13.03.11

Deutschen Oper

Tristan und Isolde als Wohnzimmer-Tragödie

Graham Vick inszeniert Tristan und Isolde als Tragödie im Wohnzimmer. Morgenpost Online-Redakteur Volker Blech hat den Briten getroffen.

Von Volker Blech
Foto: Dt Oper

... als Tragödie im Wohnzimmer.

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Donald Runnicles ist, das gilt es einmal festzuhalten, der neue Patriarch der Deutschen Oper. Damit ist der britische Dirigent, jenseits aller Chefwechsel im letzten Jahrzehnt, der erste wirkliche Nachfolger des großen Regie-Intendanten Götz Friedrich. Beim Orchester hatte sich Runnicles vor Jahren sein Renommee als Wagner-Spezialist in Friedrichs legendärer "Ring"-Deutung, die Götter im Zeittunnel, verdient. Bald darauf wurde er ihr Generalmusikdirektor. Am heutigen Sonntag findet in der Deutschen Oper Runnicles erste Wagner-Premiere statt, womit er zugleich eine alte Inszenierung seines Vorgängers aus dem Repertoire entfernt. Für die Neudeutung von "Tristan und Isolde" hat er seinen Landsmann Graham Vick verpflichtet, von dem er schon seit Jahren regelmäßig öffentlich schwärmt und an sein neues Haus binden wollte. Runnicles und Vick haben vor einigen Jahren in San Francisco Wagners "Tannhäuser" gemacht.

Sein Operndebüt war ein Fiasko

Zwischen zwei Proben findet das Treffen mit Graham Vick in der Kantine der Deutschen Oper statt – der Regisseur lobt den Dirigenten Runnicles und spricht von Freundschaft. Zum ersten Eindruck im Gespräch gehört auch, dass die Beiden nicht nur äußerlich gewisse Ähnlichkeiten haben, sondern offenbar auch den gleichen Humor, ähnliche Ansichten über Musik und eine freundlich bedächtige Attitüde des Umgangs. Wobei der gebürtige Liverpooler auch abwehrend mit dem Kopf schütteln kann. Beispielsweise wenn er über seine erste Inszenierung an der Deutschen Oper reden soll. Die liegt ziemlich genau 20 Jahre zurück und war ein Fiasko. Verdis "Otello" staffierte er mit so viel blutgetränkter Düsternis aus, dass ihn das Publikum am Ende ausbuhte. Wohingegen der damalige Premierendirigent Giuseppe Sinopoli frenetisch gefeiert wurde. Aber Vick hätte machen können, was er will, er wäre zwischen die Fronten geraten. Beinahe-Chefdirigent Sinopoli und Hausherr Götz Friedrich, zwei Alpha-Tiere der Opernwelt, hatten ihre Lobbys in Stellung gebracht. Möglicherweise war Vick das Opfer, zumal der Regisseur, damals ein Enddreißiger, die Hauscrew mit seinen technischen Anforderungen gehörig auf Trab hielt. Was manchem nicht gefiel.

Über das Haus damals und heute will Vick nichts sagen, generell beantworte er, der Gastregisseur, keine Fragen zum Opernbetrieb: "Das Leben hinter der Bühne ist Sache des Theaters", sagt er, "ich bin zuständig für das Leben auf der Bühne." Und was die Buhs angeht, so Vick: "Ich verbringe mein Leben auf der Bühne. Irgendwann sind die Produktionen fertig. Manchmal gibt es dafür Buhs, manchmal Bravos. In jedem Fall sage ich vielen Dank, gehe nach Hause und mache am nächsten Tag weiter." Im deutschsprachigen Raum war er seither selten anzutreffen: 2001 hatte er "Die Trojaner" in München, vier Jahre später "Die Zauberflöte" in Salzburg gezeigt. Ansonsten war Vick, der einige Jahre auch Intendant des Glyndebourne Festivals war, rund um die Welt zu erleben.

Die Berliner Geschichte von damals muss zu Ende erzählt werden: Opernpatriarch Götz Friedrich starb im Dezember 2000, vier Monate später erlitt sein früherer Kontrahent Giuseppe Sinopoli, der als Versöhnungsgeste eine "Aida"-Vorstellung in Charlottenburg dirigierte, am Pult einen Herzinfarkt und verstarb. Es war der tragische Schlusspunkt einer großen Ära. Die Regiearbeiten von Götz Friedrich, zumal sein Wagner, werden seither wie Ikonen im Repertoire gepflegt. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn hinter den Kulissen wird – mit Blick auf das Wagner-Jubiläum 2013 – zu Recht darüber nachgedacht, Friedrichs Inszenierungen durch moderne Sichtweisen zu ersetzen.

