15.05.11

"Fluch der Karibik" 4

Johnny Depp bekommt einen Doppelgänger

Der "Fluch der Karibik", Teil 4, läutet den Blockbuster-Sommer ein. Die Ablösung von Regisseur Verbinski durch Rob Marshall tut dem Film gut. Und Johnny Depp sucht als Kapitän Jack Sparrow den Jungbrunnen.

Von Hanns-Georg Rodek
Foto: Disney

Im vierten Teil von "Fluch der Karibik" wird Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) immer mehr zur Nebenfigur. Dabei soll Johnny Depp mit 55 Millionen Dollar Honorar ...

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Der Raum, wo sich im Festivalpalast von Cannes Stars den Pressefragen stellen, fasst maximal 200 Menschen. Als sich dort am Samstag Johnny Depp, Penélope Cruz und andere Piraten der Karibik nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen die Häscher der englischen Krone einfanden, wurde der Saal von 200 weiteren, abgewiesenen Medienvertretern belagert. Zur gleichen Zeit versammelten sich ganz nahe, im Debussy-Kino, tausend Menschen, Zeugen eines anderen, vergeblichen Kampfes gegen die Staatsmacht.

Mit "Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten" eröffnet Hollywood seine Sommer-Blockbustersaison, und weil die Buchhaltung klare Zahlen lieferte – von den 2,7 Milliarden Dollar, die eins bis drei einbrachten, wurden zwei Drittel jenseits Nordamerikas erbeutet –, war der Hafen von Cannes ideal für den Stapellauf.

Das Piratenschiff brauchte eine Generalüberholung. In drei Folgen hatten sich so viele Figuren mit und ohne Bart, geheimnisvolle Karten und Medaillons sowie schurkische Komplotte angesammelt, dass selbst Johnny Depp beim Filmen keine Ahnung mehr hatte, worum es ging. So gingen die Autoren Ted Elliott und Terry Rossio, wie Edmund Stoiber bei der Antibürokratie-Kommission der EU, an die Lichtung des Dickichts.

Anders als in Brüssel sind in der Karibik Resultate klar festzustellen. Zwei Hauptfiguren, Keira Knightley und Orlando Bloom, wurden einfach außer Dienst gestellt, Geoffrey Rushs Captain Barbossa als Hauptfigur reaktiviert und, ohne Erklärung, mit einem Holzbein ausgestattet. Des Weiteren wurde ein Jack Sparrow-Doppelgänger erfunden, der sich schnell als seine alte Hassliebe Angélica (Penélope Cruz) herausstellt.

Die Autoren haben sich erneut Ablenkungen zuhauf ausgedacht, aber zum Verständnis genügt, dass diesmal der Jungbrunnen gesucht wird, auf den drei Parteien vorrücken, nämlich Captain Blackbeard (inklusive Sparrow) auf eigene Rechnung, Barbossa für den englischen König und eine Fregatte im Dienste des Königs von Spanien.

Mit dabei: Verführerische Meerjungfrauen

Dabei geraten alle in dschungelige Gefilde, und man will sich gar nicht ausmalen, welche Mühen das Dorthinschleppen der schweren 3D-Ausrüstung gekostet haben mag. Natürlich wird der Jungbrunnen gefunden, und so beschränkt sich die Spannung weitgehend auf die Frage, wer für einen fünften Ausflug übrig bleibt (obwohl: Barbossa war am Ende von Teil eins auch schon mal tot). Der Brunnen wird zerstört, und zu denen, die ein paar Schluck mehr daraus hätten trinken sollen, gehört dieser Film.

Nr. 4 hat eine Innovation zu bieten, genresprengend wie die Zombies in Nr. 1, und das sind Meerjungfrauen; verführerisch wie die Loreley, zerstörerisch wie Piranhas. In ihren paar Auftrittsminuten kippt die YoHo-Piratenstimmung in Horror. Ansonsten tut dem vierten Teil die Ablösung von Stammregisseur Gore Verbinski durch Rob Marshall gut.

Mit dem gelernten Choreografen erinnert sich die Serie daran, wem sie ihren Erfolg zu danken hat: dem tänzelnden Johnny Depp. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen, wie er während einer Verfolgungsjagd leichtfüßig die Verkehrsmittel wechselt. Depp weiß, was er wert ist; allein, um seine Gage zu bezahlen, müssen, bei einem Eintrittspreis von zehn Euro, 2,5 Millionen Deutsche ins Kino gehen.

Anklage des iranischen Regimes

Drei Gehminuten entfernt standen zu gleicher Zeit ganz Andere auf der Bühne: die Produzentin und die Hauptdarstellerin des Films "Bé omid é didar" (Auf Wiedersehen), sowie die Ehefrau des Regisseurs. Mohammad Rasoulof selbst war abwesend, er darf den Iran nicht verlassen, weil er wie sein Kollege Jafar Panahi zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt worden ist.

Rasoulof und Panahi warten seit Monaten auf das Ergebnis ihrer Berufung, und eigentlich würde man ihnen raten, den Kopf niedrig zu halten. Doch nun sind beider neue Filme in Cannes (Panahis am Donnerstag), und Rasoulofs Werk ist eine einzige Anklage gegen die Verhältnisse in seinem Land – leise und gerade dadurch desto verheerender.

Der ständige Begleiter seiner Hauptfigur, einer Menschenrechtsanwältin, ist das Dunkel. Selten haben die Schatten eine Protagonistin im Kino so sehr eingehüllt. Ihr Mann, ein Journalist, ist untergetaucht, auch sie lebt am Rande des sanktionierten Raumes. Offiziell bekommt sie keinen Pass mehr, ohne Mann ist sie Gängelungen durch die Gesetze ausgesetzt, und die Polizisten, die ihre Wohnung durchsuchen, sind ein letztes Warnzeichen.

"Wenn man sich in seinem eigenen Land als Fremder fühlt, kann man genauso gut ein Fremder in einem fremden Land sein – aber frei", sagt sie einem der letzten Vertrauten. Es geht in "Auf Wiedersehen", wie im Berlinale-Gewinner "Nader und Simin: eine Trennung", um das große Dilemma in dem krisengeschüttelten Land, Bleiben oder Gehen. Aber eigentlich ist die Frage bei Rasoulof schon entschieden.

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