16.02.11

Theatertreff

Berlins große Bühnen gehen bei Festival leer aus

Die Provinz kann sich freuen, die etablierten deutschen Staatstheater gehen leer aus: Übliche Verdächtige wie Petras, Thalheimer oder Gotscheff fehlen beim diesjährigen "Festival der deutschsprachigen Bühnenkunst". Dafür sind drei Off-Produktionen mit dabei.

Von Stefan Kirschner
Foto: Dorothea Tuch/Ballhaus Naunynstraße
Verrücktes Blut
Wenn's freiwillig mit Schiller nicht klappt, dann eben mit Gewalt: Szene aus "Verrücktes Blut" im Ballhaus Naunynstraße

Zwei Off-Produktionen aus Berlin sind zum "Festival der deutschsprachigen Bühnenkunst" eingeladen: "Testament" der Performancegruppe She She Pop kam am Hebbel am Ufer (HAU) heraus – als Koproduktion mit Kampnagel (Hamburg) und dem FFT Düsseldorf. Ausgehend von Shakespeares Tragödie "König Lear" verhandelt die Truppe das Problem des Erbens in unserer Gesellschaft. Auf der Bühne stehen neben den She She Pop-Akteuren auch deren Väter, die ja bei dieser Frage nicht ganz unbeteiligt sind. Ein großer Theaterabend!

Außerdem aus Berlin mit dabei: "Verrücktes Blut". Die Gemeinschaftsproduktion des Ballhauses Naunynstraße und der Ruhrtriennale hatte Anfang September in Duisburg Premiere. Das Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, dem langjährigen Chefdramaturgen der Schaubühne, entwickelte sich in Kreuzberg schnell zum Geheimtipp. Allemal nach dem Erscheinen des Sarrazin-Buches. Denn die Inszenierung, in der eine überforderte Lehrerin mit gezückter Pistole ihrer arabisch-türkisch geprägten Klasse Schiller nahe8bringt, spielt mit den in der Sarrazin-Debatte vorgebrachten Klischees – und überrascht mit neuen Wendungen.

Bibbern bei der Vorstellung

Dass zwei Produktionen aus dem Off-Bereich und drei Inszenierungen von Stadttheatern es unter die "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen" (das ist das Auswahlkriterium) geschafft haben, das gab es schon länger nicht mehr. Normalerweise dominieren die großen Bühnen und die großen Städte, weil eine bessere finanzielle Ausstattung nun einmal dazu führt, dass ein Ensemble hochkarätiger besetzt ist und entsprechende Regisseure dort arbeiten. Aber Theater ist in diesem Fall wie Fußball: Auch dort gibt immer mal wieder eine Saison (wie die gerade laufende), in der es die vermeintlich kleinen Mannschaften bis ins Pokal-Endspiel oder auf einen Platz an der Sonne in der Bundesliga schaffen – auch wenn letzteres noch nicht endgültig entschieden ist.

Stolz sei er, sagte Juror Wolfgang Höbel, dass die Auswahl etwas Neues und Überraschendes biete, das auch jenseits der großen Metropolen entstanden sei. Und betrachtet man die vergangenen zwölf Monate in Berlin, dann kann man das Votum der Theatertreffen-Jury verstehen. Natürlich gab es auch einzelne Produktionen an den großen Häusern der Hauptstadt, die eine Einladung verdient gehabt hätten. Aber man muss schon eine Weile darüber nachdenken, bis einem zum Beispiel Stephan Kimmigs zeitgemäße Gorki-Inszenierung "Kinder der Sonne" einfällt, die mit einem wunderbar-spielfreudigen Ensemble am Deutschen Theater herauskam.

Im letzten Jahr des scheidenden Festspiel-Intendanten Joachim Sartorius gab es tatsächlich noch ein Debüt: Die zum Berliner Theatertreffen ausgewählten Inszenierungen wurden nicht per Email verkündet, sondern auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Von allen sieben Jurymitgliedern. Noch dazu an dem Ort, an dem im Mai ein Großteil der Inszenierungen gezeigt wird: der Bühne des Festspielhauses. Direkt vor dem Eisernen Vorhang, denn der Zuschauerraum wird gerade saniert. Sollte Festspiel-Chef Sartorius mit dieser neuen Art der Präsentation die Hoffnung verbunden haben, dass über die Entscheidung gleich an Ort und Stelle diskutiert wird, dann hätte er für etwas mehr Behaglichkeit sorgen müssen. Denn bei gefühlten Innen-Temperaturen im einstelligen Celsius-Bereich verging vielen Anwesenden die Lust aufs Fragen. Die Mäntel wurden gleich anbehalten. Es gab keine Heißgetränke, nur Mineralwasser. Das Resultat, vielleicht ja gewünscht: Eine Pressekonferenz in Rekordzeit.

Davon konnte bei der Jurysitzung keine Rede sein. Den ganzen Montag hatten die drei Damen und vier Herren (die Frauenquote schon umgesetzt, wie Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg scherzte), den ganzen Tag diskutiert. In 46 Städten hatte sich die Jury über 300 Inszenierungen angeschaut, 36 waren in die engere Wahl gekommen. Nur ein Regisseur ist mit zwei Inszenierungen vertreten: Theatertreffen-Debütant Herbert Fritsch, vor vielen Jahren einer der gefeierten Schauspieler des Volksbühnen-Ensembles, arbeitet regelmäßig in Oberhausen und tingelt inszenierend durch die Provinz. Fritsch zeigt seinen in Schwerin realisierten "Der Biberpelz" und den Ibsen-Klassiker "Nora oder Ein Puppenhaus" (Theater Oberhausen). Ebenfalls erstmals beim Theatertreffen dabei ist Roger Vontobel, der am Staatsschauspiel Dresden Schillers "Don Carlos" auf die Bühne gebracht hat.

Höhenflug in Köln

Als einziges Theater zweimal vertreten ist das Schauspiel Köln, das unter der Intendantin Karin Beier zum Erfolg zurückfand. Im letzten Jahr wurde ihr Haus sogar dreimal eingeladen. Diesmal werden Karin Henkels Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" und Elfriede Jelineks Dreierstreich "Das Werk"/"Im Bus"/ "Ein Sturz" unter der Regie der Intendantin gezeigt. Die wird den erneuten Erfolg wohl zum Anlass nehmen, Köln den Rücken zu kehren und nach Hamburg ans verwaiste Schauspielhaus zu wechseln. Denn das Theatertreffen dient schließlich auch als Karrieresprungbrett.

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