Nun betritt Graham Vick aufs Neue die Arena: Gemeinsam mit Donald Runnicles will er eine der wichtigsten Erfolgsinszenierungen von Götz Friedrich vergessen machen. Dessen archaischer "Tristan" hatte bereits 1980 seine Premiere, ein Longseller. Aber auch über diese "Tristan"-Ablösung gibt sich Vick eher schmallippig. Das sei ihm an der Mailänder Scala, wo Giorgio Strehler große Sachen hinterlassen hatte, auch so ergangen. "Meine Arbeiten sind schwere Geburten", sagt der Regisseur. An Götz Friedrich kann er sich gut erinnern: "Er war einfach, sehr menschlich und zugleich heroisch. Er identifizierte sich komplett mit der Bühne."

Über die Aktualisierung von Opern will Vick nicht weiter nachdenken. "Wir leben heute", sagt er: "Und wenn ich etwas mache, dann mach ich das heute. Ich bin heute aufgestanden, habe heute gefrühstückt und bin heute 57 Jahre alt. Deshalb muss ich nicht versuchen, ,Tristan' ins Heute zu übersetzen. Meine Sicht ist das Heute."

Diese Sichtweise im Jetzt, zwischen modischer Provokation und Gefälligkeit, mag typisch sein für die Generation umherreisender Regisseure. Die vorherige Generation, die zumeist fest auf Intendanten-Sesseln thronte, dachte mehr daran, ihre Stücke lange Jahre im Repertoire mitführen zu können. Zweifellos ist die Oper schnelllebiger, wechselhafter geworden. Und weit weniger prüde. Sehr nackt wird es jetzt bei der Premiere auf großer Bühne zugehen. Die Oper "Tristan und Isolde" ist für Vick "der Höhepunkt der sexuellen Leidenschaft und zugleich die Tragödie. Es ist eine Art Orgasmus, der nicht zur Befriedigung führt, sondern nur Schmerz bringt." Die Szene ist ein gutbürgerliches Wohnzimmer, darin erinnern nackte Statisten als Traumbilder an vergangene Leidenschaften. Das wird manch einen im Publikum verstören. Nacktheit ist auf der Opernbühne, anders als im Film oder im Theater, noch lange keine Normalität.

Wagner lieben und hassen

Mit dem sehr deutschen Begriff Regietheater, der auch Provokationen mit Bravos und Buhs einschließt, kann der Brite erwartungsgemäß nur wenig anfangen. "Theater ist Theater", sagt Vick: "Ich bin Regisseur. Die besten Inszenierungen sind immer eine Synthese von Regisseur und Dirigent." Und auch die archetypisch deutsche Art, sich alles tiefgründig erklären zu müssen, ist Vick fremd: "Theater ist eine Interaktion von Menschen und nicht von philosophischen Ideen. Ideen, die nicht eingebunden sind in diese Interaktion, führen zu einem schlechten Theater. Das ist wie mit Leben und Tod. Wir können über den Tod nur reden, wenn wir über das Leben verhandeln. Das ist für mich ein menschlicher Ansatz." Als Regisseur hat Vick einen Hang hin zur Psychoanalyse, hin zu den dunklen Abgründen.

Vick gilt wie Runnicles als Wagner-Kenner, er hat bereits "Parsifal", "Tannhäuser", "Die Meistersinger", zweimal den "Ring des Nibelungen" inszeniert. Den dritten "Ring" wird er demnächst in Palermo beginnen. Unter den Komponisten bleibt dennoch Mozart sein Favorit. Zu Wagner habe er ein ambivalentes Verhältnis, sagt er, dass sei ähnlich wie bei seinem Vater, den er auch mal hasste, aber immer liebt. "Manchmal bin ich Wagner nah, manchmal fern und wir kämpfen miteinander." Es gab Phasen, in denen er nie wieder Wagner machen wollte, aber dann habe sein Libido doch wieder nach Wagner gerufen.

Den größten Unterschied zur alten Inszenierung sieht Vick in der Art des Menschseins. "Der Zugang von Götz Friedrich, der in der Bayreuther Tradition von Wieland Wagner stand, war sehr heroisch, pathetisch. Aber in unserer Welt gibt es nichts Heroisches mehr. Deshalb zeige ich einen Anti-Tristan, einen ganz alltäglichen Tristan." Bei Vick hadert Tristan daheim auf dem Sofa.

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