16.02.11

Schaubühne

Wengenroth will im Musical Christiane F. zu viel

Nach "Lulu" sollte ein weiteres Stück Sprengstoffpotential an die Berliner Schaubühne bringen. Doch das Musical "Christiane F." unter der Regie von Patrick Wengenroth ist ein heterogener Fleckenteppich, der vieles anreißt, aber nicht in die Tiefe geht.

Foto: Sebastian Gabsch
Schaubuehne, Foto: Sebastian Gabsch
Hier treffen zwei Extremcharaktere aufeinander: Patrick Wengenroth hat sich Christiane F. angenähert

Mit zwölf ging's los: Pillen. Mit 13 erste Spritze, mit 14 Babystrich. Christiane F. war eins der Kinder vom Bahnhof Zoo – das berühmteste. Die anderen von damals, zweite Hälfte Siebziger, sind längst tot. Das Mädchen Christiane überlebte den Horror. Die beiden "Stern"-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck spürten es auf, stellten ihm ein Mikro hin und machten aus Gesprächen mit der 16-Jährigen den Schocker "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" – ganz Westdeutschland war erschüttert. Und West-Berlin anno 1978 etabliert als gefährlichster Ort im Land. Drei Jahre später startete der Film zum Buch mit dem seinerzeit "härtesten Stoff", wie Regisseur Uli Edel werbewirksam ausrief. Der bescherte allen seinen Verwertern das Geschäft ihres Lebens.

Auch jetzt, nach drei Jahrzehnten noch, reizt der berüchtigte Stoff die Massen: Patrick Wengenroth hat ihn (nach den "Stern"-Texten) für die Schaubühne eingerichtet. Und sorgte prompt für reißenden Kartenvorverkauf. Sex and Crime plus Drogen: Der klassische Nervenkitzel, das profitable Bürgerschreck-Thema, die drastische Sucht-Aufklärung, das pädagogisch wertvolle Drogen-Warnstück – das alles ist Wengenroths Kompakt-Fassung ein bisschen. Irgendwie.

Doch sie will das nicht wirklich. Sie will vielmehr Kunst-Stück sein über ein elendeuphorisch-kaputtes Daseinsgefühl. Also keine platte Vorlesung über Drogenmissbrauch samt seiner in jeder Hinsicht zerstörerischen Folgen. Schließlich versteht sich auch das Studio der Schaubühne nicht als Sozialstation. Nicht als Konkurrenz zur staatlichen Sucht-Hilfe. Was also tut Regisseur Patrick Wengenroth, der zurecht auch von der Berliner Morgenpost gerühmt wurde für sein sarkastisches, trefflich Medien-kritisches Collage-Format "Planet porno" sowie für seine hinreißend spielerischen Paraphrasen über Schillers und Brechts Theater-Ästhetik? Wengenroth beschwört Stimmung. Sucht das Drama in Christianes Teenager-Lebenstraum vom liebevollen Daseinsglück im Kreuzberger Zweiraumnest, der erstickt wird vom Heroin, das für kurzfristige Wohlfühl-Momente sorgt, für Fluchten aus dem familiären Elend im Rudower Hochhaus-Ghetto. Und bleibt doch kleben an der Journaille. Wengenroth hat den Stoff für eine Tragödie im Schillerschen Sinn und zitiert doch bloß Befindlichkeiten. Klammert an Brecht. Listet diverse Schnipsel des erschütternden Doku-Materials über eine Sucht-Karriere auf, verteilt auf vier Sprecher (nicht Spieler: Jule Böwe, Lea Draeger, Franz Hartwig, Ulrich Hoppe). Und statt mit Brechts Haus-Musiker Hanns Eisler konterkariert Wengenroth im Bühnen-Leer-Raum seinen Lehrstück-Verschnitt mit Lindenberg, den der durchaus sympathische Dickbauch mit Pagenfrisur und Bärtchen selbst ziemlich weich und zart singt; eben nicht als Rocker wie unser aller Udo mit der rauen Röhre, nicht als dessen schnöde Kopie. Das ist das Schöne.

Das Schlimme ist: Wengenroth hübscht mit den bittersüß schmelzenden, schwermütig-leichten, dennoch tiefsinnigen Lindenberg-Liedern die nüchterne Kleinveranstaltung über den großen Drogen-Horror bloß auf. Ein Missbrauch: Udo als Dekorateur einer notdürftig angedeuteten Drogenkarriere. Das ganze Unternehmen ein schüchterner Musical-Versuch. Eine niemanden wirklich schmerzende Erinnerung. Arme Chris! Eine Tragödie fix verramscht zur höchstens fatalen Ungehörigkeit, vor der mit dem wackelnden Zeigefinger ein klein wenig gewarnt wird. Haben Christiane F. & Co. nicht verdient. Und nicht ihre kaputten Nachfolger heutzutage.

SCHAUBÜHNE AM LEHNINER PLATZ, Berlin, Kurfürstendamm 153. Termine: 16., 17., 18. Februar, 14., 30. März 2011; Tel. (030) 890.023.

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