicht viel mit auf die letzten Meter Lebensweg. Peschels Filmfrau Steffi Kühnert ruft nicht Gott um Beistand an, sondern soziale Dienste, und so kommt bei Dresen tatsächlich eine Art Erlösergestalt ins frisch bezogene Eigenheim.

Es ist eine von diesen unglaublich praktischen, hoch lebenserfahrenen Frauen, wie sie die DDR auch hervorgebracht hat, und sie sorgt dafür, dass es einen Frieden der Seelen gibt. Auch dies, im Übrigen, eine Vater-Sohn-Geschichte, eine doppelte sogar, denn Peschels Figur hat einen kleinen Sohn – und einen Vater, der es nicht über sich bringt, zum letzten Weihnachtsfest zu erscheinen.

"Halt auf freier Strecke" – Dresens reifstes Werk

Man wundert sich, warum Dresen mit seinem bisher besten Film nur in der zweitwichtigsten Reihe landete, in "Un Certain Regard" . Man wundert sich des Weiteren, weshalb ein anderer Krebsfilm, Gus van Sants "Restless", in dem die elfenhafte Mia Wasikowska einen durch die erste Liebe versüßten und durch dauernde Musiksoße verkitschten Tod stirbt, den "Regard" eröffnen durfte.

Und man wundert sich schließlich, warum mit der späten Einladung an Dresen zwei andere deutsche Filme plötzlich aus der "Regard"-Endauswahl fielen. Ihre französischen Plakate waren schon entworfen.

Der "Halt auf freier Strecke" ist jedenfalls das bisher reifste Werk des Dresen-Stils, der als realistisch beschrieben wird, dessen Kunst aber darin besteht, immer ein kleines Bisschen neben der Realität zu stehen.

Dresen erweist seinen Figuren eine Gnade

Den allerletzten Satz, bevor die Leinwand dunkel wird, spricht Milan Peschels turmspringende Filmtochter. Gerade ist ihr Vater entschlafen, da sagt sie: "Ich muss jetzt zum Training." Das würde, aus Trauer und Pietät, wohl kaum jemand am Totenbett äußern, aber hier geht es um ihr Weiterleben, das in diesem Moment beginnt, und deshalb ist dieser Filmsatz goldrichtig.

Dresen erweist seinen Figuren die Gnade, dass sie – wahrscheinlich – wieder ein erfülltes Leben werden aufnehmen können. Malick postuliert, man müsse gnädig sein, und versucht, seine These in einer gigantischen Versöhnungsarie über Zeiten und Generationen hinweg zu illustrieren. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass Sean Penn eine verlorene Seele bleiben wird.

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